Positionen-Magazin
Euro­pa­rente

Ruhe­stand auf­PEP­Pen

Bald soll es eine neue Art privater Altersvorsorgeprodukte geben, die in der gesamten EU angeboten werden können. Die EU-Kommission hat die Ansparphase zwar stark reguliert - aber nicht festgelegt, dass Sparer in jedem Fall bis an ihr Lebensende Leistungen beziehen können.

Steigende Lebenserwartung, sinkende Beitragseinnahmen: Die Diskussion um die Zukunft der staatlichen Rentenkassen wird nicht nur in Deutschland kontrovers geführt. Alle großen Industriestaaten kämpfen mit einer zunehmenden Deckungslücke bei der Altersvorsorge. Laut einer aktuellen Studie der G30-Gruppe, eines internationalen Gremiums mit Fachleuten aus Notenbanken, Wissenschaft und Finanzwelt, beläuft sie sich für die 21 wichtigsten Volkswirtschaften der Welt auf gigantische 15,8 Billionen Dollar bis 2050.

Doch während es hierzulande zahlreiche, oft staatlich geförderte Wege gibt, die gesetzliche Rente mithilfe privater Vorsorge aufzustocken, ist das Angebot in vielen anderen EU-Ländern eher mager. Daher hat das EU-Parlament im April ein europäisches Rentenkonzept auf den Weg gebracht, das länderübergreifend Abhilfe schaffen soll: das sogenannte Paneuropäische Private Pensionsprodukt (PEPP).


Dieses soll einen EU-weiten Standard setzen, innerhalb dessen private Altersvorsorgeprodukte angeboten werden können, die die gesetzlichen, betrieblichen und privaten Rentensysteme der einzelnen Mitgliedsstaaten ergänzen. Bis zum Sommer soll die Europäische Versicherungsaufsicht EIOPA ergänzende Richtlinien erarbeiten, 2021 könnten dann die ersten PEPP-Produkte auf den Markt kommen.

Europaweite Gültigkeit, nationale Zulassung

Mit der Europarente wird es einen neuen Typus von Altersvorsorgeprodukten geben, die erstmals europaweit angeboten werden können. Davon profitieren dürften vor allem Bürgerinnen und Bürger, deren Heimatländer keine angemessene Altersvorsorge bieten oder die im Laufe ihres Berufslebens in verschiedenen EU-Ländern tätig waren, verspricht die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin).

Ein entscheidender Vorteil von PEPP-Renten ist nämlich die Mobilität. Dank des einheitlichen Rechtsrahmens können Versicherte ihre Europarente mühelos in andere EU-Länder mitnehmen, wenn sie den Wohnort wechseln. Auch können die Anbieter ihr PEPP einfacher über die Landesgrenzen hinweg verkaufen. Die jeweiligen nationalen Aufsichtsbehörden – in Deutschland die BaFin – lassen die jeweiligen Policen zu, die Förderung wird politisch ebenfalls auf nationaler Ebene geregelt.

Doch genau hier liegt eine große Herausforderung: Die unterschiedlichen Rentensysteme und Steuerregelungen der einzelnen EU-Länder sind nur schwer miteinander vereinbar. So will Deutschland PEPP-Produkte nur dann steuerlich fördern, wenn sie dieselben Kriterien wie die bereits existierende Riester-Rente erfüllen.

Wenn ein Deutscher umgekehrt etwa in Österreich, Italien oder in den Niederlanden weiter in seine private, in Deutschland abgeschlossene Rentenpolice einzahlen möchte, muss er dort auf seinen Versicherungsbeitrag eine Steuer entrichten. „Die Mitnahme einer privaten Rentenversicherung ins Ausland ist nicht einfach“, sagt Michaela Willert, Rentenexpertin beim Versicherungsverband GDV. „Und mit der neuen Europarente würde das Problem auch nicht wegfallen.“

Eine weitere Herausforderung ist die Risikoabsicherung. Interessenten können zwischen verschiedenen Risiko-Varianten wählen. Beim Basismodell soll es laut EIOPA eine Kapitalgarantie geben, die gewährleistet, dass Kunden am Ende der Laufzeit in jedem Fall mindestens ihre eingezahlten Beiträge abzüglich der Kosten zurückerhalten. Diese Sicherheit ist zwar durchaus im Sinne der Verbraucher, doch mit welchen Mitteln andere Anbieter als Versicherer dies sicherstellen sollen, muss die EIOPA noch erarbeiten.

