Positionen-Magazin
Dro­hende Corona-Plei­te­welle

Wenn Fir­men die Luft aus­geht

Noch bis Jahresende sind überschuldete Firmen von der Pflicht befreit, Insolvenz anzumelden. Danach droht eine Pleitewelle in der deutschen Wirtschaft. Die Folgen betreffen nicht nur die Kreditversicherer, sondern auch Anbieter von D&O-Policen.

An Unternehmergeist hat es Melanie und Benno Hübel nicht gefehlt. 2013 übernahm das Ehepaar die Sawade GmbH, Berlins älteste Pralinen- und Trüffelmanufaktur. Sie kreierten innovative Sorten, verpackten die Köstlichkeiten zeitgemäß, eröffneten neue Läden und gingen mit einem Shop online. Fünf Geschäfte in Berlin und 350 Händler in Deutschland verkauften das Sortiment. Dann kam der Lockdown. Das Finanzpolster schmolz, Gespräche mit Investoren stockten. Die Hübels stellten schließlich einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung. „Den Schutzschirm wollen wir nutzen, um die Investorensuche und Restrukturierung in den kommenden Monaten zu beenden“, sagt Benno Hübel. Wie Sawade kämpfen viele Unternehmen ums Überleben. TUI, Lufthansa, Galeria Karstadt Kaufhof, Esprit – die Liste der gebeutelten Konzerne ist lang. Sie wäre sogar schon bedeutend länger, gäbe es nicht die umfassenden Staatshilfen – wie die ausgesetzte Antragspflicht für Insolvenzanmeldungen. 


Doch die gilt nur bis Jahresende. Experten befürchten, dass die Pleitewelle danach ins Rollen kommt. Ron van het Hof, CEO der Kreditversicherungsgruppe Euler Hermes im deutschsprachigen Raum, erwartet gar „die weltweit größte Insolvenzwelle seit Ende des Zweiten Weltkriegs“. 2020 und 2021 dürften die Pleiten in Deutschland um insgesamt zwölf Prozent auf 21.000 Fälle hochschnellen, so der Niederländer. Es ist eine Entwicklung, die auch in der Assekuranz Sorgen bereitet. Neben den Kreditversicherern sind vor allem die Anbieter von Directors-and-Officers- Versicherungen (D&O) gefordert. Vom Dax-Konzern bis zum Kleinstbetrieb haben heute fast alle Kapitalgesellschaften solche Policen für ihre Organe und leitenden Angestellten abgeschlossen. Die Insolvenzverwalter sehen darin vor allem eine Chance, die Insolvenzmasse zu vergrößern – und versuchen, die Vorstände und Geschäftsführer persönlich haftbar zu machen. Und das häufig zu Unrecht, wie eine GDV-Studie ergab. 


Wie federn die Versicherungen die Corona-Krise ab? Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf ihre Lage? Gewöhnlich ist das Insolvenzgeschehen ein Seismograf der ökonomischen Entwicklung. Doch derzeit sind die Regeln außer Kraft gesetzt. Trotz des drastischen Konjunktureinbruchs ist die Zahl der Firmenpleiten im ersten Halbjahr nicht gestiegen, sondern um 8,2 Prozent auf 8900 Fälle gesunken. Experten sehen dafür zwei Ursachen: Zum einen habe der Schutzschirm Firmen, die ansonsten hätten aufgeben müssen, vor der Insolvenz bewahrt. Zum anderen könne es Corona-bedingt zum Bearbeitungsstau in den Gerichten gekommen sein. Anderswo sehen die Prognosen noch düsterer aus. Für die USA erwartet Euler Hermes 2020/21 einen Anstieg der Insolvenzen um 57 Prozent gegenüber 2019. In China seien es 40, in Frankreich 25, weltweit 35 Prozent. Verheerender könnten die Prognosen für die Exportnation Deutschland kaum sein, zumal schon jetzt laut Van het Hof jedes zweite Unternehmen mit Zahlungsverzögerungen zu kämpfen hat.


Doch zumindest bis Jahresende können sich Unternehmen, die gegen Kreditausfälle versichert sind, weitgehend darauf verlassen, dass die Kreditversicherer die Deckungssummen trotz des gestiegenen Risikos von Zahlungsausfällen bei Lieferanten nicht kappen. Es geht um Kreditlimits in Höhe von immerhin 400 Milliarden Euro bei 45.000 Mittelständlern und Konzernen. Laut GDV decken diese rund 15 Prozent der deutschen Ausfuhren. Um Lieferketten zu stabilisieren, Kettenreaktionen zu vermeiden und das Vertrauen in die Wirtschaft zu sichern, haben Kreditversicherer und der Bund einen Schutzschirm aufgespannt: Seit März übernimmt der Bund eine Garantie für Entschädigungszahlungen der Assekuranz von bis zu 30 Milliarden Euro. Im Gegenzug tragen die am Rettungsschirm beteiligten Anbieter Verluste bis zu einer Höhe von 500 Millionen Euro selbst. Sie übernehmen zudem die Ausfallrisiken, die über die Bundesgarantie hinausgehen, und führen zwei Drittel der gesamten Prämieneinnahmen dieses Jahres an den Bund ab. 2019 betrugen diese Einnahmen 817 Millionen Euro. Ohne diese Bundesgarantie hätten die Kreditversicherer teilweise Deckungszusagen reduzieren oder sogar aufheben müssen. So konnten diese aufrechterhalten und auch neue Garantien übernommen werden.

