Positionen-Magazin
Indus­trie­ver­si­che­run­gen

Wie sich Unter­neh­men gegen Betriebs­un­ter­bre­chun­gen absi­chern kön­nen

Fallen in Fabriken ganze Schichten aus, entsteht schnell ein Millionenschaden. Die Digitalisierung verschärft das Risiko von Betriebsunterbrechungen zusätzlich. Deutschlands Industrieversicherer stellen sich darauf ein – und arbeiten mit ihren Kunden an maßgeschneiderten Lösungen.

Elvira, Friedericke und Gi­sela kamen kurz nachein­ander, und sie brachten Unheil. Mit Gewittern und Starkregen zogen die drei Tiefdruckgebiete Mitte 2016 über Deutschland hinweg und richteten große Schäden an. Die Wassermassen überschwemmten etliche Straßen, ganze Dörfer – und das Audi-Werk in Neckarsulm. Etwa zwei Meter hoch stand das Wasser im Keller, besonders hart traf es ein Presswerk, in dem Karosserieteile geformt werden, sowie die daran angeschlossene Montage. Einen halben Tag stand die komplette Fabrik still, bis alle Bänder in dem Werk mit fast 17.000 Mitarbeitern wieder liefen, vergingen mehrere Tage. Teuer war die Zwangspause nicht nur, weil das Wasser Maschinen zerstört und jede Menge Dreck in die Hallen gespült hatte. Hohe Kosten entstanden auch durch all die Stunden, in denen keine Autos gebaut werden konnten.

Ein solcher Produktionsstopp kann im Extremfall die Existenz eines Unternehmens gefährden – wenn er nicht abgesichert ist. Deshalb sind sogenannte Betriebs­unterbrechungsversicherungen, die zu den Industrieversicherungen gehören, für viele Betriebe unverzichtbar. Denn die Risiken wachsen: Seit Jahren häufen sich Großschäden mit einer Schadensumme von 100 Millionen Euro und mehr, wie die Statistik der Versicherungswirtschaft zeigt. Bei der Assekuranz übersteigt die Gesamtsumme aus Schäden und Kosten seit 2010 sogar die Beitragseinnahmen (siehe Grafik).

Dominoeffekt dank Digitalisierung

„Sowohl die Häufigkeit von Betriebs­unterbrechungen nimmt zu als auch die Schadenshöhe“, sagt Michael Busch, Leiter der GDV-Kommission Sachversicherungen Firmengeschäft. Lieferketten und Produktionsprozesse würden nicht nur internationaler, sondern auch immer vernetzter, digitaler und dadurch anfälliger für Störungen. Fällt in einer eng vernetzten und getakteten Produktionskette ein Glied aus, stürzen wie beim Domino auch die darauffolgenden Bausteine. Just-in-time-Fertigung und Lean-Production senken zwar die Kosten und steigern die Effizienz – aber sie erhöhen auch das Risikopotenzial.

Reiner Feuerschutz reicht nicht mehr aus

In der Folge hat sich auch der Umfang der Policen verändert. Ein reiner Feuerschutz reicht nicht mehr aus, wenn Rohstoffe aus politisch instabilen Regionen kommen, Lastwagen mit wichtigen Bauteilen in Grenzkontrollen festhängen oder aufgrund des Klimawandels Unwetter, Hochwasser und Stürme gehäuft auftreten. 1998 flossen noch mehr als drei Viertel der Versicherungsbeiträge in klassische Feuer-Industrie- oder Feuer-Betriebsunterbrechungs-Policen. 2016 machten sie nur noch 42 Prozent aus, dafür stieg die Zahl der umfassenderen Policen, der sogenannten Extended-Coverage-Versicherungen und All-Risk-Policen, stark an. Denn in der vernetzten Unternehmenswelt von heute kann ein Tsunami in Japan die Produktion von Geländewagen in Mittelengland stoppen, weil ein Zulieferer die Elektronik für den Zündschlüssel nicht mehr liefern kann. Und ein kaputtes Kälteaggregat in einem Schlachthaus kann, wie 2016 im niedersächsischen Lohne, einen Schaden von 310 Millionen Euro verursachen, weil der Betrieb nach einem Brand monatelang nicht arbeitsfähig war. 

