Positionen-Magazin
Nach­hal­tige Invest­ments

Grün allein reicht nicht aus

In Sachen Rendite erweist sich manch grünes Investment als Luftnummer. Dabei müssen Ökonomie und Ökologie kein Widerspruch sein. Die Versicherer stellen sich dieser Herausforderung — und die Sicherheit der Beiträge ihrer Kunden an erste Stelle. Plädoyer für eine nachhaltige Kapitalanlage, die mehr ist als nur ökologisch korrekt.

Aus der Kernkraft aussteigen in fünf Schritten? Ganz einfach. Ein Plakat von 2010 zeigt, wie es geht. Links sieht man das internationale Warnsymbol für Radioaktivität: ein schwarzes Atom mit drei Strahlenfächern auf gelbem Grund. In den folgenden vier Bildern verwandeln sich die Strahlen schrittweise in Rotoren eines Windrads. Fertig ist die Energiewende.
Mit dieser Illustration warb ein Windkraftunternehmen dafür, Geld in seine Ökostromprojekte zu stecken. Die Konditionen: satte sechs Prozent Grundverzinsung zuzüglich Überschussbeteiligung, flankiert durch einen Inflationsschutz mithilfe „besonderer Sicherungsmaßnahmen“. Ein Paradebeispiel also für lukrative Investments in nachhaltige Anlageformen? Leider nein. Wenige Jahre später war der selbst ernannte Pionier in Sachen Nachhaltigkeit insolvent, die Investoren verloren einen großen Teil ihres Vermögens.

Simple Botschaften über vermeintlich grüne Kapitalanlagen verschweigen schnell einen Teil der Wahrheit. Einerseits.
Andererseits steigt die Zahl der Menschen auf unserem Planeten, derzeit sind es rund 7,6 Milliarden, scheinbar unaufhaltsam an. Der Klimawandel ist ein wissenschaftlich gesichertes Phänomen. Fraglich ist dabei nur noch, ob sich die Atmosphäre um durchschnittlich 1,5 Grad Celsius, 2 Grad Celsius oder gar noch mehr aufheizen wird – mit Folgen, die trotz Geld und Arbeit womöglich nicht mehr reversibel sein werden: Heute fruchtbares Land wird zur Wüstenlandschaft, die Eiskappen von Arktis und Antarktis drohen abzuschmelzen und die freigesetzten Wassermassen viele Inseln unwiederbringlich zu überfluten. Viele Tiere werden durch steigende Temperaturen ihren natürlichen Lebensraum verlieren – ein Artensterben riesigen Ausmaßes kündigt sich an.

All das fordert nicht nur jeden Einzelnen von uns, es fordert besonders Politik, Wissenschaft und Wirtschaft heraus, Antworten darauf zu finden. Die Versicherungswirtschaft hat daran seit je ein besonderes Interesse: Ihr Geschäftsmodell ist die Nachhaltigkeit. Sie ist daran interessiert, dass die Natur erhalten bleibt und würde am liebsten viel mehr in ökologisch nachhaltige Projekte investieren.
Das Dilemma: Längst nicht alles, was grün ist, ist auch eine gute Anlage. Und nicht alles, was Rendite abwirft, ist grün. „Nachhaltigkeit ist vorausschauendes Risikomanagement“, sagt Philipp Waldstein, Geschäftsführer der Meag, der Vermögensmanagementgesellschaft von Munich Re und Ergo, die weltweit rund 250 Milliarden Euro angelegt hat. „Um ökonomisch nachhaltig zu sein, muss ein Investment langfristig gute Profite abwerfen“, findet auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm (LINK). „Wenn man sich aber unter Renditegesichtspunkten für eine Anlage entschieden hat, muss man zusätzlich ethische Kriterien anlegen und sich fragen: Wie kann ich die ökonomische Nachhaltigkeit mit der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit optimal verbinden?“ Denn die Windparks einer Pleitefirma sind so wenig im Interesse von Ökoinvestoren wie die Kursgewinne eines Autobauers, dessen Produkte den Klimawandel befeuern.

Mit Kapitalkraft gegen den Klimawandel

Deshalb haben es Investoren, die auf Nachhaltigkeit Wert legen, schwer. Sie begeben sich in einen Dschungel, in dem die Orientierung schnell verloren geht. Die EU-Kommission unternimmt gerade einen wichtigen Versuch, einen Pfad in diesen Dschungel zu schlagen. Sie arbeitet an einem Aktionsplan, mit dessen Hilfe bis 2030 rund 180 Milliarden Euro in nachhaltige Anlagen gelotst werden sollen – pro Jahr wohlgemerkt. „Der Wandel hin zu einer umweltfreundlicheren und nachhaltigeren Wirtschaft ist gut für die Schaffung von Arbeitsplätzen, für die Menschen und für unseren Planeten“, erklärte Frans Timmermans, Erster Vizepräsident der Kommission, bei der Präsentation des Plans im März.

