Positionen-Magazin
Um den Glo­bus

Ver­si­chern in Japan

Ob Erdbeben, Taifune oder rasende Radfahrer: In Japan kann man sich gegen fast alles versichern – oft sind solche Policen sogar Pflicht. Dass sich Lebensversicherungen trotz Niedrigzinsen gut verkaufen, liegt auch an einer besonderen Vertriebsform.

Lebensversicherung 

Seit 30 Jahren Niedrigzinsen, wenig Wachstum, die am schnellsten alternde Bevölkerung der Welt: Trotzdem stehen die japanischen Lebensversicherer gut da. Seit elf Jahren verzeichnet Asiens größter Markt Zuwächse, die Zahl der Anbieter hat sich seit der Jahrtausendwende verdoppelt. Dafür sorgen die „Seiho Ladys“: Vertreterinnen, die Menschen im Büro oder zu Hause besuchen, um Lebensversicherungen (japanische Kurzform: „Seiho“) zu verkaufen. Die Damen stehen für mehr als 50 Prozent aller Neuabschlüsse– mehr als der Onlinevertrieb. Pflege- und Krankenzusatzversicherungen entwickeln sich zunehmend zu einem interessanten Extrageschäft. 

Katastrophenversicherung 

Kaum ein anderes Land wird häufiger von Starkbeben, Taifunen, Tsunamis, Erdrutschen und Vulkanausbrüchen getroffen als Japan. Eine Katastrophenversicherung ist insofern eine naheliegende Idee. Abschließen kann sie nur, wer bereits eine Feuerversicherung hat. Kurios ist, dass die Versicherung nicht für Schäden aufkommt, die entstehen, wenn infolge eines Erdbebens ein Feuer ausbricht. Aufgrund der vielen schweren Naturkatastrophen in den vergangenen Jahren sind die Prämien für Katastrophenversicherungen 2019 im Schnitt um 8,7 Prozent gestiegen. 

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Krankenversicherung 

Japan ist stolz auf sein universelles Krankenversicherungssystem. Wer nicht über den Arbeitgeber oder den Berufsverband versichert ist, registriert sich bei der staatlichen Bürgerversicherung. Die Höhe der Beiträge ist einkommensabhängig, bei Arztund Apothekenbesuchen zahlen die Patienten einen Eigenanteil von 30 Prozent, Senioren zwischen zehn und 20 Prozent. Für Kinder übernehmen immer mehr Städte und Gemeinden die Kosten ganz oder teilweise – um Eltern die Entscheidung für Nachwuchs zu erleichtern. Die Geburtenrate ist mit 1,4 Kindern pro Frau extrem niedrig. 

Fahrradversicherung 

Egal, wie breit der Gehsteig auch ist, Japaner versuchen stets, am äußersten Rand zu gehen und plötzliche Richtungswechsel tunlichst zu vermeiden. Und wenn, dann nur mit Schulterblick. Der Grund: Fahrradfahrer aller Altersklassen, die in hohem Tempo haarscharf an den Passanten vorbeidüsen. Schwere Unfälle sind an der Tagesordnung, weshalb in Präfekturen wie Osaka und Kyoto eine Haftpflichtversicherung für Radfahrer inzwischen vorgeschrieben ist. Tokio zieht ab April 2020 nach. Anbieter entsprechender Policen verzeichnen seit Jahren Zuwächse im zweistelligen Prozentbereich.

Text: Sonja Blaschke

Illustration: Michael Stach

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