Vier Wochen haben die Versicherer und der Bund verhandelt – nonstop

„Uns allen war klar, dass wir ein großes Paket schnüren müssen, das ausreicht, damit selbst bei Eintreffen der schlimmsten Befürchtungen die Lieferketten intakt bleiben“, erinnert sich Nils Hellberg. Er saß für den GDV am virtuellen Verhandlungstisch mit Vertretern der Assekuranz, des Wirtschafts- und des Finanzministeriums und der EU-Kommission. Dass die Gespräche so hart sein würden, hatte er nicht erwartet. „Wir haben vier Wochen lang nonstop verhandelt, oft von morgens sieben Uhr bis kurz vor Mitternacht, einschließlich Ostern.“ Besonders umstritten seien die Fragen gewesen, wann Kreditversicherer trotz der Bundesgarantie Limits senken oder aufheben dürfen und wie viel Prozent ihrer Prämieneinnahmen die Beteiligten an den Bund abgeben. Wie stark es ans Eingemachte ging, verdeutlicht Hellbergs Rechnung: „Wenn man bedenkt, dass die Versicherer 65 Prozent ihrer Prämien abgeben und sie 35 Prozent für Personal- und Betriebskosten auch unabhängig von Schäden aufwenden müssen, stand schon im Frühjahr fest, dass sie in diesem Jahr keinen Gewinn machen.“ Ein Vollkaskoschutz ist der Schutzschirm trotzdem nicht. Wenn sich eine Bonität besonders schlecht entwickelt, können die Versicherer durchaus Limits kürzen oder aufheben. Für ihre Kunden bleiben die Kreditversicherer dennoch ein verlässlicher Partner. Atradius hatte bereits im März auf die sich verschärfenden Bedingungen reagiert. „Unsere Kunden können ihren Lieferanten längere Zahlungsziele gewähren, und auch bei Zahlungsüberfälligkeiten haben wir die Meldefristen verlängert“, erklärt Thomas Langen, Senior Regional Director Deutschland, Mittel- und Osteuropa bei Atradius, dem weltweit zweitgrößten Kreditversicherer. In Einzelfällen würden im Sinne der Kunden weitere Lösungen gefunden und – soweit nötig – auch Prämien gestundet. Ursprünglich sollte die Insolvenzantragspflicht nur bis Ende September ausgesetzt werden. Inzwischen wurde die Frist bis Jahresende verlängert und weitere Änderungen am Schutzschirm werden bereits diskutiert. Thomas Langen, der auch Vorsitzender der GDV-Kommission Kreditversicherung ist, hält die Fristverlängerung für wenig zielführend. Allerdings gilt die Regelung nur noch eingeschränkt: Ab Oktober kann sie lediglich von Unternehmen in Anspruch genommen werden, die überschuldet sind. Bei Zahlungsunfähigkeit, was häufiger der Antragsgrund ist, gilt die Regelung nicht mehr.

Insolvenzverwalter zielen auf das Privatvermögen der Firmenchefs

Kommt es zur befürchteten Insolvenzwelle, sind auch die D&O-Versicherungen extrem gefordert. Experten schätzen, dass 20 Prozent der D&O-Schadenfälle aufgrund von Insolvenzen geltend gemacht werden. „Insolvenzschäden können die D&Os heute nicht mehr aufwandsarm regulieren, weil sich die Insolvenzverwalter seit Einführung des Produkts vor 20 Jahren immer stärker professionalisiert haben und den Gang vor Gericht nicht scheuen“, beobachtet Daniel Messmer, Vorsitzender der Arbeitsgruppe D&O-Versicherung im GDV und Head Financial Lines EMEA bei Swiss Re. Nach einer Analyse des GDV sehen sich Geschäftsführer und Aufsichtsräte zahlungsunfähiger Firmen im Schnitt mit Ansprüchen von fast sieben Millionen Euro konfrontiert, für die sie mit ihrem Privatvermögen haften sollen. „Die hohen Forderungen stellen für die Betroffenen eine enorme psychische Belastung dar. Sie übersteigen in fast allen Fällen das Vermögen der Manager“, sagt Messmer.

Bis zum Abschluss des Verfahrens vergehen im Schnitt mehr als zwei Jahre, so die Studie. Jahre, in denen bei den Versicherern immense Kosten anfallen, angefangen vom internen Aufwand in den Schadensabteilungen bis hin zu Honoraren für externe Anwälte. Mehr als 30.000 Euro betragen die Prozess- und Anwaltskosten im Schnitt. Ein enormer Aufwand, wenn man bedenkt, dass laut der Studie die Manager am Ende im Mittel nur zu Schadenersatz in Höhe von 140.000 Euro verpflichtet werden. „Die ersten Ansprüche der Insolvenzverwalter sind in der Regel entweder unbegründet oder deutlich zu hoch“, sagt Messmer. In keinem der insgesamt 368 untersuchten Fälle mussten die ursprünglichen Forderungen in voller Höhe gezahlt werden. Für ein Drittel der Insolvenzen mussten die Manager sogar gar nicht haften. Das entlastet zwar die D&O-Versicherer, Grund zum Aufatmen haben sie trotzdem nicht. Denn die Kosten zur Abwehr der erhöhten Forderungen steigen weiter, wenn immer mehr Unternehmen zusammenbrechen. Anwälte und die Gerichte müssen schließlich bezahlt werden.

Text: Eli Hamacher


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