Den Rahmen dafür lieferte sein für den Finanzsektor zuständiger Kommissionskollege Valdis Dombrovskis Ende Mai: Man werde „die gewaltige Kraft der Kapitalmärkte für den Kampf gegen den Klimawandel und die Förderung von Nachhaltigkeit“ mobilisieren, versprach er. Fragt sich nur wie. Wie müssen Geldanlagen beschaffen sein, die sowohl Umwelt und Gesellschaft nützen als auch das Vermögen der Anleger mehren? Und: Braucht es einen rechtlichen Rahmen mit finanziellen Anreizsystemen? Oder würde gerade das nur zu einer Blase statt zum erhofften Nachhaltigkeitsboom führen?

Die drei Kategorien der Nachhaltigkeit

„Das Problem ist schon, dass unter Nachhaltigkeit jeder etwas anderes versteht“, sagt Markus Schön, Geschäftsführer des kirchennahen Vermögensverwalters DVAM. Schöns Gesellschaft ist mit rund zwei Milliarden Euro Anlagevolumen vergleichsweise klein und hat viele sozial und ökologisch orientierte Kunden. Aber selbst unter ihnen gibt es viele Interpretationen von Nachhaltigkeit.
Je nach Hintergrund des Kunden stünden dabei mal soziale Gesichtspunkte im Vordergrund, mal Umweltaspekte, mal Fragen guter Unternehmensführung.
Einige legten zudem sehr strenge Maßstäbe an, anderen genüge es, bestimmte besonders kritische Assets auszuschließen. „Ein Investment bei einem Hersteller von Antipersonenminen wird praktisch jeder Kunde ablehnen“, sagt Schön. „Aber schon bei der Frage, ob ein Konzern wie Daimler ins Portfolio darf, wird es kritisch.“ Dessen eher kleines Rüstungsgeschäft sei für manche Anleger in Ordnung, für andere nicht.
Deshalb begrüßen Anlagestrategen, dass die EU-Kommission mit dem Aktionsplan eine Taxonomie schaffen will – ein Schema, mit dem nachhaltige Anlagen klassifiziert werden können. Ähnlich wie bei der Stromverbrauchsampel auf Elektrogeräten könnten Investoren so die Güteklasse eines Assets unter Nachhaltigkeitsaspekten ablesen.

„Wir brauchen einen Katalog, aus dem klar hervorgeht, welches Investment welchen Beitrag für eine nachhaltige Zukunft liefert“, sagt Volker Weber, Vorstandschef des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG). Als Fachverband, zu dessen Mitgliedern neben institutionellen Anlegern wie Banken und Versicherungen gemeinnützige und wissenschaftliche Einrichtungen zählen, genießt das FNG den Ruf, unideologisch auf das Thema zu blicken. Der bislang in den EU-Ankündigungen durchschimmernde Rahmen zu einer solchen Taxonomie ist aus Webers Sicht jedoch nicht ausgereift. Er fürchtet, dass einige wichtige Aspekte zu kurz kommen.

In der Literatur werden drei wesentliche Nachhaltigkeitsbereiche unterschieden: Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung, zusammengefasst in der Abkürzung ESG (Environment, Social, Governance). Die EU begründe ihren Plan bislang allerdings vor allem mit dem Klimaschutz, so Weber. Wie wichtig daneben auch etwa der Governance-Aspekt sei, zeige das Beispiel VW: „Der Konzern muss nicht nur den CO2-Ausstoß seiner Autos reduzieren, sondern auch seine Skandale in den Griff bekommen.“ Unterstützung erhält er von unerwarteter Seite. „Auch wenn es für uns Grüne lustig klingen mag – der Aktionsplan legt den Fokus zu einseitig auf den Klimaschutz“, sagt der EU-Parlamentarier Sven Giegold von den Grünen.

Mehr Risiko, weniger Rentabilität

Auch Klaus Wiener, Mitglied der Geschäftsführung und Chefvolkswirt beim GDV, sieht die steigende gesellschaftliche Bedeutung nachhaltiger Aspekte in der Kapitalanlage. Doch beim Aktionsplan „Sustainable Finance“ ist ihm ein Punkt besonders wichtig: „Bei aller gesellschaftlicher Bedeutung des Themas darf das Vorhaben nicht dazu führen, dass Rentabilität und Risiko zugunsten von ESG-Kriterien in den Hintergrund geraten.“ Diese Gefahr drohe vor allem, wenn im Zuge des Aktionsplans sogenannte Green Supporting Factors oder Brown Penalising Factors beschlossen würden oder zusätzliche Auflagen wie Berichts- oder Beratungspflichten die Kosten der Geldanlage steigerten.

