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Kar­riere

Ziem­lich geile Auf­ga­ben

Der Kulturwandel bei Versicherern nimmt Fahrt auf: Mehr Trial and Error, Coworking-Spaces, gar ein hauseigenes Basketballfeld – die neue Arbeitswelt spiegelt eine Branche im digitalen Umbruch wider.

Mit dem Telefon geht es schon los. Es gibt nämlich keins. Wer Steffen Schmolz im Agile Training Center in Stuttgart erreichen will, muss ihm eine E-Mail schreiben. Die liest er, wenn es zeitlich in seinen Rhythmus passt und er nicht aus der Konzentration gerissen wird, wie es bei einem klingelnden Telefon der Fall wäre. In dem Center der Allianz wird die Arbeitswelt von morgen schon heute erprobt, und Schmolz ist einer der Akteure. „Wir sind in der Entwicklung von Ideen verblüffend schnell und kreativ“, sagt er. „Die Zusammenarbeit hier ist eine ganz neue.“

Schmolz weiß, wovon er spricht. Seit 2002 arbeitet der Wirtschaftsinformatiker bei der Allianz. Er kennt auch die alte Welt der Versicherungen. Die, in der die Beschäftigten in kleinen Büros mit wenigen Kollegen zusammensitzen, wo Räume nach Zuständigkeiten und Hierarchien verteilt sind und sich Abteilungen nur punktuell vernetzen. Im Agile Training Center hingegen gibt es keine Einzelbüros. Schmolz’ Team besteht aus zwölf Kollegen: Versicherungsfachleuten, Produktdesignern, Business Analysten und eben Softwareentwicklern. Alle sitzen zusammen in einem Raum, Absprachen erfolgen auf Zuruf. Das Agile Training Center wurde nach dem Konzept eines Start-ups entwickelt – und das mitten in einem Konzern.

Alles neu im Arbeitskosmos Versicherung

Was futuristisch klingt, wird in der Assekuranz immer mehr zur Gegenwart. Die Branche verändert sich massiv und mit ihr auch der Arbeitskosmos „Versicherung“. Die umwälzenden Kräfte der Digitalisierung verlagern das Geschäft immer mehr ins Netz und verändern Arbeitsprozesse. Die Kunden erwarten digitale Angebote, und es dringen neue Wettbewerber in den Markt, die genau das bieten. Die Versicherer stellen sich auf all das ein und verändern sich, nach innen und nach außen. Das bietet nicht nur den Unternehmen Chancen, sondern lässt ganz neue Jobs entstehen. Die sind auch für junge Talente attraktiv, etwa Data-Analysten, Kunstexperten und sogar Astrophysiker. Astrophysiker? Ja, auch die. Denn sie sind den Umgang mit gigantischen Datensätzen gewohnt.

Mal eben ein Geodaten-Tool programmieren

Auch wer schon vor Jahren bei einer Versicherung angeheuert hat, darf sich auf neue Aufgaben stürzen. So wie Willi Weber zum Beispiel. Weber ist Wirtschaftsinformatiker, aber wer mit ihm spricht, könnte ihn auch für einen Geografen halten. Schon als Student im dualen Studium hat er bei HDI angefangen, ganz klassisch in der Softwareentwicklung. Eines Tages lernte er einen Kollegen kennen, der für Industrieversicherungen Naturgefahren analysierte, und das brachte Weber auf eine Idee: Im Zuge der Globalisierung gewinnen Natureinflüsse in der Industrieversicherung an Bedeutung.

„Früher ging es bei Naturgefahren nur um Sturmschäden oder gelegentliche Überschwemmungen der Elbe“, erzählt der 36-Jährige. „Aber die Geschäftstätigkeit hat sich durch die Globalisierung immer mehr in Regionen außerhalb Europas verlagert. Heute sind wir ganz anders mit Erdbeben, Tropenstürmen und Sturm-fluten konfrontiert.“ Deshalb wollte Weber für HDI ein hauseigenes Geodaten-Tool entwickeln. Eines, das nicht nur wenige Fachleute nutzen können, sondern jeder einzelne Sachbearbeiter an seinem Schreibtisch.

