Positionen-Magazin
Um den Glo­bus

Ver­si­chern in der Tür­kei

Ein Staatskonzern als Marktführer, wachsende Schäden durch Naturgefahren und Kunden, die Versicherungen aus religiösen Gründen hinterfragen: kein leichtes Terrain für globale Anbieter.

Schwieriger Markt

Das Land am Bosporus ist kein einfaches Terrain für Versicherer. Nur umgerechnet 128 Dollar pro Jahr und Einwohner geben die Türken im Schnitt für Policen aus – in Deutschland sind es rund 3100 Dollar. Lange dominierten internationale Anbieter das Geschäft, bis heute liegt ihr Marktanteil bei 65 Prozent. Die Nummer eins ist jedoch ein einheimischer Konzern: Türkiye Sigorta, der 2020 aus einer Fusion von sechs staatlichen Versicherern entstand und der zu 81 Prozent dem regierungseigenen Turkey Wealth Fund gehört. Der neue Staatskonzern werde den türkischen Versicherungssektor im globalen Wettbewerb an die Spitze bringen, so Präsident Erdoğan.

Beben und Fluten

Die Türkei ist regelmäßig von Naturkatastrophen betroffen, von Waldbränden, Überschwemmungen und Erdbeben. Allein bei den schweren Erdstößen 2020 in Izmir starben 115 Menschen, mehr als 1000 wurden verletzt. Offiziellen Angaben zufolge wurden fast 2000 Gebäude beschädigt und mehr als 200 komplett zerstört – doch nur 154 waren versichert. Dabei gibt es bereits seit den schweren Beben von Marmara 1999 den Turkish Catastrophe Insurance Pool (TCIP), eine Non-Profit-Organisation, die Schutz für alle Hausbesitzer verbindlich und erschwinglich machen sollte.

Begräbnisversicherung

Jedes Jahr werden Tausende Verstorbene aus Deutschland in die Türkei ausgeflogen – weit mehr, als es muslimische Bestattungen hierzulande gibt. Denn viele Deutschtürken wollen im Land ihrer Vorfahren bestattet werden, aus religiösen, sentimentalen und finanziellen Gründen. Dafür zahlen viele zu Lebzeiten in Beerdigungsfonds ein. Diese Versicherungen, die meist von islamischen Organisationen angeboten werden, übernehmen die aufwendigen bürokratischen Formalitäten und organisieren und bezahlen den Transport des Leichnams selbst bis in abgelegene Dörfer.

Islamkonforme Policen

Strenggläubige Muslime lehnen klassische Versicherungen ab, weil sie aus Sicht mancher Gelehrter gegen den Koran verstoßen. Da niemand beim Abschluss der Police wissen kann, ob der Schadenfall je eintritt, setzen sie die Absicherung mit verbotenem Glücksspiel gleich. Die Lösung sind sogenannte Takaful- Angebote: Die Teilnehmer zahlen in einen Pool ein, ähnlich wie bei genossenschaftlichen Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit. Das Geld darf nur zinsfrei angelegt werden, Überschüsse fließen zurück an die Mitglieder. Auch klassische Versicherer bieten inzwischen solche Takaful-Verträge an.

Text: Robert Otto-Moog
Illustration: Michael Stach


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