Quelle: GDV

Es sind vor allem solche Millionenschäden, die in den letzten Jahren auffällig zugenommen haben. „Über einen längeren Zeitraum betrachtet, schwanken die Schadenssummen sehr“, sagt Alex­ander Küsel, Leiter Schadenverhütung beim GDV. Denn bei Schadenshöhen von zum Teil mehreren Hundert Millionen Euro kann bereits ein einzelnes Ereignis die Jahresbilanz stark beeinflussen. Dennoch ist ein klarer Trend erkennbar: Von den zwölf größten Schäden seit 1962 ereignete sich die Hälfte in den vergangenen sieben Jahren (siehe Grafik links). Gaben die deutschen Industrieversicherer im GDV 2010 noch rund 1,96 Milliarden Euro zur Regulierung von Schäden aus, waren es 2016 knapp 2,8 Milliarden. 

Prävention und Schutzkonzepte 

Dass trotz zunehmender Großschäden die Versicherungsbeiträge für die Kunden nur leicht gestiegen sind, liegt vor allem am florierenden Wettbewerb in diesem Segment. Deutschlands Industriebetriebe sind auch für ausländische Versicherer interessant. Die Folge ist ein breites, stark differenziertes Angebot. Industrieversicherer bieten dabei längst mehr als nur den Ausgleich entstandener Schäden. Die versicherten Unternehmen erhalten zusätzlich Unterstützung beim Risikomanagement, indem ihnen die Versicherer helfen, Schäden von vornherein zu vermeiden und Folgewirkungen zu minimieren. Das senkt nicht nur die Schadenbilanz der Versicherer, sondern schützt auch den Betrieb vor Produktionsausfällen und Reputationsverlust.

Quelle: GDV

Hauptziel der Versicherer sei es, Schäden zu vermeiden, bevor sie entstehen, nämlich durch Prävention, sagt Sachversicherungsexperte Busch. Darum gibt es große Abteilungen für Schadenverhütung und Risikovermeidung, in denen Ingenieure und Brandschutz­experten Produktionsprozesse analysieren und Unternehmen beraten. Das Ergebnis sind maßgeschneiderte Policen, denen eine gemeinsame Risikoanalyse des Versicherers und des Unternehmens zugrunde liegt.

Erfahrene Industrieversicherer verfügen über Experten mit hoher Branchenkenntnis, die genau wissen,  in welchen Bereichen typischerweise die größten Risiken schlummern und wie sich diese durch technische Entwicklungen verändern. Mit diesem Wissen können sie gemeinsam mit ihren Partnern in der Industrie Schutzkonzepte erarbeiten, beispielsweise zur Brandprävention in Chemiebetrieben, die überdurchschnittlich häufig von Großschäden betroffen sind. Die häufigste Ursache: Explosionen.

Vernetzung bedeutet mehr Anfälligkeit für Großschäden

Als neue Herausforderung kommen Risiken durch die zunehmende Digitalisierung aller Wirtschaftsbereiche hinzu. Steht plötzlich ein Hochregallager still oder fallen reihenweise Produktionsroboter aus, kann die Ursache auch ein Angriff von außen sein. „Cybersicherheit spielt heute eine sehr große Rolle. Bei allen Vorteilen, die Vernetzung bringt, steigt auch die Anfälligkeit für Großschäden“, sagt Maike Lamping, Leiterin Versicherungstechnik beim GDV. „Ein Hackerangriff kann an Hunderten von Orten auf der Welt einen Schaden verursachen – und zwar gleichzeitig.“

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Text: Wiebke Harms

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