Positionen-Magazin
Haf­tungs­re­geln für Füh­rungs­kräfte

Unbe­schwer­ter mana­gen

Die Haftungsregeln für Führungskräfte gehören in Deutschland zu den weltweit strengsten. Wie Versicherer dabei helfen können, trotzdem den unternehmerischen Handlungsspielraum zu bewahren.

Der Geschäftsführer war sich sicher, dass er an alles gedacht hatte. Für seinen damaligen Arbeitgeber, einen mittelständischen Maschinenbauer aus Baden-Württemberg, kaufte er einen polnischen Zulieferer. Er wollte die Wertschöpfungskette verlängern. Doch der Manager schaute nicht genau genug in die Bücher, legte einen unglücklich formulierten Kaufvertrag vor – und plötzlich musste der Mittelständler für aufgelaufene Verluste des Zulieferers geradestehen. Das Unternehmen entließ den Geschäftsführer und verklagte ihn auf Schadensersatz. Firma und Manager hätten sich nun möglicherweise durch ein langwieriges und kostspieliges Gerichtsverfahren quälen müssen. Doch das Unternehmen hatte seine Führungskraft mit einer speziellen Haftpflicht-Police beim Industrieversicherer HDI-Gerling abgesichert. Der vermittelte zwischen den Parteien, zahlte die Anwaltskosten des Managers und kam für eine Vergleichszahlung auf.

Directors & Officers

Solche Policen, die Unternehmen zugunsten ihrer Geschäftsführer, Aufsichtsräte oder leitenden Angestellten abschließen können, heißen in der Fachsprache „Directors and Officers Liability Insurance“ oder kurz D&O-Versicherungen. Firmen schützen damit ihre Führungskräfte vor Schadensersatzforderungen von Kunden, Aktionären oder Behörden – und eigenen Klagen.

Sie werden immer wichtiger, weil geschäftliche Auseinandersetzungen heutzutage meist sofort juristisch ausgefochten werden. Und Geschäftsführer, Vorstände, Aufsichts- oder Beiräte haften persönlich für ihre Entscheidungen. Darum können sie schnell mal vor Gericht landen, wenn sie Fehler machen, die Geld kosten – von nachlässiger Auftragsvergabe bis zum Versäumen von Fördermöglichkeiten.

Die D&O-Versicherung deckt keine herkömmlichen kaufmännischen Risiken ab, etwa Schäden durch eine geplatzte Fusion oder eine missglückte Produktstrategie. Ebenso wenig schützt sie bei vorsätzlichen Regelverstößen und Gesetzesbrüchen. Sie springt ein bei fahrlässigen Pflichtverletzungen. Dann zahlt die Versicherung dem Manager zunächst einen Anwalt, um Klagen abzuwehren. Wenn das keinen Erfolg hat, kommt sie für den Schaden auf.

D&O-Policen sind also eine Versicherung zugunsten Dritter: Die Prämienzahlt zwar das Unternehmen, geschützt ist aber die Führungskraft. Auf diese Weise sichert die Firma allerdings auch die eigene Bilanz ab. Denn trotz teils üppiger Gehälter könnten viele Manager für drohende Schäden nicht aufkommen. Die Firma bliebe auf den Schadensersatzforderungen sitzen. Stattdessen profitieren meist beide Seiten– dementsprechend schnell verbreiten sich die Policen inzwischen in der gesamten Geschäftswelt.

Meist diskret und außergerichtlich

Immer wieder landen prominente D&O-Fälle in den Medien. Aktuelles Beispiel: Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff, dessen Versicherung kürzlich für einen Vergleich 3,4 Millionen Euro Schadensersatz an den Insolvenzverwalter des Konzerns zahlte. Der Top-Manager und drei andere ehemalige Vorstände hatten, so ein Gerichtsurteil, beim Verkauf einiger Karstadt-Warenhäuser ihre Sorgfaltspflichten verletzt.

Auch der Fall des Ex-Porsche-Chefs Wendelin Wiedeking, der sich demnächst wegen des Verdachts der Marktmanipulation vor Gericht verantworten muss, wird öffentliches Interesse erregen. In dem Prozess geht es darum, ob er die Anleger bewusst getäuscht hat, als er 2008 offiziell die Absicht zur Übernahme von Volkswagen bestritt. „Die meisten Schadensfälle werden aber nachunserer Beobachtung außergerichtlich und absolut diskret zur Zufriedenheit aller Beteiligten reguliert“, sagt Patrick Smolka, Leiter Financial Lines bei HDI Gerling und Vorsitzender der GDV Arbeitsgruppe D&O-Versicherung. Die Öffentlichkeit bekomme davon im Detail meist nur wenig mit.