Wo Rente draufsteht, ist nicht unbedingt Rente drin

Fest steht, dass eine Vielzahl von Finanzdienstleistern die Europarente anbieten darf – wenn die jeweilige nationale Aufsichtsbehörde zustimmt. Hier äußern Kritiker Bedenken: „PEPP-Produkte sollen auch von Asset-Managern und Hedgefonds vertrieben werden können. So wird der Rentenmarkt zum Spielball der Kapitalmärkte“, warnt Martin Schirdewan, finanzpolitischer Sprecher der Linken im Europaparlament. Solange es keine klaren Angaben gebe, wie die Kapitalgarantie sichergestellt werden solle, seien die eingezahlten Beiträge eben nicht hundertprozentig sicher.

Zudem hat die EU-Kommission zwar die Ansparphase stark reguliert, aber nicht festgelegt, dass Sparer in jedem Fall bis an ihr Lebensende Leistungen beziehen können. „Unter einer Rente versteht man in Deutschland lebenslange Auszahlphasen, PEPP öffnet aber die Tür für reine Ansparprodukte unter dem Label ‚Rente‘“, kritisiert Heike Bähner, Vorstandsmitglied der Volkswohl Bund Versicherungen. „Wir halten es für problematisch, dass versicherungsfremde Anbieter zeitlich begrenzte Auszahlpläne anbieten und diese als Renten bezeichnen dürfen.“ Studien hätten gezeigt, dass viele Deutsche ihre Lebenserwartung unterschätzten. Daher könnten sie sich womöglich für ein Produkt mit kürzerer Auszahlungszeit, aber attraktiveren Rentenhöhen entscheiden statt für die „viel wertvollere, lebenslange Rente“, so Bähner. Wer dann älter wird als erwartet, verliert eine Säule seines Einkommens – und wird womöglich zum Sozialfall.

Größere Chancen in Mittelosteuropa

Ein weiterer Knackpunkt ist der geplante Kostendeckel. Die EU hat bereits festgelegt, dass die Kosten beim Basis-PEPP maximal ein Prozent der angesparten Beiträge betragen dürfen. „Hier geht es in erster Linie darum, die Kosten für die Verbraucher zu begrenzen und vergleichbar zu machen“, sagt ein Sprecher der Bundesfinanzaufsicht. Verbraucherschützern ist die Grenze immer noch zu hoch, die Versicherungsbranche wiederum hält sie für unrealistisch niedrig. Gerade am Anfang sei es ein großer Kostenaufwand für die Anbieter, ein neues Versicherungsprodukt zu etablieren, zumal wenn es sich von bekannten Produkten unterscheidet. „Man muss das Produkt erst ins Leben rufen, einen Vertrag aufsetzen und verpflichtend beraten. Mit einem Kostendeckel von einem Prozent ist das für die Anbieter nicht zu stemmen“, sagt GDV-Expertin Willert.

In Deutschland könnte es ohnehin schwierig werden, Kunden für die Europarente zu gewinnen. Das Angebot an privaten und betrieblichen Vorsorgeprodukten ist hoch, es gibt mehr als 16 Millionen Riester-Verträge, noch mehr Menschen haben eine private Rentenversicherung. In EU-Staaten wie Tschechien, Ungarn oder der Slowakei hätten Anbieter mit PEPP-Produkten voraussichtlich bessere Chancen, sagt Willert.

Wer den Arbeitsort über nationale Grenzen hinweg häufig wechselt, sollte jedoch durchaus einen Blick auf die neuen Produkte werfen. Angesichts der wachsenden Probleme der gesetzlichen Rentenkassen bleibt es in jedem Fall richtig, privat vorzusorgen.

Text: Mariam Misakian 

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