Positionen-Magazin
Ren­ten­ver­si­che­rung

Mehr Ren­dite für die zweite Halb­zeit

Private Altersversorgung soll sicher sein und gute Renditen abwerfen – in Zeiten des Zinstiefs ein kaum zu überbrückender Gegensatz. Jetzt schaffen Lebensversicherer mit neuen Produkten Chancen auf steigende Altersbezüge. Und zwar lebenslang.

Wer privat fürs Alter vorsorgen will, hat die Qual der Wahl. Es gibt Riester-Renten, betriebliche Altersversorgung, Lebens- oder Rentenversicherungen in einer Fülle von Variationen, fondsgebunden, klassisch oder eine Kombination aus beidem. Eines jedoch ist allen Angeboten gemeinsam: Sie sind so konstruiert, dass auf eine Phase des Vermögensaufbaus eine Zeit des Entsparens folgt, also der schrittweise Verzehr des Kapitals. Wer das entsprechende Alter erreicht, kann sich über eine hübsche Summe zum Start in den Ruhestand freuen oder über eine monatliche Überweisung aufs Konto. Doch seit einiger Zeit kommt Bewegung in das System. 


Galt bisher die Aufmerksamkeit der Versicherer vor allem der Frage, wie sich das Geld in der Ansparphase vermehren lässt, ohne dass die Kunden allzu große Risiken eingehen müssen, nehmen sie nun verstärkt die zweite Phase ins Visier. Das Ziel: angesichts dauerhafter Niedrigzinsen die Renditechancen zu erhöhen – und damit die lebenslangen Altersbezüge der Kunden. 

Klassische Renten- und Kapitallebensversicherungen sind traditionell mit Zinsgarantien ausgestattet, auch bei den fondsgebundenen Policen, die etwas offensiver am Kapitalmarkt anlegen, werden die Verlustrisiken für die Sparer regelmäßig ausgeschlossen. Niemand muss also fürchten, am Ende der Ansparzeit Geld zu verlieren. Doch diese Sicherheit hat einen Preis: Die Versicherer müssen das Kapital überwiegend in sichere Anlageprodukte investieren, die in der Regel eine geringere Rendite bringen. 

Gesucht: Neue Konzepte für steigende Verzinsung

Auch nach Rentenbeginn ändert sich daran wenig. Die derzeit üblichen Policen zahlen vom vereinbarten Stichtag an lebenslang eine feste Rente, eine gewisse Verzinsung bleibt garantiert. Um diese Verzinsung zu steigern, tüftelt die Branche an neuen Konzepten, damit Sicherheit und Rendite im Alter besser ins Lot kommen. Der Grund für diese Aktivität ist simpel: Während Lebensversicherungen bei jüngeren Menschen nicht mehr so hoch im Kurs stehen, verzeichnen Angebote ohne jahrzehntelange Ansparphase einen regelrechten Boom. Versicherungen, bei denen auf einen Schlag eine große Summe eingezahlt wird, sind gefragt wie nie. 

Vorteile bringt dieses Modell besonders für Kunden im Rentenalter, die einen größeren Geldbetrag, etwa aus einer fälligen Lebensversicherung, einer Erbschaft oder einem Immobilienverkauf, optimal nutzen wollen. 

Die Versicherung verwandelt diesen Kapitalstock steuergünstig in eine lebenslange Rente. 2019 flossen auf diese Weise 38,2 Milliarden Euro als Einmalzahlungen in die Kassen der deutschen Lebensversicherer – 37 Prozent mehr als im Vorjahr. 64,3 Milliarden Euro entfielen im selben Zeitraum auf das Geschäft mit laufenden Beiträgen, das um 0,1 Prozent zulegte.

Investieren statt abwarten 

Ein sicheres lebenslanges Einkommen ist das Ziel – und die Versicherer ringen um das beste Konzept, attraktivere Bedingungen für die entsprechenden Policen zu schaffen. Einer der Ansätze besteht darin, statt einer garantierten Mindestrente eine flexible Zahlung zu vereinbaren, die über die Rentendauer stärker steigen, aber auch mal sinken kann, beispielsweise in Schwächephasen der Finanzmärkte oder bei einer sich ändernden Lebenserwartung. Einzelne Versicherer versuchen, dem Rendite-Lockdown mit sogenannten Vorzugsrenten zu entkommen. 

Die Idee: Senioren, mit deren Gesundheit es nicht zum Besten steht und die daher keine hohe statistische Lebenserwartung haben, bekommen dabei nach einer Gesundheitsprüfung eine höhere Rente ausgezahlt. Bei einigen Anbietern lassen sich auch Mindestlaufzeiten vereinbaren. Wer dann unerwartet früh verstirbt, hinterlässt seinen Angehörigen noch für einige Jahre seine monatliche Rentenzahlung. 

