Positionen-Magazin
Die höchs­ten Wol­ken­krat­zer und ihre Ver­si­che­run­gen

Him­mel­stürme

Moderne Konstruktions- und Sicherheitstechnik ermöglicht den Bau immer höherer Gebäude. Schon bald dürfte der erste Wolkenkratzer die Marke von 1000 Metern durchbrechen. Wie Versicherer solche Leistungen erst möglich machen.

Wenn Angellika Morton zur Arbeit geht, braucht sie Geduld. Zwar bringt sie einer der schnellsten Fahrstühle Nordamerikas in nur 30 Sekunden in ihr Büro im höchsten Wolkenkratzer der USA. Doch zuvor muss sie nicht nur den Security-Check passieren, sondern seit der Wiedereröffnung des One World Trade Center am 1. Juni auch noch die Corona-Schutzmaßnahmen durchlaufen. „Bei allen Mitarbeitern und Besuchern wird die Temperatur gemessen, und in öffentlichen Bereichen sind Masken Pflicht“, sagt die Mitarbeiterin des Aufzugherstellers Thyssenkrupp Elevator. Vom Showroom in der 84. Etage aus genießt Morton regelmäßig den Blick auf die atemberaubende Skyline New Yorks. „Ich bin stolz, hier zu arbeiten“, sagt die 50-Jährige. Angst habe sie keine. „Das Gebäude wird streng bewacht, ich fühle mich hier absolut sicher.“ Daran ändert auch die Erinnerung an den Anschlag vom 11. September 2001 nichts. Damals hatten islamistische Terroristen zwei Flugzeuge in das damalige World Trade Center gesteuert, wenig später brachen die Türme in sich zusammen, fast 3000 Menschen starben. Doch wer dachte, damit sei die Ära der Wolkenkratzer zu Ende, lag falsch: Bei Investoren hat die Katastrophe jedenfalls keine Höhenangst ausgelöst.

Höchstgrenzen für Hochhäuser scheint es nicht mehr zu geben 

Im Gegenteil: Die aktuell 16 höchsten Wolkenkratzer der Welt sind alle jüngeren Datums, mehr als die Hälfte von ihnen wurde in den vergangenen fünf Jahren erbaut – darunter der 472 Meter hohe Central Park Tower, das höchste Wohngebäude der Welt, das kurz vor der Fertigstellung steht. Nicht nur in New York, sondern weltweit über bieten sich die Architekten im Wolkenkratzer-Monopoly. Höchstgrenzen scheint es nicht mehr zu geben: Zehn Megahochhäuser messen bereits mehr als 500 Meter,  jedes zweite davon steht in China. Die Spitzenposition hat aktuell der Burj Khalifa in Dubai mit 828 Metern inne, doch schon bald soll der Jeddah Tower in Saudi-Arabien mit 1007 Metern erstmals die magische Grenze von einem Kilometer knacken – vorausgesetzt er wird fertiggestellt, aktuell ruhen die Arbeiten. Das höchste Gebäude in Deutschland, den Commerzbank Tower in Frankfurt, würde der Riese um fast das Vierfache überragen. Dass ihre futuristischen Pläne Wirklichkeit werden können, verdanken die Bauingenieure unter anderem den Versicherern. Denn nur mithilfe ihrer Expertise lassen sich Präventionskonzepte erarbeiten, um die zahlreichen Gefahren in großer Höhe auszuschließen oder zumindest zu minimieren. Brände, Stürme, Erdbeben: Je nach Bauart und Region variieren die Risiken erheblich. „Versicherungen basieren auf dem Gesetz der großen Zahl, sagt Dieter Spaar, Underwriting Manager Engineering & Construction bei der HDI Global Industrie Versicherung. „Doch bei Wolkenkratzern handelt es sich fast immer um Prototypen. Da sind unsere Risikoingenieure extrem gefordert.“

Mangelnde Koordination ist ein großes Sicherheitsrisiko

Ohne ausgefeilte Brandschutz-, Sicherheits- und Rettungskonzepte für den Notfall wird heute nirgendwo auf der Welt mehr ein Wolkenkratzer genehmigt. Prävention hat absolute Priorität. Das Ziel lautet, große Schäden von vornherein zu vermeiden. „In der Planungs-, aber auch in der Bauphase arbeiten die Versicherer eng mit allen Beteiligten zusammen“, sagt Mingyi Wang, Referent Schadenverhütung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Besonders bei Großprojekten ändern sich die Pläne laufend, auch während der Bauphase. Bei mangelnder Koordination kann es da schnell zu Konflikten zwischen den Gewerken kommen, die schlimmstenfalls die Sicherheit gefährden. 

