Positionen-Magazin
Reden wir über Sicher­heit

Im Ernst­fall zehn Stun­den

Energiewende, Cybergefahren, fehlende Leitungen: Das deutsche Elektrizitätsnetz steht unter Dauerstress. Volker Weinreich, Leiter der wichtigsten Schaltzentrale für Hochspannungsstrom, über die Risiken von Blackouts und Hackerangriffen.

Herr Weinreich, bitte entschuldigen Sie, dass wir Sie ausgerechnet an einem so stressigen Tag stören.
Volker Weinreich: Wie kommen Sie darauf? Heute ist es eher ruhig. Draußen ist es grau, kein Lüftchen regt sich.

Ist das nicht die gefürchtete Dunkelflaute, vor der immer alle warnen?
VW: Dunkelflauten machen mir schon Sorgen, weil dann sowohl die Versorgung mit Fotovoltaik- als auch mit Windstrom zurückgeht. Das führt dazu, dass konventionelle Kraftwerke hochgefahren werden müssen. Das ist das Gegenteil dessen, was wir wollen. Unseren Alltag macht es aber eher einfacher.

Das müssen Sie erklären.
VW: Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke lassen sich sehr exakt steuern und liefern eine konstante Menge Strom. Mit einem hohen Anteil konventioneller Energie im Netz gibt es kaum Schwankungen. Dann ist es bei uns ein wenig wie früher – und ziemlich langweilig.

Und wann wird es spannend?
VW: Bei einem ordentlichen Sturm über der Nordsee zum Beispiel. Dann flutet in kürzester Zeit die Strommenge von drei bis vier Kernkraftwerken ins Netz. Dasselbe Phänomen haben wir an extrem sonnigen Tagen wie im vergangenen Sommer mit der Fotovoltaik.

Jede Menge Strom zum Nulltarif. Klingt paradiesisch!
VW:
Das wäre es, wenn der Strom genau dann und dort anfallen würde, wie er gebraucht wird. Das ist aber meist nicht der Fall. Die großen Offshore- Windparks stehen im Norden, den größten Stromverbrauch haben wir im stärker industrialisierten Süden und Westen. Erzeugung und Verbrauch müssen aber immer im Gleichgewicht sein, sonst wird das Stromnetz instabil.

Warum nutzt die Autofabrik in Bayern dann nicht den Strom aus Ostfriesland?
VW: Weil unser Leitungsnetz diese gewaltigen Mengen noch nicht bewältigen kann. Daher ist der Ausbau des Höchstspannungsnetzes so wichtig. Solange diese Engpässe bestehen, können wir das Ungleichgewicht nur durch regelnde Eingriffe ins Stromnetz beheben.

Was heißt das konkret?
VW: Dort, wo zu viel Strom im Netz ist, senken wir Erzeugungskapazität ab. Wo die Nachfrage das Angebot übersteigt, schalten wir Kapazitäten auf.

Wenn es im Norden stürmt, schalten Sie also Windräder ab und fahren Gas und Kohlekraftwerke im Süden hoch?
VW:
Derzeit ist das die einzige Möglichkeit, da es nicht genügend Leitungskapazität in Nord-Süd-Richtung gibt. Früher, als der Strom dort erzeugt wurde, wo er verbraucht wird, mussten wir nur eingreifen, wenn ein Kraftwerk gewartet wurde, so zwei, drei Mal im Jahr.

Und heute?
VW:
2017 hatten wir allein bei Tennet etwa 1500 Netzeingriffe. In diesem Jahr dürfte die Zahl ähnlich hoch liegen.

Kann es trotzdem zu Blackouts, den gefürchteten Stromausfällen, kommen?
VW:
Den unerwarteten Ausfall von ein bis zwei Kraftwerken oder Hochspannungsleitungen können wir jederzeit auffangen. Aber selbstverständlich trainieren wir auch für Extremsituationen, die sehr unwahrscheinlich sind.

Was wäre ein solches Szenario?
VW: Das Eintreten mehrerer Ausnahmesituationen gleichzeitig, etwa der Ausfall konventioneller Kraftwerke während einer langen Kälteperiode im Winter. Dann steigt der Stromverbrauch stark an, aber die Erneuerbaren können die benötigte Energie nicht kompensieren.

Könnten wir eine wochenlange Dunkelflaute bei Dauerfrost durchstehen?
VW:
Das deutsche Netz allein nicht. Für solche Fälle sichern wir uns rechtzeitig Stromkontingente in Nachbarländern.

Angenommen, das Stromnetz bricht zusammen: Wie lange könnten Sie die Versorgung gewährleisten?
VW:
Netzbetreiber besitzen Notstromaggregate und eine unabhängige Kommunikation – wie Krankenhäuser. Darüber hinaus gibt es nur wenige Pumpspeicher in Deutschland. Die reichen gerade einmal, um zehn Prozent der Leistung für zehn Stunden zu überbrücken. Das ist nicht einmal genug, um eine Nacht abzudecken.

Bereiten Sie sich auf Cyberangriffe vor?
VW:
Die Sensibilität für diese Risiken hat stark zugenommen, und selbstverständlich simulieren wir auch solche Fälle in Szenarien und regelmäßigen Krisenübungen. Wir haben einen Maßnahmenplan zum Schutz vor Cyberangriffen, aber ich bitte um Verständnis, dass ich hier nicht ins Detail gehe.

Was ist aus Ihrer Sicht das größte Risiko für unsere Stromversorgung?
VW:
Wir müssen den Veränderungen in unserer Energieversorgung Rechnung tragen und unser Stromnetz entsprechend umbauen. Nichtstun ist das größte Risiko.

Interview: Claus Gorgs

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