Also hat Weber sich ans Programmieren gemacht und Argos entwickelt, eine digitale Risikolandkarte, ähnlich dem Kumul-Informations-System KIS, das der GDV stetig weiterentwickelt. Die HDI-Software wertet geografische Informationen von Behörden, Forschungsinstituten, Wetterstationen und Seismografen weltweit aus. Die Risiken für eine Industrie- und Firmenversicherung können dadurch passgenau analysiert werden, das System nimmt sogar selbst eine Bewertung vor. Die Sachbearbeiter der HDI können mit wenigen Klicks prüfen, ob der neue Standort eines Kunden zum Beispiel im Erdbebengebiet liegt oder ein erhöhtes Risiko für Sturmschäden besteht. „Dass ich mal Experte für geografische Daten werden würde, hätte ich auch nie gedacht“, sagt Weber. „Aber die Digitalisierung erfordert von uns allen ein ganz neues Denken.“

Cyberversicherung: Die 18-Milliarden-Chance

Intern haben sich die Abläufe in den Versicherungsunternehmen ohnehin längst verändert. Vor allem Routinetätigkeiten werden automatisiert und von Algorithmen übernommen – statt wie bisher von Sachbearbeitern. In der Lebens- versicherung bearbeiten Computersysteme bereits 8,7 Prozent aller Anfragen, in der Schaden- und Unfallbearbeitung sind es sogar 15,7 Prozent.

Und das sind nur die internen Veränderungen. Extern setzen vor allem die Kunden die Impulse für neue Aufgaben. Sie wollen ihre Versicherungen heute im Internet kaufen, genauso wie ihre Bücher auf Amazon oder Schuhe bei Zalando. Und sie erwarten ein schnelleres und exibles Handeln von ihrem Versicherer, individuelle Lösungen und natürlich für sich persönlich den besten Preis.

Genau das versprechen die Start-ups. Um ihnen nicht das Feld zu überlassen, müssen die Konzerne selbst den Schritt in die neue Welt wagen. Sie sind kräftig dabei. Einer Analyse der Unternehmensberatung Bain & Company zufolge sind die Versicherer derzeit vor allem in fünf Bereichen aktiv: bei der Entwicklung digitaler Plattformen, der Omnikanalausrichtung, der Big-Data-Nutzung, der automatischen Verarbeitung und natürlich beim Aufbau agiler Organisationen.

Damit einher gehen große Chancen. Versicherer können neue Märkte erschließen und sich in den etablieren Geschäftsfeldern neu positionieren. Heute bietet die Assekuranz zum Beispiel Cyberversicherungen an – ein Feld, das es noch vor wenigen Jahren nicht einmal gab. Bain & Company hat seine jüngste Studie zur Branche gar „Die 18-Milliarden-Chance“ genannt, wenn Deutschlands Sachversicherer alle Potenziale der Digitalisierung ausschöpfen. Dafür braucht es Leute. Gute Leute. Und neue Strukturen. Unternehmen müssen schnell auf Veränderungen reagieren, sich anpassungsfähig und kundenzentriert zeigen.

Diese Botschaft ist angekommen. Versicherer eröffnen Standorte wie das Agile Training Center der Allianz. Oder den „Heimathafen Hamburg“, den die Axa jüngst eingerichtet hat. Der Konzern ist im Sommer mit 700 Mitarbeitern an einen neuen Standort gezogen, an dem ein „New Way of Working“ eingeleitet werden soll. Statt kleiner Einzel- und Doppelbüros gibt es im Heimathafen ein offenes Raumkonzept und Orte, die extra für einen kreativen Austausch eingerichtet sind. Meetings können im Ambiente einer Waldlichtung abgehalten werden, in der Pause werfen die Beschäftigten Körbe auf dem hauseigenen Basketballfeld. Es gibt interdisziplinäre Teams und das Angebot an alle Mitarbeiter, zwei Tage in der Woche außerhalb des Heimathafens zu arbeiten – Google lässt grüßen!

Klingt nach Zukunft? Das ist die Gegenwart. Arbeitsroutinen durchbrechen, neues Denken ermöglichen. Darauf kommt es in der Branche immer mehr an. „Für den Erfolg beim Kunden braucht es eine neue Zusammenarbeit“, sagt der Axa-Vorstandsvorsitzende Alexander Vollert, „transparenter, offener, schneller und flexibler.“ Perspektivisch sollen alle Axa-Standorte nach dem Prinzip des New Way of Working umgebaut werden.