Genaue Statistiken zum Geschäftsvolumen gibt es nicht – alle Zahlen beruhen auf Schätzungen. Sicher ist, dass alle großen Industrieversicherer und auch viele kleinere Anbieter Schutzpakete für das Top-Management von Unternehmen im Programm haben. „In jedem Fall ist die Nachfrage in Deutschland und international ungebrochen, der Markt wächst nach wie vor“, sagt Christoph Arendt, D&O-Spezialist beidem auf Organ- und Managerhaftpflichtversicherungen spezialisierten Beratungshaus Hendricks & Co. in Düsseldorf. Die Hendricks-Expertenschätzen, dass sich die Beiträge deutscher Unternehmen auf mindestens mehrere hundert Millionen Euro im Jahr belaufen.

Wie viel eine Police kostet, hängt dabei von der Versicherungssumme sowie der Größe, Branche und wirtschaftlichen Lage des jeweiligen Unternehmens ab. „Ein Abschluss lohnt sich zurzeit“, sagt der Experte Arendt: „Die Prämien sind niedrig, es gibt viel Schutz für vergleichsweise wenig Geld.“

Von den USA nach Deutschland

Zum ersten Mal verbreiteten sich D&O-Policen nach dem Börsenkollaps 1929 in den USA. Damals verschärften die Gesetzgeber den Anlegerschutz – und viele Konzernchefs suchten nach Absicherungsmöglichkeiten bei Entscheidungen. In Deutschland kamen die Policen Mitte der 1980er-Jahre auf, und zwar zunächst vor allem über US-Anbieter wie Chubb und AIG. Erst seit der Jahrtausendwende kommen sie großflächig bei deutschen Konzernen zum Einsatz. „Für einige dieser Unternehmen gerade noch rechtzeitig“, sagt Stephan Westphal, D&O-Experte beim Beratungsunternehmen Towers Watson. Kurz darauf brach die New Economy zusammen, und die folgende Wirtschaftskrise produzierte einige tief greifende Schadensfälle – vor allem, weil Manager fahrlässig Anlegerkapital riskiert hatten. „Heute würde kaum noch ein Vorstand eines großen Unternehmens ohne eine ordentliche D&O Deckung seinen Posten antreten“, betont Westphal.

Kein Wunder, denn in Deutschland herrschen Regelungen zur Managerhaftung, die weltweit zu den schärfsten gehören. Die gesetzlichen Fallstricke sind dabei auch für Top-Manager teilweise nur noch schwer zu durchschauen – vor allem dann, wenn ihr Unternehmen global aktiv ist und sie sich durch einen undurchschaubaren Dschungel aus nationalen Gesetzen und Verordnungen kämpfen müssen. Auf der anderen Seite könnten Manager jedoch aus Vorsicht zu langsam auf Marktentwicklungen reagieren – und so Chancen für ihren Arbeitgeber verspielen. Gedeckt durch eine D&O-Police sind sie in der Lage, freier zu handeln.

Im Mittelstand angekommen

Diederik Sutorius, Geschäftsführer des auf D&O-Versicherungen spezialisierten Anbieters VOV, schätzt denn auch, dass mehr als 95 Prozent der Konzernvorstände quer durch alle Branchen heute eine D&O-Police haben. Bei mittleren Unternehmen seien es 60 Prozent der Chefs, in kleinen 40 Prozent.

Der Markt entwickelt sich von oben nach unten – von börsennotierten Konzernen hin zu mittleren und kleinen Unternehmen. Das bestätigt auch eine Studie der Bonner INTES Akademie für Familienunternehmen. Schon vor fünf Jahren hatte fast jedes zweite von 209 befragten Familienunternehmen eine D&O-Police für seine Manager abgeschlossen. Heute lassen sich auch niedrige Deckungssummen von ein oder zwei Millionen Euro kaufen.

Damit wird der Familienfrieden gewahrt, wenn etwa die Mutter oder der Onkel mit Schludrigkeiten Verluste produziert. Und wenn Private-Equity-Investoren oder angestellte Geschäftsführer von außerhalb involviert sind, kommt es auch bei familiären Mittelständlern schnell mal zum Prozess. „Im Ernstfall werden Häuser zwangsversteigert, Familien zerbrechen, es sind ganze Existenzen bedroht“, warnt der Hendricks-Spezialist Arendt. „Ein solventer Versicherer im Rücken schützt dann nicht nur das Privatvermögen – sondern auch das persönliche Schicksal.“

Text: Florian Sievers

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