Positionen-Magazin
Mani­pu­la­tion von Tacho­me­tern

Kilo­me­ter­fres­ser

Die Manipulation von Tachometern bei Gebrauchtwagen verursacht in jedem Jahr Schäden in Milliardenhöhe. Jetzt will die EU dem Tachobetrug einen Riegel vorschieben. Wie das am besten gelingt, ist unter Experten allerdings umstritten

Stecker rein, los geht’s: Den Kilometerstand eines Autos zu manipulieren ist für Profis kinderleicht. Selbst Laien können online ganz legal Geräte erwerben, die sich über den sogenannten On-Board-Diagnose-Stecker (OBD) mit der Bordelektronik verbinden lassen – und damit auch direkten Zugriff auf das digitale Tachometer gewähren. Einfach den gewünschten Kilometerstand eingeben, wenige Sekunden später zeigt der Tacho diesen an.
Wer nicht selbst Hand anlegen mag, findet im Internet professionelle Helfer, die ihre Dienste für um die 100 Euro feilbieten. Weil eine geringere Laufleistung einen Wertzuwachs von mehreren Tausend Euro für den Gebrauchtwagen bringen kann, rechnet sich der simple Betrug fast immer.

Leicht und lukrativ

Weil die Manipulation so leicht und zugleich so lukrativ ist, ist sie zum Massenphänomen geworden. Einer Studie im Auftrag des EU-Parlaments zufolge liegt der wirtschaftliche Schaden durch Tachobetrug EU-weit zwischen 5,6 und 9,6 Milliarden Euro pro Jahr. Zu den Geschädigten zählen neben den geprellten Käufern auch die Versicherer. „Der Kilometerstand ist ein wichtiger Indikator für den Wert eines Fahrzeugs bei der Schadenabwicklung und für die Prämienberechnung“, erklärt Karsten Linke, Referent für Kraftfahrtversicherung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Es muss dringend etwas passieren, um Tachobetrug künftig zu verhindern.“

Das sehen auch die Abgeordneten in Brüssel so. Ende Mai haben sie die EU-Kommission aufgefordert, unter anderem eine neue EU-weite Datenbank einzurichten, in der die Kilometerstände aller Fahrzeuge regelmäßig erfasst werden.
Dazu sollen Händler und Werkstätten bei jeder Inspektion und jeder Reparatur den aktuellen Zählerstand an eine zentrale Stelle melden. Eine solche umfassende Pflicht zur Erfassung und Speicherung der Laufleistung wäre aber nicht so einfach umzusetzen, warnt GDV-Experte Linke.
„Das ist ein möglicher Lösungsansatz, aber ein sehr teurer.“ Die Werkstätten, so Linke, würden das wohl nicht kostenlos machen. Außerdem werde damit nicht die Ursache bekämpft. Viele Umsetzungsfragen seien überdies unklar, und es müsse Übergangsfristen geben. „Das wird alles noch viele Jahre dauern.“ Bis dahin seien Fahrzeuge womöglich ohnehin vernetzt und könnten ihren Kilometerstand automatisiert melden.

Sicherheit serienmäßig

Einfacher und schneller umsetzbar wäre laut Linke eine andere Methode: „Die Autohersteller sollten gezwungen werden, fälschungssichere Chips einzubauen, um den wahren Kilometerstand zu dokumentieren.“ Die entsprechende Technik existiere bereits und würde Mehrkosten von nur rund einem Euro pro Fahrzeug verursachen.
Als Vergleich zieht er die elektronische Wegfahrsperre heran: „Natürlich gibt es Kriminelle, die auch die Wegfahrsperre knacken können. Trotzdem sind seit ihrer Einführung die Diebstahlszahlen massiv zurückgegangen.“ Eine ähnliche Wirksamkeit erhofft sich Linke von einem elektronischen Tachoschutz.

Damit würde man zugleich die bisher ungeklärte Frage umschiffen, wer die Daten einer zentralen EU-Erfassungsstelle nutzen darf. „Nicht nur Polizei, Versicherer und Händler, auch Privatleute sollten Zugriff bekommen, damit sie sich schon vor dem Autokauf informieren können“, fordert Thomas Geck, Leiter der Abteilung Schaden Prozessmanagement bei der HUK Coburg.
„Sonst haben wir Versicherer den Schwarzen Peter und müssen Kunden im Schadensfall sagen: ,Sorry, aber dein Fahrzeug hat 50.000 Kilometer mehr Laufleistung und ist viele Tausend Euro weniger wert, als du dachtest.‘“
Klagten wütende Kunden gegen eine solche Einschätzung der Versicherung, könnte es schwierig werden, fürchtet Geck: „Die Frage ist: Wer ist dann in der Beweispflicht für die wahre Laufleistung des Fahrzeugs?“
Die EU-Datenbank, sagt Geck, sei grundsätzlich eine gute Idee, „aber es sind noch viele Fragen offen“.

Text: Sarah Sommer, Olaf Wittrock

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