BIM-Management: Ein Patzer kann den gesamten Bau lahmlegen 

Um solche Risiken zu reduzieren und mehr Transparenz zu schaffen, wurde BIM entwickelt. Das Kürzel steht für Building Information Modeling, ein Verfahren, das bei Großprojekten mehr und mehr eingesetzt wird. Dabei füttern sämtliche Gewerke schon vor Baubeginn einen leistungsstarken Rechner mit allen relevanten Daten, sodass ein digitaler Zwilling des geplanten Gebäudes entsteht. Jede nachträgliche Veränderung während des Bauprozesses fließt in das virtuelle Modell ein, der Computer berechnet die daraus resultierenden Folgen. „Daten über Bauzeit, Kostenentwicklung und den Lebenszyklus verbauter Materialien schaffen während der Bauphase Transparenz für den Betreiber – aber auch für die Zeit danach“, sagt Wolfgang Martini, Underwriting Manager beim Rückversicherer Munich Re. So könnten sich abzeichnende Schäden vorab erkannt und beispielsweise durch den frühzeitigen Austausch von Komponenten vermieden werden. Patzt auch nur ein Beteiligter, kann das den gesamten Bau lahmlegen. „Aus drei bis vier Jahren Bauzeit werden dann schnell fünf bis sieben“, sagt HDI-Experte Spaar. Das treibt nicht nur die Baukosten, sondern verzögert auch die geplanten Mieteinnahmen – und zerschießt damit die gesamte Renditeplanung. Immer häufiger schlössen Eigentümer oder Bauunternehmen deshalb Betriebsunterbrechungsversicherungen für Großprojekte ab, worauf zunehmend auch die finanzierenden Banken bestünden, so Spaar.

Denn der Folgeschaden, etwa nach einem Brand, kann deutlich größer sein als der eigentliche Sachschaden. Dass trotzdem nur schätzungsweise 30 Prozent aller Projekte auf diese Weise abgesichert werden, beweist dem Experten zufolge, dass die Bauherren die Risiken entweder unterschätzen – oder sie bewusst in Kauf nehmen, um Kosten zu sparen. Neben einer Allgefahrendeckung bietet die Assekuranz für Defekte nach der Fertigstellung Bauleistungshaftpflichtversicherungen an, die Schutz gegen materielle Schäden durch fehlerhafte Designs, Baumaterialien oder Arbeitsausführung bieten. Für Wolkenkratzer kann diese auf zehn Jahre verlängert werden, was in einigen Ländern wie etwa Frankreich sogar verpflichtend ist, in Deutschland allerdings nicht. Für Großprojekte wie Wolkenkratzer schließen sich in der Regel mehrere Erst- und Rückversicherer zu Konsortien zusammen, um die hohen Deckungssummen tragen zu können.