Personaler als Speerspitze der Veränderung

Neues Denken in neuen Räumen – dafür braucht es veränderte Einstellungen, neudeutsch: Mindset. Deshalb müssen auch die Personaler lernen, neu zu denken, wenn sie die Beschäftigten mit in die Zukunft nehmen wollen. Sie sind die Speerspitze der Entwicklung im eigenen Haus – und haben selbst große Change-Prozesse hinter sich.

So wie Ira Maassen. Die 50-Jährige ist Personalerin und Coach bei der LVM in Münster. Maassen arbeitet seit 30 Jahren bei Versicherungen. Sie hat unzählige Change-Prozesse begleitet, hat Hunderte Mitarbeiter geschult und gecoacht. Per Definition nennt sich ihre Tätigkeit heute noch genauso wie früher, inhaltlich aber macht sie einen ganz anderen Job. Früher, erzählt Maassen, seien nur Führungskräfte ins Coaching gekommen. Entsprechend ging es um klassische Führungsthemen wie Teambuilding und Mitarbeitermotivation. Heute kommen auch junge Versicherungskaufleute, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Die Themen seien sehr viel persönlicher geworden: Es gehe um Orientierung in der komplexen Berufswelt. Darum, in neue Arbeitsprozesse reinzuwachsen.

Keine Angst vor Veränderungen zu haben. Und vor allem gehe es viel um die Abgrenzung von Freizeit und Job, die Work-Life-Balance, sagt Maassen. „Ich musste mich als Personalerin im Zuge der Digitalisierung selbst sehr verändern. Die Kommunikation, mein Handwerkszeug, vollzieht sich heute auf ganz anderem Wege und in einer anderen Sprache.“

Verantwortung für Mitarbeiter heißt: Auf Fortschritt setzen

Fast 300.000 Angestellte sind bei Versicherungsunternehmen und -vermittlern beschäftigt. Hinzu kommen rund 230.000 selbstständige Makler und Versicherungsberater. Zählt man die Mitarbeiter bei den Dienstleistern und anderen profitierenden Branchen hinzu, sind in Deutschland sogar knapp 1,2 Millionen Menschen in der Versicherungswirtschaft tätig. Das geht aus der neuesten Studie des Prognos-Instituts für den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hervor. 2015, so die jüngsten Zahlen, war die Assekuranz für 3,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und 2,7 Prozent aller Erwerbstätigen verantwortlich. Das ist eine große Verantwortung.

Um dieser Verantwortung auch in Zukunft gerecht zu werden, nutzen die Versicherer die Chancen des technischen Fortschritts. Mit der Arbeitswelt im Großen wandelt sich auch die Aufgabe der einzelnen Mitarbeiter im Kleinen. Natürlich sind die meisten Beschäftigten einer Versicherung immer noch vom Fach. Versicherungskaufleute und Wirtschaftswissenschaftler bilden nach wie vor die größte Berufsgruppe. Es werden aber zunehmend Experten anderer Fachrichtungen gebraucht.

Andreas Eurich, Vorstandsvorsitzender der Barmenia und Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes der Versicherungsunternehmen, ist davon überzeugt, dass vor allem die MINT-Fächer immer mehr an Bedeutung gewinnen werden: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. „Die Entwicklung wird voraussichtlich zu einem veränderten Bedarf an Kompetenzen und damit auch an Mitarbeitern führen – zu Wachstum in einigen, aber auch Personalabbau in anderen Bereichen“, sagt Eurich. „Was sich abzeichnet, ist der Rückgang von Routinetätigkeiten und eine steigende Nachfrage nach flexiblen und innovativen Problemlösungen.“

Das bedeutet allerdings auch, dass klassische Jobs in der Assekuranz wegfallen werden. Beispiel Vertreter und Makler: 2010 gab es noch 263.500 Vermittler. 2016 waren es nur noch 228.300. Natürlich sind der persönliche Kontakt und eine gute Beratung heute noch bei Produkten gefragt, die langfristig wirken und als existenziell empfunden werden. So wie die Altersvorsorge. Die Lebensversicherung. Oder auch die Krankenkasse. Das Internet gewinnt aber als Vertriebskanal an Bedeutung – mit Folgen für die Beschäftigten. Das verunsichert viele Angestellte und auch Selbstständige. Wer keines der neuen Jobprofile erfüllt, fürchtet oft, bei der Entwicklung auf der Stecke zu bleiben. Es kursieren beängstigende Zahlen: Um 15 bis 50 Prozent werde die Zahl der Beschäftigten in den kommenden zehn Jahren sinken, heißt es in den düstersten Szenarien.

