Positionen-Magazin
Flücht­lings­heime

Sie brau­chen Schutz

Überall in Deutschland entstehen Flüchtlingsheime. Tausende Gebäude gilt es zu versichern. Die Assekuranz nimmt die Herausforderung an. Und kommt ihrer Verantwortung gegenüber den Menschen und der Gesellschaft nach.

Jetzt kehrt wieder Leben ein ins vierstöckige Gebäude im Bonner Zentrum. Im Spätsommer fuhren Lastwagen auf den Schulhof, auf dem zwei Jahre lang kein Kind mehr spielte, weil die Pestalozzi- Schule wegen zu niedriger Schülerzahlen schließen musste. Helfer verwandelten die Klassenzimmer in Wohn- und Schlafstätten und stellten Container mit Dusch- und Sanitäranlagen ab. Jetzt leben etwa 120 der mehr als 2.200 Flüchtlinge in Bonn hier – bis sie ein neues Zuhause finden.

Ähnlich wie in Bonn geht es in vielen deutschen Kommunen zu. Behörden und freiwillige Helfer arbeiten mit Hochdruck daran, den Neuankömmlingen ein Dach über dem Kopf zu geben. Dabei geht es nicht allein darum, ausreichend Wohnraum, Betten, Schränke und Lebensmittel zur Verfügung zu stellen. Eine herausragende Rolle spielt das Thema Sicherheit. Gibt es Fluchtwege in der Unterkunft und Evakuierungspläne in fremden Sprachen? Sind ausreichend Rauchmelder und Feuerlöscher vorhanden? Weder Schulen, noch Baumärkte, Turn- oder Lagerhallen sind dafür gebaut, dass Menschen dauerhaft in ihnen leben. Versicherer achten deshalb darauf, dass wichtige Sicherheitsvorkehrungen getroffen und eingehalten werden.

Der Zuzug hunderttausender Menschen bedeutet auch für die Assekuranz Überstunden. „Wir schätzen, dass die Zahl der versicherten Flüchtlingsunterkünfte inzwischen im fünfstelligen Bereich liegt, hinzukommen zigtausend private Wohnungen“, sagt Jörg von Fürstenwerth, Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).
Im Mittelpunkt steht der Schutz der Menschen. „Versicherer sehen ihren Auftrag darin, Flüchtlingen eine sichere Unterbringung zu ermöglichen. Das verlangt von uns eine besondere Aufmerksamkeit“, sagt von Fürstenwerth.

Wenige Objekte, viel Arbeit

„Wir haben viel Arbeit mit den relativ wenigen Objekten“, erklärt Klaus Zehner, Vorstand der Sparkassenversicherung in Stuttgart. „Das ist der Sache aber auch angemessen“, sagt Zehner. Die Versicherung arbeitet eng mit den Kommunen zusammen und hat derzeit 400 Objekte im Bestand, die von Asylsuchenden genutzt werden – die meisten in Baden-Württemberg, Hessen und Thüringen. Es werden laufend neue Objekte in den Bestand aufgenommen. „Die Unterbringung von Flüchtlingen betrachten wir als gesamtgesellschaftliches Thema“, sagt auch Hermann Kasten, Vorstand der VGH-Versicherungen aus Hannover.

Wie bei jedem anderen Objekt auch werden mögliche Gefährdungen jeder einzelnen Flüchtlingsunterkunft gesondert beurteilt. Ausschlaggebend dafür ist, wie sicher die Unterkunft ist, in welchem Zustand sich das Gebäude befindet und wie viele Menschen wie lange dort leben. „Unsere Statistiken zeigen, dass der Schadenaufwand deutlich höher liegt, wenn Häuser nur kurzzeitig von wechselnden Personen genutzt werden“, sagt Jörg von Fürstenwerth vom GDV. Das gilt für Touristen, Montagearbeiter, Studenten oder Flüchtlinge gleichermaßen.

Kommen weitere Gefahren hinzu – etwa im Falle einer Überbelegung –, erhebt der Versicherer unter Umständen einen Risikozuschlag. Die Sparkassenversicherung orientiert sich zum Beispiel am Flüchtlingsaufnahmegesetz Baden-Württembergs. Das sieht eine durchschnittliche Wohn- und Schlaffläche von mindestens sieben Quadratmetern pro Person vor.

