Positionen-Magazin
Rente, Ries­ter und Refor­men: Deutsch­land

Neu­start für die Alters­vor­sorge

Mit Riester wurde viel erreicht, auch im internationalen Vergleich. Doch um die Alterssicherung zukunftsfest zu machen, muss vor allem die private Vorsorge einfacher werden – bei der Förderung und bei den Produkten. Ein Plädoyer.

Walter Riester hat gerade mit seiner Frau ein Haus gebaut. Im malerischen Isny im Allgäu genießt Riester seine Rente – obwohl er als früherer Bundesminister streng genommen natürlich Pension bezieht. Doch noch immer kommt der 77-Jährige in Fahrt, wenn es um sein Lebensthema geht: die nachhaltige Entwicklung sozialer Sicherungssysteme. Vor knapp 20 Jahren beschloss die damalige rot-grüne Bundesregierung einen Paradigmenwechsel: Die aufgrund der höheren Lebenserwartung und des demografischen Wandels immer weiter steigenden Beiträge zur staatlichen Rentenversicherung wurden gesetzlich gedeckelt, das Rentenniveau gesenkt. Erhielt ein Ruheständler in den 1990er-Jahren im Schnitt noch mehr als 50 Prozent eines Durchschnittslohns als Rente, sind es heute nur noch 48,2 Prozent. 2034 werden es laut dem jüngsten Rentenversicherungsbericht wohl nur noch 46 Prozent sein. Um die so entstehende Einkommenslücke zu schließen, wurde die betriebliche Altersversorgung erleichtert und ein neues Instrument für die individuelle Vorsorge geschaffen: eine rein private Rente, gefördert durch staatliche Zulagen und Steuervorteile. Bis heute trägt sie den Namen des damals zuständigen Arbeits- und Sozialministers: Riester-Rente. 

Seither steht die deutsche Altersvorsorge, die auch international große Anerkennung findet, auf drei Säulen: gesetzliche Rente, betriebliche Altersversorgung und private Vorsorge. Doch die steigende Lebenserwartung und der demografische Wandel bringen das System an seine Grenzen. Auf 100 Bürger im erwerbsfähigen Alter (20 bis 64) kommen heute etwa 36 Menschen, die 65 oder älter sind. Dem Munich Center for the Economics of Aging zufolge werden es 2035 bereits 54 und im Jahr 2060 sogar 58 sein. Im Umkehrschluss heißt das: Weniger als zwei Berufstätige müssten mit ihren Beiträgen einen Rentner versorgen. Die Deckungslücke der gesetzlichen Rentenversicherung wächst: Mehr als 100 Milliarden Euro Steuergeld pumpt der Staat schon heute jährlich in die Rentenkasse.

Aufgrund der Niedrigzinsen kann die private Säule die Rentenlücke nicht schließen 

Anders als geplant, kann die private Säule in ihrer jetzigen Form diese Entwicklung jedoch nicht mehr auffangen. „Zuletzt hatten immerhin 16,5 Millionen Beschäftigte einen Riester-Vertrag abgeschlossen. Nie zuvor haben so viele Deutsche privat fürs Alter gespart“, sagt Walter Riester. Wegen der seit mehr als einem Jahrzehnt andauernden Niedrigzinsphase fällt es den Lebensversicherern allerdings zunehmend schwer, Riester-Produkte mit attraktiven Renditen anzubieten. Die große Vielfalt der möglichen Vertragsmodelle und das komplizierte Förderverfahren – bei jeder Änderung der Lebenssituation ändern sich die Zulagen – macht diese Form der Altersvorsorge verwaltungs- und beratungsintensiv. Und damit teuer. Die Folge: Seit fünf Jahren stagniert die Zahl der Riester-Verträge, gut ein Fünftel ist ruhend gestellt, wird also derzeit nicht bespart, schätzt das Bundesarbeitsministerium. Die deutschen Versicherer warnen vor dem „Risiko Ruhestand“, und auch Rentenreformer Riester sieht dringenden Handlungsbedarf: „Das gesamte Vorsorgesystem gehört auf den Prüfstand.“

