Positionen-Magazin
Neue Bilan­zie­rungs­re­geln

Wie IFRS 17 die Ver­si­che­rungs­bran­che ver­än­dert

Die deutschen Versicherer stehen vor einer Revolution: Ab 2022 müssen börsennotierte Konzerne ihre Bilanzierung auf den internationalen Standard IFRS 17 umstellen. Das System bietet Chancen, hat aber Schwächen – und kostet Millionen. Im Ergebnis könnte es die Bilanzwelt der Branche grundlegend verändern.

Für die Allianz hat 2022 längst begonnen. Der Konzern bereitet sich schon seit 2014 auf dieses Datum vor. Denn dann beginnt eine neue Zeitrechnung bei der Bilanzierung: 2022 wird der internationale Rechnungslegungsstandard für Versicherungsprodukte, kurz IFRS 17, nach derzeitiger Planung für all jene Versicherer zur Pflicht, die an der Börse notiert sind oder sich anderweitig an den internationalen Kapitalmärkten finanzieren. Neben der Allianz trifft die Berichtspflicht in Deutschland sieben weitere Anbieter: Axa, Zurich Gruppe, Munich Re, Hannover Rück, Talanx, Generali und W&W.

Acht Jahre Vorbereitungszeit – das allein zeigt, wie viel Neues auf die Branche zukommt. Dabei reichen die Ursprünge des jüngsten International Financial Reporting Standard, den das Londoner International Accounting Standards Board (IASB) 2017 verabschiedet hat, sogar noch weiter zurück: Seit 1997 machen sich Wirtschaftsprüfer und Bilanzexperten vieler Staaten Gedanken, nach welchen Regeln sich Versicherungsprodukte bilanziell und mit Blick auf die Gewinn- und Verlustrechnung so bewerten lassen, dass alle einer gemeinsamen Linie folgen.

Ziel ist mehr Transparenz

Vieles davon ist Ansichtssache, denn es gibt in der Bilanzwelt selten richtig oder falsch, sondern oft mehrere mögliche Betrachtungsweisen. Ist etwa eine Anleihe, in die ein Versicherer das Kapital aus Lebensversicherungen investiert, das wert, was sie beim Einkauf gekostet hat – oder das, was aktuell bei einem Verkauf zu erlösen wäre? Wie sind künftige Zahlungsverpflichtungen heute zu bewerten? Wie wird die Servicemarge einer Versicherung berechnet? Über solche Fragen haben Experten 20 Jahre lang gestritten. Entstanden ist ein hochkomplexes Regelwerk. Für die deutschen Versicherer bedeutet es eine Revolution.


Aktueller, transparenter und international vergleichbar sollen die Bilanzen werden – ein Ziel, von dem Unternehmen und Investoren gleichermaßen profitieren könnten: „IFRS 17 bringt grundsätzlich viele positive Veränderungen mit sich“, sagt Joachim Kölschbach, Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, der auf Rechnungslegung nach IFRS bei Versicherungen spezialisiert ist. Denn die Branche kann erstmals auf eine Berichterstattung bauen, die stabilen und vergleichbaren Regeln folgt statt bloß nationalen und regionalen Vorschriften. Auf der anderen Seite steht der immense Aufwand für die Vorbereitung. Deshalb können sich auch nicht alle für den neuen Standard erwärmen: Weltweit klagten viele Versicherer zuletzt über zu wenig Zeit und hohe Kosten.

Tatsächlich sind immense Investitionen in die Abschlussprozesse und die IT nötig. „Wir erwarten Implementierungskosten im unteren dreistelligen Millionen-Euro-Bereich“, sagt Roman Sauer, Leiter des Fachbereichs Bilanzierung und Berichtswesen der Allianz Gruppe. Doch die Sache lohne sich, „insbesondere in Hinblick auf die bessere Vergleichbarkeit, gerade mit Wettbewerbern in Asien, und durch die größere Transparenz“. Mit eingerechnet in das Budget hat Sauer die Umstellung auf IFRS 9, den Standard für Finanzinstrumente, der zeitgleich mit IFRS 17 für die Branche gelten soll. Die Kosten sind damit ähnlich hoch wie jene für das EU-Regelwerk Solvency II, den risikoorientierten Standard zur Berichterstattung. Dessen Einführung hat die Branche gerade erst hinter sich. Zwar können die Anbieter viele der für Solvency II geschaffenen Systeme auch für IFRS 17 nutzen. Im Detail liegen die Vorschriften aber so weit auseinander, dass sich die Hoffnung der Branche zerschlagen hat, die Regeln ließen sich weitgehend übertragen. 

