Positionen-Magazin
Pflicht­fach Wirt­schaft

Neuer Lern­stoff für Schü­ler

Brauchen die Deutschen Nachhilfe in Sachen Ökonomie? Studien legen das nahe. Wirtschaftsverbände, Verbraucherschützer und Bildungsexperten fordern deshalb die Einführung eines Pflichtfachs Wirtschaft. Die ersten Bundesländer haben bereits reagiert.

Basile Schellmann ist jung, doch er weiß, wie es in der Unternehmenswelt zugeht. Der 23-Jährige führt mit drei ehemaligen Mitschülern die Firma Kragü. Sie arbeitet alte Krawatten in modische Gürtel um und verkauft sie in mittlerweile fast 200 Geschäften. „Derzeit liegt unser Jahresumsatz bei einer Viertelmillion Euro pro Jahr“, sagt der Wirtschaftsstudent. Das erfolgreiche Start-up hat eine ungewöhnliche Geschichte. Denn Idee, Businessplan und Kapitalbeschaffung haben Schellmann und seine Freunde vor fünf Jahren im Unterricht am Nymphenburger Gymnasium ausgearbeitet – in einem Praxisseminar des Fachs Wirtschaft und Recht, das an bayerischen Schulen gelehrt wird. Nach dem Abschluss führten sie die Firma eigenständig weiter. Schellmann ist überzeugt, dass die Schule die Grundlage für seinen Erfolg gelegt hat. „Dort haben wir sicher mehr über Wirtschaft gelernt als Praktikanten, die in Unternehmen Kaffee holen müssen.“ Das Beispiel zeigt, was Jugendliche erreichen können, die schon früh ökonomisches Handwerkszeug vermittelt bekommen. Doch lernen Schüler immer genug, um die Zusammenhänge der Unternehmenswelt zu verstehen? Oft lautet die Antwort: Nein. In den Bundesländern läuft deshalb die Diskussion über die Einführung von Wirtschaft als Pflichtfach. Baden-Württemberg ist diesen Schritt 2018 bereits gegangen, NRW als größtes Land folgt zum neuen Schuljahr.

Kinder wohlhabender Eltern wissen mehr über Wirtschaft 

Nicht nur Politiker, auch Bildungsexperten meinen, dass die Wirtschaftskenntnisse der Deutschen nicht besonders ausgeprägt sind. „Ich kenne keine Studie, die bei dieser Frage zu einem zufriedenstellenden Ergebnis käme“, sagt Dirk Loerwald vom Institut für Ökonomische Bildung in Oldenburg. Ein fataler Befund, denn wirtschaftliche Bildung erhöht die Erfolgschancen im Leben: Wissenschaftler der Uni Bonn ließen 700 Personen nach ihren ökonomischen Kenntnissen befragen. Die Studie von 2018 kommt zu dem Ergebnis, dass Teilnehmer aus Haushalten mit hohem Nettoeinkommen wesentlich besser über wirtschaftliche Zusammenhänge Bescheid wussten als die aus einem weniger wohlhabenden Umfeld. Erhebliche Wissensdefizite stellten die Forscher unter anderem dort fest, wo es um ein grundlegendes ökonomisches Verständnis ging. So konnten nur zehn Prozent die aktuelle Entwicklung an den Aktienbörsen richtig einschätzen. Ähnlich sah es beim Wissen um Inflation und Wirtschaftswachstum aus. Zwar stehen wirtschaftliche Themen seit je in den Lehrplänen. Wer als Schüler Pech hat, bekommt aber wenig davon mit. „Ökonomische Bildung wird bundesweit in ganz unterschiedlichen Fächern unterrichtet“, sagt Bildungsexperte Loerwald. 


Nur selten findet man ein eigenständiges Fach, viel häufiger sogenannte Integrationsfächer wie Gemeinschaftskunde, Arbeitslehre, Hauswirtschaftslehre, Erdkunde oder Sozialkunde. Bei einer derartigen Zersplitterung sei es nicht möglich, sicherzustellen, dass Basiswissen auch tatsächlich immer unterrichtet werde. „Einige Kinder und Jugendliche erhalten solides wirtschaftliches Grundwissen, viele andere bestenfalls in homöopathischen Dosen“, sagt Loerwald. Ähnlich unterschiedlich sei die ökonomische Bildung je nach Fach, Bundesland und Uni in den Lehramtsstudiengängen gewichtet. Das kann dazu führen, dass etwa Sozialkundelehrer in der Ausbildung nur wenig Fachwissen zu wirtschaftlichen Grundsachverhalten erlangen. Aus diesem Grund tritt Loerwald dafür ein, Wirtschaft als eigenständiges Fach einzuführen und Lehrer gezielt dafür auszubilden. „Wenn uns ökonomische Kompetenz wichtig ist, kommen wir nicht um ein eigenständiges Fach herum.“