Die Bundesregierung will das Thema endlich anpacken. Doch die Zeit wird knapp

Die Zeit drängt. Anfang Dezember hat die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) vorgeschlagen, den Höchstrechnungszins für neue Lebensversicherungsverträge von aktuell 0,9 auf 0,25 Prozent im Jahr 2022 abzusenken. Sollte das Bundesfinanzministerium diesem Vorschlag folgen, würde dies die klassischen Riester-Verträge aus Renditesicht noch unattraktiver machen. „Wir brauchen eine Riester-Revolution“, sagt Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), und macht damit klar, dass es mit einer kleinen Reform nicht getan ist. „In einer Welt ohne positiven Nominalzins muss die Altersvorsorge neu gedacht werden –  das gilt auch für Riester und für die betriebliche Altersversorgung“, so Asmussen. Die Bundesregierung hat zugesagt, das Thema noch in dieser Legislaturperiode anzupacken. Doch bis zur nächsten Bundestagswahl im September 2021 sind es nur noch wenige Monate – kein üppiges Zeitfenster für eine umfassende Reform, von der die Koalitionspartner zudem auch noch inhaltlich unterschiedliche Vorstellungen haben. Und so schlugen Anfang November die im GDV organisierten deutschen Versicherer, der Fondsverband BVI, der Verband der Privaten Bausparkassen (VDPB) und die Landesbausparkassen (LBS) Alarm: „Die Zeit für eine Reform läuft davon“, hieß es in einem Brief an Kanzleramtschef Helge Braun, in dem die Verbände auch davor warnten, die Riester-Rente ab 2021 nicht mehr anbieten zu können, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht zügig änderten. „Ein Aussitzen schwächt die dringend notwendige und politisch gewollte Motivation zur Eigenvorsorge“, unterstreicht Clemens Vatter, Vorstand bei der Signal Iduna Lebensversicherung. Wer von Altersarmut rede und Haltelinien bei Beitragssatz und Rentenniveau verlange, müsse auch Anpassungen an nachweislich wirksamen Instrumenten zulassen. 

Vereinfachte Förderverfahren statt des aktuellen Zulagenwirrwarrs

Die Verbände hatten schon 2019 einen Plan erarbeitet, wie sich die Riester-Rente zukunftsfest machen und gleichzeitig deutlich attraktiver als heute gestalten ließe: An die Stelle des komplizierten Zulagenwirrwarrs müssten leichter verständliche Förderverfahren treten. Jeder selbst eingezahlte Euro sollte mit mindestens 50 Cent vom Staat gefördert werden. Die Beitragsgarantie müsse gelockert werden, um eine Chance für höhere Renditen zu eröffnen – und damit auf höhere Rentenzahlungen im Alter. Zudem fordern die Versicherer und Finanzdienstleister, die Riester-Förderung für alle zu öffnen. Also etwa auch für Selbstständige, von denen viele ebenso von Altersarmut bedroht seien wie andere Berufsgruppen. In der aktuellen Legislaturperiode hat die große Koalition schon mehrfach am Rentensystem geschraubt. Doch Neuerungen wie die Mütterrente, die Grundrente oder die Rente mit 63 für langjährig Versicherte kommen vor allem den älteren Jahrgängen zugute. „Die Bundesregierung muss auch ein adäquates Angebot für die künftigen Rentnergenerationen machen“, fordert Peter Schwark, stellvertretender GDV-Hauptgeschäftsführer. Die Riester-Rente spreche auch Sparer mit niedrigem Einkommen sowie mit einer Wochenarbeitszeit von weniger als 30 Stunden an – und damit Zielgruppen, für die eine betriebliche Altersvorsorge häufig keine Alternative sei.

Zudem belaste sie den Bundeshaushalt mit etwa 3,5 Milliarden Euro, was verglichen mit den 100 Milliarden Euro, die jährlich als Transfer in die gesetzliche Rentenkasse fließen, überschaubar sei. Für einen entscheidenden Punkt hält Schwark eine Abkehr von der 100-prozentigen Beitragsgarantie. Angesichts des Dauerzinstiefs und der voraussichtlich weiteren Absenkung des Höchstrechnungszinses sei es wirtschaftlich nicht mehr umzusetzen, jedem Sparer den vollständigen Kapitalerhalt unter allen Umständen zuzusichern, wie es die aktuelle Rechtslage vorschreibt. „Die Riester-Rente stammt aus einer Zeit, in der die Zinsen bei fünf Prozent lagen. Heute werden selbst Staatsanleihen negativ verzinst.“ Der Staat zahlt den Kapitalanlegern ihr eingesetztes Geld also auch nicht in vollem Umfang zurück. Unterstützung für diese Position kommt von der Aktuarvereinigung DAV. Er sei ein Befürworter der Riester-Rente, sagt der Vorsitzende Guido Bader, doch die immer noch vorherrschende Garantiefixierung müsse aufgebrochen werden, „um dem Gedanken zum Durchbruch zu verhelfen, dass weniger Garantie auch mehr Leistung bedeuten kann“. Die DAV schlägt deshalb vor, zum 1. Januar 2022 ein Gesetzespaket zu schnüren, das sowohl eine Absenkung des Höchstrechnungszinssatzes als auch eine Abkehr von der Beitragsgarantie bei der Riester-Rente enthält.