Bewertung wird umgekrempelt

Ein Grund für die hohen Kosten ist der mit IFRS 17 verbundene komplette Systemwechsel. Entscheidende Parameter in Versicherungsverträgen werden künftig nämlich nach der aktuellen Marktlage bewertet. Das ist das Gegenteil der traditionellen Betrachtung des deutschen Handelsgesetzbuchs (HGB). Bei der HGB-Bilanz, die etwa für die Berechnung der Steuern auch weiterhin erforderlich bleibt, sind stets die Anschaffungskosten relevant. Auch die Rücklagen, die ein Versicherer besitzt, werden künftig nach aktuellen Zinsen bewertet, zudem die Höhe der Kapitalanlagen. Ferner orientierte sich der Wert am historischen Zins vom Anfang der Vertragslaufzeit.

Die Konzerngewinne könnten dadurch künftig steigen oder sinken, bloß weil die Zinsen sich ändern – und das selbst bei völlig unveränderten Anlageportfolios. „Das sind aber realistische Schwankungen, da sie die Marktentwicklung abbilden“, sagt KPMG-Experte Kölschbach. Zudem eröffnet der neue Standard auch Möglichkeiten, um zinsbedingte Schwankungen aus dem Ergebnis herauszurechnen: Versicherer können sie auch separat außerhalb der Gewinn- und Verlustrechnung buchen. Dieser Schritt sei keine Pflicht, sorge aber für mehr Transparenz, so Kölschbach. Auch den Gewinn, den Versicherer aus ihren Verträgen erwarten, sollen sie nun getrennt ausweisen. Dadurch können Investoren besser erkennen, welches Kalkül die Versicherer verfolgen.

In diesem Punkt hätten die Regelsetzer einen guten Kompromiss gefunden zwischen dem Anspruch, Bilanzpositionen markt- und zeitnäher auszuweisen, und dem, zu hohe Schwankungen zu vermeiden, meint Christoph Jurecka, Finanzvorstand bei Ergo und Leiter des GDV-Ausschusses Rechnungslegung: „Die vielen Optionen und Wahlrechte lassen hier genug Freiraum.“ Ihn stört aber ein anderer Punkt: „Ich bedaure, dass der ursprüngliche Weg verlassen wurde, Solvency II und IFRS17 parallel zu entwickeln.“ Zwar seien sich die beiden Werke im Geiste ähnlich – setzten aber eben völlig unterschiedliche Schwerpunkte und Anforderungen.

„Je geringer der erforderliche zusätzliche technische Aufwand durch die Anforderungen aus dem neuen Bilanzstandard im Vergleich zum Aufsichtssystem Solvency II wären, desto weniger Umsetzungsaufwand entstünde den Versicherern“, bestätigt Thomas Volkmer von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO in Köln. Mit anderen Worten: Hier haben die Standardsetzer die Branche ganz schön gequält.

Schwerere Vergleichbarkeit

Für Versicherer, die sich nicht an den internationalen Kapitalmärkten tummeln, besteht keine Pflicht, IFRS 17 einzuführen. Und eine freiwillige Umstellung ist vielen schlicht zu teuer. So ist etwa die Gothaer 2017 von internationalen Standards zur HGB-Bilanzierung
zurückgekehrt. Daher könnten am Ende zwei parallele Bilanzwelten entstehen. Die beiden Gruppen wären miteinander dann schwerer vergleichbar.

Text: Nina Bärschneider, Olaf Wittrock

Auch inter­essant