Michael Niebler hält solche Zahlen für Panikmache. Als geschäftsführendes Vorstandsmitglied beim AGV, dem Arbeitgeberverband der Versicherungsunternehmen, kennt er die Zahlen. Im vergangenen Jahr seien im Innendienst nur 0,9 Prozent der Stellen weggefallen, insgesamt seien es in der Branche 1,5 Prozent gewesen. „Wir dürfen die Arbeitgebermarke nicht kaputtreden“, warnt Niebler. „Das Geschäftsfeld der Versicherer löst sich nicht auf, sondern verändert sich.“ Die Unternehmen würden immer mehr zum „Haus der einhundert Berufe“ und damit zu vielseitigen Arbeitgebern. Und angesichts der realen Zahlen seien sie auch langfristig ein Hort der Stabilität.
Dass das so bleibt, wollen die Arbeitnehmer aber gern schriftlich verankern. Die Gewerkschaft Verdi handelt seit Anfang 2017 mit dem Arbeitgeberverband einen Zukunftstarifvertrag Digitalisierung aus. Ziel ist es, der Entwicklung nicht hinterherzuhinken, sondern sie aktiv im Sinne der Beschäftigten zu gestalten. Der Zukunftstarifvertrag soll vor allem langfristig Jobs in der Branche sichern und ein Recht auf Fortbildung regeln, damit alle Beschäftigten ins neue Zeitalter mitgenommen werden können.

Wer Talente anlocken will, muss ihnen Work-Life-Balance bieten

Davon profitieren faktisch alle Angestellten, ist die Versicherungswirtschaft doch die Branche mit dem höchsten Grad an Tarifbindung. Unabhängig davon engagieren sich viele Unternehmen schon heute, um ihren Angestellten nicht nur interessante Aufgaben, sondern eine funktionierende Work-Life-Balance zu ermöglichen. Flexible Arbeitszeiten sind ebenso im Angebot wie Teilzeitstellen, das Bewusstsein um den Wert betrieblicher Gesundheitsvorsorge wächst. Auch um kleine Kinder wird sich gekümmert: Rund die Hälfte der Arbeitgeber bietet eine Kinderbetreuung bei Notfällen oder in den Ferien. 16 Prozent der Versicherer haben einen eigenen Betriebskindergarten, besagen aktuelle AGV-Zahlen, mehr als ein Drittel zahlt Zuschüsse zu externen Kitas oder hat dort ein Firmenkontingent. Und 33 Prozent bieten ihren Angestellten ein Eltern-Kind-Büro.
Den Versicherern ist klar: Um als attraktive Arbeitgeber zu glänzen, müssen sie mehr offerieren als spannende Aufgaben. Das Gesamtpaket muss stimmen, sonst gehen die Talente trotzdem zu anderen Arbeitgebern. Doch wenn der Rahmen passt – und darauf legen die Versicherungsunternehmen viel Wert – , dann gilt wieder: „The trend is your friend.“ Und dieser Trend ist klar: weniger Routine, mehr Innovation.

Eine App mitentwickelt – und das in der Tarifabteilung

So wie bei Martin Ballerstein, der in einem eigentlich ganz klassischen Versicherungsfeld arbeitet. Der 34-Jährige ist bei der HUK-Coburg Teamleiter Tarifierung. Er berechnet die Beiträge für alle Versicherungen – außer Lebensversicherung und Krankenkasse –, mehr Kerngeschäft geht wirklich nicht. Doch selbst da verfolgt er einen Ansatz, der noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Beispiel Kfz-Versicherung: Früher, erzählt Ballerstein, hätte der Kunde sich ein Auto gekauft, einen Termin mit dem Versicherungsvertreter abgesprochen und eine Versicherung abgeschlossen. Heute verkauft der Autohändler die Versicherung in einem großen Servicepaket gleich mit. Um dagegen anzukommen, müssten die Leistungen der Versicherer individueller sein.