Der Paradigmenwechsel bei der privaten Vorsorge hat längst begonnen

Bei den klassischen Lebensversicherungspolicen reagieren erste Anbieter bereits. So kündigte die Allianz an, bei Neuverträgen keine Kapitalgarantie mehr zu geben – eine Zäsur. Auch Ergo-Chef Markus Rieß ist skeptisch: „Wir können nicht ausschließen, uns mittelfristig von der kompletten Beitragsgarantie bei den Lebenspolicen sukzessive zu verabschieden“, sagte er kürzlich dem „Handelsblatt“, wenngleich Ergo auch 2021 weiterhin Produkte mit einer einhundertprozentigen Beitragsgarantie anbieten wird.

Die Allianz bietet den Kunden eine Wahlmöglichkeit: Je nach individueller Risikoneigung können sie Verträge mit verschieden hohen Garantieniveaus abschließen. Je geringer die Garantie, desto höher die Renditechance. „Zwei Drittel der von uns im Vorfeld befragten Kunden gaben an, dass sich ihre Einstellung zum Sparen durch die Niedrigzinssituation verändert hat“, sagt Volker Priebe, Vorstand bei der Allianz Lebensversicherung. Ebenso viele seien bereit gewesen, auf die 100-Prozent-Garantie zu verzichten, wenn im Gegenzug die Renditechancen stiegen.

Neue Angebote können bei jüngeren Kunden punkten – weil sie höhere Renditen ermöglichen

Beibehalten werden beide Konzerne die volle Garantie nur bei Verträgen, für die sie gesetzlich vorgeschrieben ist, also etwa bei Riester-Renten sowie bestimmten Formen der betrieblichen Altersversorgung (bAV). Die Beispiele dürften Schule machen, ist DAV-Chef Bader überzeugt: „Weitere Unternehmen werden nachziehen. Die Produktlandschaft wird gerade aufgrund der bislang zu zögerlichen Haltung des Gesetzgebers noch heterogener werden.“ 


Vor allem bei der jüngeren Generation könnten die neuen Angebote auf Akzeptanz stoßen, da sie höhere Renditen ermöglichen. „Die Mär von börsengehandelten Wertpapieren als Teufelswerk verfängt insbesondere bei jungen Berufstätigen nicht mehr“, sagt Patrick Dahmen, Vorstandschef der HDI Lebensversicherung. Die Corona-Erfahrung mache vielmehr Anlagen am Kapitalmarkt besonders im Rahmen von Vorsorgeprodukten noch interessanter. Bei den Berufstätigen unter 45 Jahren habe jeder Fünfte beim Aufbau seiner Altersvorsorge das größte Vertrauen in Aktien, Anleihen und Fonds. Nur noch 16 Prozent vertrauten der gesetzlichen Rente als sicherster Vorsorge. 

Weniger Umlage, mehr Anlage – so sehen zukunftssichere Altersvorsorgesysteme aus

Dass Rentensysteme, die stärker auf die Einbindung von Aktien setzen, leistungsfähiger sein können, belegt eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Mercer. Im Vergleich mit den Alterssicherungssystemen anderer Länder landete das deutsche wegen mangelnder langfristiger Leistungssicherheit nur im Mittelfeld. Auf den vorderen Plätzen hingegen fanden sich Länder, die Aktien deutlich in die Altersvorsorge einbinden wie die Niederlande, Dänemark oder Israel. „In Schweden legen die Arbeitnehmer einen festen Anteil ihrer gesetzlichen Rentenbeiträge in Aktien-, Renten- oder Mischfonds an. Alle Arbeitnehmer profitieren so von der Anlage am Kapitalmarkt“, sagt Christine Bortenlänger, Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Aktieninstituts (DAI), das in seiner Studie „Altersvorsorge mit Aktien zukunftsfest machen“ Länder unter die Lupe nimmt, die erfolgreich Aktien in der Altersvorsorge einsetzen. In den Niederlanden werden die Alterseinkommen durch betriebliche Pensionskassen gestützt, die ebenfalls einen großen Teil ihres Kapitals in Aktien investieren. Länder wie Österreich dagegen, die noch stärker als Deutschland auf die beitragsfinanzierte gesetzliche Rente setzen und über nur wenige Instrumente in der privaten Altersvorsorge verfügen, laufen in die Kostenfalle von immer steiler steigenden Staatszuschüssen in die chronisch unterfinanzierte Rentenkasse.