Gerade im Rentenalter gilt: Das Geld gehört nicht aufs Girokonto

„Grundsätzlich profitieren Sparer von innovativen Konzepten für die zweite Halbzeit der Rentenversicherung, also die Auszahl- oder Entsparphase“, sagt Jochen Ruß, Versicherungsmathematiker und Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften (IfA) in Ulm. Solche Konzepte sind aus seiner Sicht eine gute Kombination einer chancenreicheren Kapitalanlage, die höhere Rentensteigerungen ermöglicht, mit der Garantie einer lebenslangen Rente. Gerade ältere Menschen hätten oft viel Geld auf Girokonten geparkt, sagt Ruß: „Dies bietet weder eine Chance auf Rendite noch die Garantie eines lebenslangen Einkommens, ist also in doppelter Hinsicht nicht ruhestandsgerecht.“

Rente mit Renditeaussicht

Policen, die in der Ansparphase eine Mindestrente versprechen, zugleich aber die Chance auf höhere Bezüge beinhalten, sind in dieser Situation attraktiver. Wer sich Kapital, etwa aus einer Lebensversicherung, auszahlen lasse, es danach aber nicht wieder ruhestandsgerecht anlege, riskiere, dass das irgendwann aufgezehrt sei, sagt der Experte: „Mein Geld ist schon weg, aber ich bin noch da: Diese Gefahr lässt sich in vielen Fällen am besten über eine Rentenversicherung ausschließen.“ Versicherer entwickelten gerade gezielt neue Angebote für diese zweite Halbzeit, sagt Dietmar Bläsing, Vorstandssprecher beim Volkswohl Bund. Diese sollen auch Rentner erreichen, die bisher ihr Geld selbst anlegen oder dem Rat ihres Bankberaters vertrauen. 

„Versicherungsvermittler haben in der Regel keinen engen Kontakt mehr zu diesen Kunden“, sagt Bläsing. „Das wollen wir ändern.“ Ein Grundprinzip und Alleinstellungsmerkmal steht dabei nicht zur Disposition: Bläsing will in jedem Fall an der lebenslangen Rente festhalten, damit das sogenannte Langlebigkeitsrisiko abgesichert bleibt. „Menschen schätzen ihre Lebenserwartung häufig kürzer ein, als sie tatsächlich ist“, sagt Bläsing. „Wer glaubt, nur 15 Jahre lang Rente zu beziehen, entscheidet sich im Zweifel lieber für eine Einmalauszahlung, um der Versicherung nichts zu schenken.“ Dann könne es jedoch passieren, dass das Kapital zu früh aufgezehrt sei.

Die modernen Rentenversicherungsmodelle sind der Versuch, das Beste aus zwei Welten zu kombinieren: die Sicherheit, in jedem Fall bis zum Lebensende finanziell versorgt zu sein, und gleichzeitig die Chance zu eröffnen, von Wertsteigerungen am Kapitalmarkt zu profitieren. Gerade diese Änderungen in der Ansparphase erzeugen mehr Flexibilität – und treten an die Stelle der klassischen Garantien. Dafür kommen neuerdings auch fondsgebundene Policen infrage, die auch über die Einzahlungsphase hinaus in die jeweiligen Fonds investiert bleiben. „Dadurch können die Kunden auch während des Rentenbezugs weiterhin an den Chancen der weltweiten Kapitalmärkte partizipieren“, sagt Stefan Holzer, Leiter Versicherungsproduktion und Mitglied der Geschäftsleitung von Swiss Life Deutschland, die diesen Weg seit Kurzem beschreitet.

 

Auch in der Rentenauszahlphase steckt das Kapital noch in Fonds

„Einerseits ist ein fondsabhängiger Rentenbezug etwas schwankungsanfälliger als eine klassische Rente. Andererseits kann so auf Dauer ein Versorgungsniveau erreicht werden, das höher ist als bei einer klassischen Rentenversicherung“, hofft Holzer. Diese hat es aufgrund niedriger Zinsen immer schwerer, attraktive Kapitalmarktrenditen zu erzielen. Kunden könnten bei mordernen Verträgen zudem vielfach auch zu einem späteren Zeitpunkt weiteres Geld einzahlen oder auch Teile des Kapitals wieder entnehmen. In der Praxis beobachten die Versicherer nach wie vor eine weit verbreitete Skepsis in Bezug auf Rentenprodukte mit lebenslangen Zahlungen. Ihre Antwort darauf sind sogenannte Dazubuch-Optionen, über die etwa festgelegt werden kann, dass das angelegte Vermögen bei einem frühzeitigen Tod auf die Hinterbliebenen übergeht.

Risiken selbst steuern

Wichtig ist den Anbietern vor allem, die Sparer rechtzeitig daran zu gewöhnen, wie sie Risiken steuern können, etwa indem sie geringere Garantien wählen. Wer schon in der Ansparphase auf Fondsanteile gesetzt hat, kennt das Prinzip bereits – und kann während des Rentenbezugs einfach weitermachen wie zuvor. „Die Fondsanteile werden dazu idealerweise gar nicht verkauft, sondern direkt in den fondsgebundenen Rentenbezug überführt“, sagt Volkswohl-Bund-Chef Bläsing.

Text: Anna Friedrich, Carina Winter


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