Positionen-Magazin
Kumul-Infor­ma­ti­ons-Ser­vice des GDV

Im roten Bereich

Bürgerkriege, Unruhen und bewaffnete Banden: Auf Touren durch ferne Länder sind Lkw-Fahrer allerlei Gefahren ausgesetzt. Um es Spediteuren wie Versicherern leichter zu machen, hat der GDV den Kumul-Informations-Service entwickelt. Anhand von Farben lässt sich jetzt auch die politische Gefahrenlage global einschätzen: Rot bedeutet gefährlich, Grün heißt sicher. Oft dominiert Rot.

Die Sonne brennt, die Lkw wirbeln Staub auf: „Franz Meersdonk, Günther Willers – und ihre Maschinen. 320 PS. Sie fahren Terminfracht in aller Herren Länder. Auf sie ist Verlass“, brummt eine Männerstimme im Intro der ARD-Serie „Auf Achse“. Als Trucker Meersdonk steuerte Manfred Krug den blauen Mercedes-Benz NG 1632 S von 1987 bis 1996 durchs Vorabendprogramm – und durch Tunesien, Chile, Thailand und den Niger, immer an der Seite seines Freundes Willers. In Griechenland wurden sie ausgeraubt, in Finnland gab es Zollprobleme, und auf Sizilien wurde ihnen gleich der komplette Lkw geklaut.

Im Rückblick vergleichsweise harmlose Probleme. In vielen Ländern stoßen Lkw-Fahrer heute auf gewaltsame Unruhen, fahren vielleicht direkt in einen Bürgerkrieg. Ist es das Risiko wert?

Wie hoch das Risiko tatsächlich ist, das wollen nicht nur die Fahrer wissen, sondern auch ihre Arbeitgeber – und die Transportversicherer. Sie müssen entscheiden, ob und wie sie Frachtverkehr versichern wollen, der durch Krisengebiete rollt. Dafür hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) den sogenannten Kumul-Informations-Service (KIS) entwickelt. Auf acht verschiedenen Welt- und Regionalkarten werden unterschiedliche Risiken beschrieben, die Versicherer dadurch besser einschätzen und berechnen können.

Verfügbar waren bislang KIS-Karten zu Hochwasser, Erdbeben, zu tropischen Zyklonen, Tsunamis, Hagel und Winterstürmen. Naturgefahren. Bei der jüngsten Karte des KIS kommt der Mensch ins Spiel. Sie zeigt politische Risiken auf, denen Transporteure und damit auch Transportversicherer ausgeliefert sein können: Bandenkriminalität, soziale und politische Unruhen, organisierte Gewalt und Kriege. Eine solche Gefahrenkarte gibt es bisher für Teile Afrikas und Südostasiens, vorbereitet werden weitere Karten für den Nahen und Mittleren Osten sowie für Zentralamerika.

Auf Zwischentöne kommt es an: Kein Land ist nur „gefährlich“

Uwe-Peter Schieder sitzt in seinem Berliner Büro und schaut auf seinen Computerbildschirm. Darauf zu sehen ist eine Karte von Nigeria. Schieder ist Referent für Transportversicherungen beim GDV. Die Karte des Landes ist unterteilt in viele bunte Flecken, das Farbspektrum reicht von Grün bis Dunkelrot – einen „bunten Flickenteppich“ nennt Schieder den westafrikanischen Staat. Die farbliche Schattierung zeigt an, wie groß die politische Gefahr in einzelnen Regionen ist. „Mitten in Nigeria finden sich auch grüne Flecken, dort ist die Gefahr relativ gering. Im Nordosten, wo Boko Haram sehr aktiv vorgeht, ist die Karte tiefrot gefärbt. Ein Zeichen dafür, dass dort ein kriegsähnlicher Zustand herrscht“, erklärt Schieder. Sobald innerhalb eines Monats mehr als 25 Menschen durch Gewalttaten ums Leben gekommen sind, wird das Gebiet tiefrot markiert.

Nigeria gehört zu den reichsten Ländern Afrikas, es verfügt über immense Bodenschätze. Andererseits sind viele Menschen im Land bettelarm. „Nigeria hat eigentlich eine starke Volkswirtschaft vorzuweisen, aber offensichtlich erreicht der Nutzen der Wirtschaft nicht die gesamte Gesellschaft“, sagt Schieder. Viele Transporteure unterhalten in dem Land Lagerstandorte, beliefern Firmen, die beispielsweise Kraft- und Chemiewerke bauen. „Die KIS-Karte hilft den Transportversicherern, einzuschätzen, welches Risiko sie an bestimmten Orten eingehen und in welchen Landesteilen sie solche Warenlager in Deckung nehmen würden“, sagt Schieder. Er ist sich sicher, dass Systeme dieser Art in Zukunft wichtiger werden, denn die politischen Gefahren nähmen zu.