Die betriebliche Altersversorgung boomt. Doch auch hier gibt es Reformbedarf 

Gewerkschaften und Verbraucherschützer sind indes wenig begeistert von den Reformideen der Assekuranz. „Das A und O (der Altersvorsorge) ist eine vernünftige Kapitalanlage“, sagt Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv), nur dass er dieses Ziel auf einem anderen Weg zu erreichen hofft. Er schlägt vor, die heutige Riester-Rente durch eine sogenannte Extrarente zu ersetzen, die aus einem staatlich verwalteten Fonds gespeist wird. „Da es sich um sehr langfristiges Sparen handelt, wäre es für Verbraucher am besten, eine breit gestreute Anlage in Aktien anzubieten, die durch einen unabhängigen Träger organisiert und kontrolliert wird.“ So könnte laut Müller ein einfaches, kostenarmes und rentierliches Standardprodukt angeboten werden. Die Versicherer sehen in dem Vorschlag einen ersten Schritt zur Verstaatlichung des privaten Vorsorgekapitals, was angesichts der chronischen Unterfinanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung keine beruhigende Aussicht wäre. Zumal niemand garantieren kann, dass sich der Staat in einer finanziellen Notlage nicht an solchen Spargroschen der Bürger vergreift. Auch sieht der Vor-schlag der Verbraucherschützer vor, dass bis zum 49. Lebensjahr des Versicherten 100 Prozent der Einlage in Aktien angelegt werden sollen. Damit wäre das „Extrarente“ getaufte Staatsprodukt erheblich risikoreicher als die Riester-Rente – und zwar sowohl vor als auch nach einer Reform. Dass die gesetzliche Rente allein einen sorglosen Lebensabend garantiert, glauben unterdessen immer weniger Erwerbstätige und sorgen deshalb zusätzlich über Betriebsrenten vor. Allein bei den Lebensversicherern stieg die Zahl der bAV-Verträge 2019 um 150.000 auf etwa 16,3 Millionen. 

Fast jeder fünfte neu abgeschlossene Lebensversicherungsvertrag entfällt heute bereits auf die betriebliche Altersversorgung. „In den vergangenen beiden Jahren hat besonders die Verbreitung der Direktversicherung durch das Betriebsrentenstärkungsgesetz neuen Schub bekommen“, sagt GDV-Geschäftsführer Schwark. Weitere Impulse dürften die erst kürzlich beschlossenen Verbesserungen beim Geringverdienerzuschuss geben. Dennoch sehen Experten auch bei dieser Säule der Alterssicherung Reformbedarf. „Wie bei der Riester-Rente muss der Gesetzgeber auch in der betrieblichen Altersversorgung schnellstmöglich die gesetzlich vorgeschriebenen Garantieniveaus deutlich reduzieren“, sagt Versicherungsmathematiker Bader. Noch mehr Bewegung in die Rentendebatte kommt aktuell durch einen Vorschlag von CDU-Sozialpolitikern. Sie wollen das gesetzliche Rentenalter durch eine Regelversicherungszeit ersetzen. Arbeitnehmer, die beispielsweise studiert haben, müssten dann bis zu einem höheren Alter arbeiten als solche, die unmittelbar nach dem Schulabschluss ins Berufsleben gestartet sind. Außerdem wird erwogen, die Beitragspflicht zur Rentenversicherung auch auf andere Einkünfte jenseits von Lohn und Gehalt auszuweiten, also etwa auf Mieteinnahmen oder Kapitaleinkünfte. Innerhalb der Union wird über diese Ideen allerdings kontrovers diskutiert.

Die SPD will eine Einheitsversicherung für Arbeitnehmer, Selbstständige und Beamte 

Die SPD setzt sich vor allem für eine Stärkung der ersten Säule ein und plädiert für eine Einbeziehung von Beamten und Selbstständigen in die gesetzliche Rentenversicherung. So viele verschiedene Altersvorsorgesysteme parallel zu betreiben sei anachronistisch, sagt der Renten experte der SPD-Bundestagsfraktion Ralf Kapschack. „Ich bin für die Einführung einer für alle geltenden Erwerbstätigenversicherung.“ Walter Riester verfolgt derweil vom Allgäu aus das politische Gezerre. Der frühere SPD-Politiker favorisiert noch immer seine ursprüngliche Idee, mit der er sich 2002 im Parlament nicht durchsetzen konnte: „Es wäre richtig, die Riester-Rente gesetzlich verpflichtend  zu machen und die Förderung allen zu gewähren.“ Wenn es nach ihm ginge, könnte die private Altersvorsorge übrigens auch einen neuen  Namen bekommen, es müsse nicht seiner sein. Mit „Zulagenrente“, wie von der CDU ins Spiel gebracht, könnte Riester gut leben. Allein: „Ich fürchte, dass ein neuer Name die Menschen nur noch mehr verwirren würde.“

Text: Eli Hamacher

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