Versicherer helfen, die Risiken von Großprojekten zu minimieren 

Denn mit der Rekordjagd wachsen auch die Risiken. Um den versicherungstechnischen GAU, den Possible Maximum Loss (PML), zu vermeiden, setzen die Anbieter ganz unten an: „Wenn das Fundament nicht richtig dimensioniert ist, steigt das Risiko enorm“, sagt Sascha Gohlsch. Dies sei für die Technische Versicherung einer der kritischsten Punkte bei der Risikobeurteilung, betont der Leiter Engineering Central, North & East Europe bei Swiss Re. So sollte der spiralförmige Jeddah Tower ursprünglich sogar 1600 Meter in den Himmel ragen. Doch der Baugrund in der Küstenstadt Dschidda, das wurde noch rechtzeitig genug klar, hätte das immense Gewicht der Konstruktion gar nicht tragen können. Aufgrund mangelnder Erfahrungswerte unterschätzten viele Eigentümer und Bauherren die Risiken von Großprojekten, sagt HDI-Experte Spaar. Zu den größten Gefahren zählt er Wasserschäden, die durch Wirbelstürme oder nicht korrekt verpresste Leitungen verursacht würden, sowie – natürlich – Feuer. „Auf Baustellen brechen sehr häufig Brände aus, weil Brandschutzvorschriften nicht beachtet werden. Das liegt oft auch daran, dass sich die Bauarbeiter unterschiedlichster Nationalitäten nicht adäquat verständigen können“, ergänzt Munich-Re-Manager Martini. Neben modernen Brandschutzkonzepten sind erstklassige Materialien sowie innovative Technologien nötig, um die Risiken von Großbauten zu minimieren. Eine der größten Herausforderungen sei es, derart gewaltige Stückzahlen in gleichbleibender Qualität zu liefern, sagt Michael Elstner vom Flachglashersteller Interpane, der für den 329 Meter hohen dritten Turm des World Trade Centers 60.000 Quadratmeter Glas lieferte.

Schwebende Fahrtreppen und vergoldete Stahlkugeln 

Der Maschinenbauer Putzmeister schickte beim Bau des Burj Khalifa mit seinen Hochdruckpumpen den Beton durch 150 Millimeter dicke Förderleitungen bis in knapp 600 Meter Höhe (ab hier wurde nur noch Stahl verbaut) – Weltrekord! Thyssenkrupp ließ im dicht bebauten Manhattan die Fahrtreppen für das World Trade Center mit einem Schwerlasthelikopter in der 100. und 101. Etage absetzen. Im Taipeh 101, bis zur Fertigstellung des Burj Khalifa 2010 die Nummer eins der Welt, sorgt eine 660 Tonnen schwere, vergoldete Stahlkugel als Schwingungstilger dafür, dass der 508 Meter hohe Rieseim Fall eines Erdbebens nicht zu stark schwankt.

Auch die Corona-Krise wird den Bauboom bei hohen Wolkenkratzern kaum stoppen 

Dass die Corona-Krise dem weltweiten Wettstreit der Himmelstürme ein Ende setzen könnte, halten Experten für unwahrscheinlich. In der Vergangenheit wurden neue Hochhaus-Höhenrekorde stets an der Spitze eines Konjunkturzyklus geplant und umgesetzt (siehe Grafiken). Wolfgang Martini erwartetet, dass die Rekordjagd weitergeht, sobald sich die Welt von der wirtschaftlichen Vollbremsung erholt hat. „Im Fall eines schnellen und kräftigen Aufschwungs dürften sich die Auswirkungen auf den Bau von Wolkenkratzern in Grenzen halten, zumal Top-Lagen, in denen ja in aller Regel Wolkenkratzer gebaut werden, auch nach der Pandemie begehrt sein werden.“ Aus Sicht des österreichischen Stararchitekten Wolf D. Prix führt schon allein der Platzmangel in den Metropolen zu der Notwendigkeit, „vertikale Städte“ zu bauen – vor allem in China. Die Fahrstuhlbauer von Thyssenkrupp stellen sich bereits auf den Bau weiterer Mega-Hochhäuser ein. Wegen des Eigengewichts der Stahlseile sei bei traditionellen Aufzügen heute bei 500 Metern Schluss, sagt Sushanthan Somasundaram, Leiter für Neuinstallationen bei Thyssenkrupp Elevator. Die nächste Lift-Generation werde dieses Problem jedoch nicht mehr haben: Sie greift auf Technologie der Magnetschwebebahn Transrapid zurück, die nach 2022 seillose Konstruktionen ermöglichen soll. „Mehrere Kabinen können dann in einem Schacht nach oben sausen und bis zu 50 Prozent mehr Personen befördern“, sagt Somasundaram.

Nach oben gebe es dann keine Grenze mehr.

Text: Eli Hamacher

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