Mehr Wissen sorgt für faire Prämien

Thomas Klement, Leiter der Abteilung Transportversicherung der Nürnberger Versicherung, und seine Mitarbeiterin Christina Müller nutzen das System seit fünf Jahren. „Mithilfe der politischen Gefahrenkarten können wir jetzt auf nationaler Ebene die politische Stabilität eines Landes und auf lokaler Ebene die politischen Risiken im Detail erkennen“, sagt Müller. Ein willkommener Nebeneffekt für Klement: Er kann mögliche Risiken eines Transports zum Beispiel von, nach und innerhalb Afrikas inzwischen detailliert berechnen. „Wir können die Gefahren der Transportroute genauer erkennen und dementsprechende Vor- gaben an die Transporteure weitergeben.“

Dass solche Vorgaben indes immer nötig sind, bezweifelt Thomas Poehlmann, Geschäftsführer von Exped East. Seine Spedition beliefert Länder wie den Iran oder Irak und fährt regelmäßig gefrorenes Fleisch und andere Lebensmittel zur International Security Assistance Force ISAF nach Afghanistan. Risikokarten dafür seien wichtig, aber eben nicht alles. „Das funktioniert nur, wenn man auch das Land und die entsprechenden Leute kennt“, sagt Poehlmann. Man müsse die Länder vorab besucht haben und verlässliche Partner finden. „Man muss auch begreifen, dass es bei bestimmten Zollproblemen oder Warengruppen in arabischen oder zentralasiatischen Ländern das Wort Bakschisch gibt.“ Da Poehlmann seit Jahren in den Nahen Osten liefert, hat er dort viele Freunde, die ihm auch mal helfend unter die Arme greifen. Was Diebstahl angeht, habe er dort sogar oft ein sichereres Gefühl als etwa in Europa. Drakonische Strafen verhinderten Gelegenheitstaten.

Zu wissen, wann man besser nicht weiterfährt

Gleichwohl würden Lieferungen nach Afghanistan immer gefährlicher, sagt Poehlmann. Seine Spedition fährt momentan Kabul, Masar-i-Scharif und Kundus an, wird aber demnächst wohl nur noch bis an die Grenze liefern. Schon im Irak übernehmen einheimische Zugmaschinen die Trailer, denn türkische und EU-Fahrer kehren spätestens dort aus Sicherheitsgründen wieder um. Dahinter beginnt auch auf der politischen KIS-Karte der rote Bereich. Diese KIS-Karte erfunden hat ein Team um Konstantinos Tsetsos, Geschäftsführer von Sicyon Risk Consulting. Für den GDV durchforsten seine Politologen und Datenwissenschaftler mit sogenannten Crawlern jeden Tag das Internet. Die Crawler suchen – sortiert nach Ländern und Regionen – Artikel, Pressemitteilungen, Meldungen von Botschaften. Sie filtern Berichte über Explosionen, Raubüberfälle und politisch motivierte Proteste mit Wa engewalt aus dem täglichen Nachrichtenstrom, die dann von Tsetsos‘ Team auf ihre Aussagekraft hin bewertet werden. Darunter viele Ereignisse, die es nicht in deutsche Medien schaffen, weil sie hier keinen hohen Nachrichtenwert haben. Die Crawler durchsuchen täglich weltweit 300.000 Nachrichten. Die Faustregel dafür lautet: „Wer hat wem was wo getan oder gesagt?“

Tsetsos befasst sich schon länger mit politischer Risikoanalyse. „In Deutschland leben wir gewissermaßen in einer Blase“, sagt er. „Die Menschen denken, Sicherheit sei etwas Gottgegebenes. Aber das ist hart erarbeitet worden.“ Und latent bedroht, heute stärker denn je. „Deshalb sollte man globale risikorelevante Entwicklungen stets im Auge behalten“, sagt Tsetsos und lobt die Gefahrenkarte des KIS als Alleinstellungsmerkmal auf Höhe der Zeit: „Versicherer können damit die Präventionsfähigkeit erhöhen und das Risikomanagement verbessern.“

Text: Julia Müller

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