Ballerstein hat dafür eine App mitentwickelt – und das in der Tarifabteilung. Da werden heute mittels Telematik Tools geschaffen, die den Kunden maßgeschneiderte Policen ermöglichen. Die App wertet das Fahrverhalten der Versicherten aus. Dafür muss der Kunde im Auto ein kleines Gerät in den Zigarettenanzünder stecken. Das zeichnet während der Fahrt die Geschwindigkeit, die Position und Beschleunigung auf. Anhand der Daten kann die Versicherung die Fahrqualität beurteilen und bei umsichtiger Fahrweise einen individuellen Abschlag auf den Tarif anbieten. „Wir sitzen per Big Data praktisch auf dem Beifahrersitz“, sagt Ballerstein.

Wenn er solche Sätze sagt, merkt man ihm die Begeisterung an. Ballerstein ist jemand, der für sich ursprünglich einen ganz anderen Berufsweg sah. Während des Studiums hatte er noch vor, in die Chemieindustrie zu gehen. In diese Richtung zielte auch seine Dissertation. Hätte man ihm da gesagt, er werde eines Tages in einer Versicherung Tarife errechnen, hätte er womöglich gelacht. Heute aber hat er sein Feld gefunden. „Die Nutzung der Telematik in der Tarifierung ist ein Quantensprung“, sagt Ballerstein. „Die Technik ermöglicht und erfordert die Entwicklung ganz neuer Ideen. Ich finde das sehr spannend.“

Tools wie die Fahr-App werden natürlich nicht allein von Systementwicklern entwickelt. Sie zu er finden setzt voraus, anders und unvertraut zu denken. Dafür werden Spezialisten gebraucht, die man früher eher nicht bei einer Versicherung vermutet hätte. Bio-Informatiker. Klimaexperten. Und eben Astrophysiker. Ballerstein sagt: „Man muss heute ressortübergreifend vorgehen.“

Die Leute wollen mit zwei Klicks zum Produkt

So bilden sich ganz neue Teams. Und das gibt neue Impulse. Genau auf die kommt es an. „Wir müssen ein bisschen Start-up-Kultur in die Unternehmen bringen“, sagt André Dörfer, Change-Berater und Personalentwickler bei der R+V Versicherung. „Wir sind in einer Phase, in der wir über alles anders nachdenken und Neues ausprobieren. Start-ups sollten wir nicht als Bedrohung sehen, sondern als Inspirationsquelle zur Entwicklung agiler Strukturen.“

Deshalb sitzt Iris Ganz, 47 Jahre alt, bei R+V im IT-Kundenmanagement, also an der Schnittstelle zwischen Kunden und IT. Schon dass das überhaupt als Schnittstelle definiert wird, ist Ausdruck der Umwälzung. Früher, erzählt Ganz, waren das getrennte Bereiche. Erst hat das Kundenmanagement ein Produkt entwickelt und als Auftrag an die IT formuliert. Die war Dienstleister: Sie hat die Idee des Kundenmanagements technisch umgesetzt. Die Arbeitsbereiche waren eingegrenzt. Und damit auch das Denken der einzelnen Kolleginnen und Kollegen.

Inzwischen läuft die Planung von vornherein zusammen: die ersten Schritte zur Ideenfindung, die Entwicklung eines Prototyps, die Testphase für das Produkt. Die Herangehensweise ist eine ganz neue. Und vor allem der Fokus. Wer heute in einer Versicherung Produkte entwickle, denke alles aus Sicht des Kunden, erzählt Ganz. Es gehe nicht mehr darum, möglichst viele und komplexe Policen anzubieten, zwischen denen der Kunde sich entscheiden muss. Der gibt selbst den Takt vor. Er will leicht bedienbare, überschaubare Onlineangebote. „Niemand will mehr viele Seiten Text lesen“, sagt Ganz. „Die Leute wollen mit zwei Klicks zum Produkt.“

Der Wille zum Kulturwandel

Wenn Kunden das bei ihrem Versicherer nicht bekommen, gehen sie eben zum nächsten. Für die Beschäftigten in den Versicherungsunternehmen bedeutet das eine spannende Herausforderung. Wer den Weg in die Zukunft mitgehen will, muss multimedial denken, in den sozialen Netzwerken ebenso zu Hause sein wie im klassischen Versicherungsgeschäft und vor allem: den Kulturwandel wollen.

Text: Elke Spanner

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