Positionen-Magazin
Zins­zu­satz­re­serve

Weni­ger bringt allen mehr

Das Bundesfinanzministerium hat die Formel für die Zinszusatzreserve verändert. Damit wächst das Sicherheitspolster weiter, aber weniger stark als bisher. Das ist gut für die deutschen Lebensversicherer – und für ihre Kunden.

Am Anfang steht einfache Mathematik: Wenn der Zinssatz sinkt, braucht man mehr Kapital, um einen unverändert hohen Ertrag zu erzielen. Was dies im Extremfall bedeuten kann, haben nicht nur die Besitzer von Sparbüchern und Festgeldkonten in der nunmehr seit zehn Jahren andauernden Niedrigzinsphase schmerzhaft zu spüren bekommen.

Die Minizinsen stellen auch Deutschlands Lebensversicherer vor große Herausforderungen. Sie mussten zusätzliche Kapitalpuffer aufbauen, um die garantierten Leistungen für ihre Kunden trotz des Zinsverfalls mit Sicherheit erbringen zu können. Wie genau dies zu geschehen hat, ist seit 2011 durch die Verordnung zum Aufbau der sogenannten Zinszusatzreserve (ZZR) gesetzlich geregelt – und ab hier wird es kompliziert.

Die Reserve hat zweifellos dazu beigetragen, dass die Branche bisher gut durch die Niedrigzinsphase gekommen ist. Und doch war eine Veränderung der Berechnungsformel zuletzt unumgänglich, die das Bundesfinanzministerium im Oktober 2018 dann auch beschlossen hat. Die entscheidende Korrektur betrifft den sogenannten Referenzzins, der von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) festgelegt wird. Der Referenzzins ist eine Art Benchmark für den erzielbaren Kapitalertrag. Liegt der Referenzzins unterhalb des garantierten Zinses, muss der Lebensversicherer „nachreservieren“ – also eine Zinszusatzreserve aufbauen.

Rund 60 Milliarden Euro stecken im eisernen Sparschwein

Im Jahr 2011 konnte niemand voraussehen, wie tief und für welche Zeitdauer die Zinsen am Kapitalmarkt fallen würden. Das hatte Folgen für die Konstruktion der ZZR-Formel: Der Referenzzins wurde als Durchschnittswert des Kapitalmarktzinses der vergangenen zehn Jahre definiert. Dies führte dazu, dass der Referenzzins zwar zunächst langsamer fiel als der tatsächliche risikofreie Kapitalmarktzins. Doch reagiert der Referenzzins auch in umgekehrter Richtung zeitversetzt: Bei gleichbleibenden oder sogar steigenden Kapitalmarktzinsen fällt der Referenzzins zunächst weiter. Nach der alten Formel hätten die Lebensversicherer die Zinszusatzreserve also weiter aufbauen müssen, auch wenn es dafür, gemessen am bereits erreichten Sicherheitspuffer, gar keinen Bedarf mehr gegeben hätte.

Obwohl der Kapitalmarktzins seit Ende 2016 langsam wieder steigt, mussten die Lebensversicherer also in den vergangenen Jahren immer mehr Mittel in die Zinszusatzreserve einstellen. Aktuell stecken in dem eisernen Sparschwein rund 60 Milliarden Euro. Ohne eine Änderung der Berechnungsformel wären 2018 und 2019 weitere rund 20 Milliarden Euro hinzugekommen – pro Jahr. Um dies zu finanzieren, hätten die Versicherungsunternehmen in erheblichem Maße Bewertungsreserven realisieren müssen – also insbesondere hoch bewertete festverzinsliche Anleihen verkaufen müssen. Die laufenden Zinserträge für diese Anleihen hätten dann wiederum gefehlt, um die den Kunden garantierten Erträge zu erwirtschaften. Eine Aufstockung der ZZR in diesen Dimensionen wäre weder wirtschaftlich gerechtfertigt noch auf Dauer für die Unternehmen tragbar gewesen.

Hohe Reserve heißt geringere Überschussbeteiligung

Eine Änderung der bisherigen Praxis war zudem notwendig, um eine faire Verteilung der Überschüsse zwischen den Versichertengenerationen zu gewährleisten. Denn ein massives Anwachsen der Zinszusatzreserve bis zum Jahr 2024 wäre per saldo vor allem zulasten der Überschussbeteiligung der Kunden gegangen, deren Verträge vor diesem Jahr auslaufen. Vom zu erwartenden Abbau der Zinszusatzreserve von 2024 an hätten ohne die jetzt beschlossene Änderung nur die Kunden profitiert, deren Verträge zu diesem Zeitpunkt noch laufen.

Die neue Verordnung löst diese Probleme durch die Einführung eines „Zinskorridors“. Grundsätzlich begrenzt dieser Korridor die Schwankungen des Referenzzinses, indem er Obergrenzen für einen Zinsanstieg beziehungsweise -rückgang setzt. Wie breit der Korridor ist, hängt von der Differenz zwischen den aktuellen Kapitalmarktzinsen und dem Referenzzins des Vorjahres ab. Bei steigenden Kapitalmarktzinsen kann der Referenzzins nach der neuen Korridormethode jetzt nicht mehr fallen.

Im Detail ist die Berechnung des Referenzzinses nach der Korridormethode vergleichsweise kompliziert. Im Ergebnis aber sorgt die Veränderung der Formel dafür, dass die Höhe der Zinszusatzreserve in einem Niedrigzinsumfeld immer ausreichend ist und gleichzeitig der Kapitalpuffer gleichmäßiger auf- und abgebaut wird. Nach Berechnungen der BaFin müssen die Lebensversicherer für 2018 nach der Korridormethode nun nicht 20 Milliarden Euro, sondern lediglich rund 5 Milliarden Euro in die ZZR einstellen, also ein Viertel dessen, was ohne die Änderung angefallen wäre.

Die garantierten Renditen der Kunden sind sicher

Um die Sicherheit der Lebensversicherung muss sich dennoch niemand Sorgen machen: Bei einer Zinszusatzreserve von 80 Milliarden Euro müssten die Lebensversicherer zur Finanzierung aller Garantien in etwa eine durchschnittliche Kapitalverzinsung von 1,25 Prozent erzielen – und das schaffen sie.

Text: Hendrik Roggenkamp

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