Diese Mindestfläche ist auch aus einem anderen Grund notwendig: Sind die Menschen zu dicht gedrängt untergebracht, fehlt es an Rückzugsmöglichkeiten für diejenigen, die nach Wochen der Flucht angespannt sind und in eine ungewisse Zukunft schauen. „Das kann belastend sein und aggressiv machen“, erklärt Michael Deuschle, Leiter der Arbeitsgruppe für stressbezogene Krankheiten am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Alle gleich behandeln

Außer in Sammelunterkünften werden Flüchtlinge auch in privaten Wohnräumen untergebracht. Bei diesen mache es keinen Unterschied, ob eine Flüchtlingsfamilie einzieht oder ein einheimisches Paar mit Kindern, so die Sparkassenversicherung. Woher die Menschen kommen, ist für die Versicherer dabei unerheblich.

Die Grundlagen der Police können sich jedoch ändern, wenn ein Gebäude zuvor nicht als Wohnhaus gedient hat – wie zum Beispiel bei Sporthallen, Lagerräumen oder Flugzeughangars. Ziehen dort Menschen ein, müssen die Versicherer die Risiken neu bewerten. Schließlich wird nun in Räumen, in denen das gar nicht vorgesehen war, plötzlich geraucht und täglich gekocht, es werden elektrische Hausgeräte betrieben. Die Tätigkeiten der Versicherer enden nicht bei der Absicherung von Gebäuden und Einrichtungen. Auch die ehrenamtlichen Helfer müssen versichert sein. So decken die Berufshaftpflichtversicherer vieler niedergelassener oder in Kliniken angestellter Ärzte in vielen Fällen auch ehrenamtliches Engagement ab. Pensionierte Ärzte wiederum haben die Möglichkeit, eine Berufshaftpflicht für gelegentliche ärztliche Tätigkeit abzuschließen.

Auch Flüchtlinge können aus Versehen Schäden anrichten – zum Beispiel als Fußgänger oder Radfahrer im Straßenverkehr. „Deshalb ist zumindest der Privathaftpflichtschutz wichtig“, sagt Peter Meier, Vorstand der Nürnberger Allgemeine Versicherungs-AG. Flüchtlinge und ihre Familien können wie jeder andere Bürger diese Verträge abschließen, selbst wenn das Anerkennungsverfahren noch nicht abgeschlossen ist.

Natürlich steht die Versicherung nicht an oberster Stelle bei ihnen, aber über Gruppenverträge für Kommunen können auch Flüchtlinge unkompliziert versichert werden. Bei der Allianz erhalten Flüchtlinge für drei bis fünf Euro im Monat eine Privathaftpflichtversicherung. Verdienen soll an dem Abschluss niemand. Die Vertreter erhalten keine Provision, wenn sie einen dieser Gruppenverträge vermittelt haben.

Bevor Neuankömmlinge an Versicherungen denken können, muss zunächst die Existenzgrundlage gesichert sein. Viele der GDV-Mitgliedsunternehmen haben Hilfsprojekte gestartet oder stellen Mitarbeiter ab, die sich um Flüchtlinge und ehrenamtliche Helfer kümmern. Die Allianz beispielsweise vermittelt Bewerbungstrainings und Integrationskurse für Flüchtlinge. „Wir unterstützen damit ihren Integrationsprozess ins tägliche Leben unseres Landes“, sagt Alexander Vollert, Vorstandschef der Allianz Versicherungs-AG.

Bücher zum Deutschlernen

Die Eingliederung ist auch der VGH-Stiftung wichtig. Mit dem niedersächsischen Bibliotheksverband stattet sie Büchereien flächendeckend mit Unterrichtsmaterial aus, um Flüchtlingskindern das Deutschlernen zu erleichtern. Denn diese sollen möglichst bald in eine Schule gehen, um zu lernen – und nicht, um dort zu wohnen.

Text: Heimo Fischer

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