Gedichtanalyse in vier Sprachen – aber keine Ahnung von Steuern 

Die Debatte über das Fach Wirtschaft schwelt schon lang. Vor vier Jahren erhielt sie Auftrieb: Damals hatte sich eine Schülerin auf Twitter beklagt, dass sie zwar eine Gedichtanalyse in vier Sprachen schreiben könne, aber keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen habe. Der Tweet wurde tausendfach geteilt. Sogar die damalige Bundesbildungsministerin fühlte sich zur Stellungnahme verpflichtet. In der Öffentlichkeit scheinen kaum Zweifel zu bestehen, dass die Finanzbildung verstärkt werden muss. In einer Insa-Umfrage im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge sprachen sich 84 Prozent für die Einführung eines entsprechenden Unterrichts während der Schulzeit aus. Einigkeit herrscht auch bei Verbänden – egal ob sie Unternehmen nahestehen oder den Verbrauchern. Ökonomisches Wissen sei nötig, um als Verbraucher verantwortungsvoll und im eigenen Interesse handeln zu können, so der Tenor. „Nur wer gelernt hat, mit Geld umzugehen, kann später auch einmal gute Entscheidungen für seine Altersvorsorge treffen“, sagt Wolfgang Weiler, Präsident des GDV. 

Unter der grün-schwarzen Regierung hat Baden-Württemberg als erstes Bundesland das Pflichtfach Wirtschaft an Gymnasien und anderen Schulformen eingeführt. Es wird gemeinsam mit Berufs- und Studienorientierung unterrichtet. Ein Ziel sei es, wirtschaftlich mündige Verbraucher auszubilden, sagt ein Sprecher des Stuttgarter Kultusministeriums. Zugleich solle die ökonomische Grundbildung erweitert und der Übergang von der Schule in den Beruf erleichtert werden. In Nordrhein-Westfalen stärkt die schwarz-gelbe Regierung das Fach Wirtschaft-Politik ab dem Schuljahr 2019/20. Der Zeitpunkt ist günstig, denn das Bundesland stellt in den Gymnasien derzeit das Curriculum von der achtjährigen auf die neunjährige Schulzeit zurück. Die Lehrpläne müssen also ohnehin geändert werden. Der aktuelle Entwurf sieht vor, dass Erdkunde, Geschichte und das neue Fach Wirtschaft-Politik mit insgesamt 23 Wochenstunden verteilt über die Sekundarstufe eins unterrichtet werden – das macht fünf Wochenstunden mehr als auf der G8-Stundentafel. So vermeidet NRW, dass für die zusätzlichen Stunden des Wirtschaftsunterrichts stark bei anderen Fächern wie Erdkunde oder Geschichte gekürzt werden muss. In den Realschulen könnte sich dieses Problem allerdings stellen. Dort soll ab 2020 Wirtschaft zum Pflichtfach werden. Kritiker befürchten grundsätzlich, dass der Wirtschaftsunterricht zulasten traditioneller Fächer geht. „Das ist der Fall, wenn Stundenkontingente für Fächergruppen gleich bleiben und nur anders aufgeteilt werden“, sagt etwa Maike Finnern, stellvertretende Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in NRW. Wirtschaftliche Inhalte sind aus ihrer Sicht in anderen Fächern ausreichend vertreten. Ein eigenes Fach sei unnötig.

Auch der beste Unterricht kann Praxiserfahrungen nicht ersetzen 

Geteilt sind die Ansichten auch darüber, inwieweit sich Wissen über lebendige Wirtschaft im theoretischen Unterricht vermitteln lässt. „Das ist schwierig“, findet Daniel Fliesen. Der 35-jährige Lehrer arbeitet am Mädchengymnasium Essen-Borbeck. Im Politikunterricht geht er auch auf wirtschaftliche Inhalte ein – bevorzugt aber praktische Erfahrungen. Neun Schülerinnen gründeten unter seiner Leitung eine Firma, die aus gebrauchten Fahrradteilen Flaschenöffner macht.

Das Projekt gewann mehrere Preise und kommt auf 2000 Euro Jahresumsatz. „Es ist nicht nur das wirtschaftliche Wissen, das für den Erfolg entscheidend ist, sondern auch Soft Skills wie Organisation, Überzeugungskraft oder Ausdauer“, beschreibt Fliesen seine Erfahrung. Diese Eigenschaften ließen sich am besten in praktischen Projekten vermitteln. Noten bekommen die Mädchen für das Erfolgsprojekt übrigens nicht. Sie haben die Firma im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft gegründet – in ihrer Freizeit.


Text: Heimo Fischer

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