Green Supporting Factors belohnen Investoren, die Kapital in als besonders nachhaltig eingestufte Anlagen stecken, etwa damit, dass sie weniger Eigenmittel einsetzen müssen. Wenn also eine Bank Kredite für den Bau eines Solarparks vergibt, könnte das bedeuten, dass sie dafür weniger Eigenkapital vorhalten muss als für ein Investment in eine Chemiefabrik. Sie hätte mehr Spielraum, zusätzliche Projekte zu finanzieren. Brown Penalising Factors funktionieren umgekehrt: Hier müssen Geldgeber mit einem Aufschlag rechnen, wenn sie in vermeintlich oder tatsächlich schlechte Assets investieren. „Beides wären gesetzgeberische Anreize, die gefährliche Fehlallokationen auslösen könnten“, so Wiener. Er fürchtet zudem, dass solche Anreize oder gar ein Zwang zu nachhaltigen Investments das Aufsichtssystem Solvency II verwässern. Dieses EU-Regelwerk für die Versicherungswirtschaft, 2016 nach 15 Jahren Beratungen in Kraft getreten, ist strikt auf Marktkonsistenz und eingegangene Risiken ausgerichtet. Damit bringt es, so Wiener, zwei wichtige Ziele miteinander in Einklang: Es erlaube Versicherern, die nötigen Renditen zu erwirtschaften, um die Ansprüche der Kunden zu erfüllen. Zugleich sorge es dafür, dass dabei nur Risiken eingegangen würden, die durch entsprechende Kapitalpuffer gedeckt seien. Zudem seien Investoren aus der Versicherungswirtschaft schon heute durch Solvency II gehalten, finanziell wesentliche Nachhaltigkeitsaspekte bei ihren Kapitalanlagen zu berücksichtigen. „Ein weiterer Zwang in Form von zusätzlichen Berichtspflichten ist daher nicht erforderlich“, sagt Wiener.

Versicherer handeln weitsichtig

Kein Zwang also. Das klingt, als dringe wie so oft eine Branche auf freiwillige Regeln, um ernsthafte Einschnitte zu vermeiden und weiterzuwirtschaften wie bisher. Dagegen spricht aber, dass Versicherer oft bereits so handeln, wie es der EU-Aktionsplan vorsieht. Etwa beim Kohleausstieg: So investiert die Allianz schon seit 2015 nicht mehr in Firmen, die mehr als 30 Prozent des Umsatzes mit Abbau oder Verstromung von Kohle erzielen. Im Mai erklärte der Konzern zudem, keine Policen mehr für Kohlekraftwerke oder andere Kohleprojekte abzuschließen. Ganz ähnlich operieren auch andere, etwa die französische Axa. Es ist natürlich kein Altruismus, der diesen Rückzug aus klimaschädlichen Anlagen beflügelt. Die Branche hat schlicht erkannt, dass die Erderwärmung eine der größten Gefahren überhaupt ist – für den Planeten als Ganzes, aber auch für ihr eigenes Geschäft.

Die Non-Profit-Organisation Asset Owner Disclosure Project kam nach einer Untersuchung der Investmentstrategie von 80 Versicherern weltweit zu dem Schluss, dass die europäischen Branchenvertreter beim Umgang mit Klimarisiken in der Anlage und im operativen Geschäft führend sind. „Wir betrachten die Versicherer als Partner bei so schwierigen Themen wie dem Kohleausstieg“, sagt auch Sven Giegold.
Sowohl der grüne EU-Abgeordnete als auch GDV-Chefvolkswirt Wiener halten Transparenz für den entscheidenden Faktor, um Portfolios nachhaltiger zu gestalten. Das Interesse der Anleger sei grundsätzlich vorhanden. Aber erst wenn klar sei, was genau ein ESG-Investment sei, dürften mehr Gelder in geeignete Projekte fließen. Wiener sieht in dem Vorhaben der EU, ein Klassifizierungssystem zu entwickeln, einen wichtigen Schritt in diese Richtung.

Während Giegold es begrüßen würde, wenn Anlageberater Privatkunden aktiv fragen müssten, ob die Nachhaltigkeit ihrer Anlage eine Rolle spielen soll, sieht Wiener die Verantwortung vor allem beim Kunden: Bei der ohnehin rechtlich vorgeschriebenen Erörterung von Anlagezielen im Beratungsgespräch sei es besser, wenn der Kunde selbst die Initiative ergreife und Interesse an ESG-Kriterien signalisiere. Erst auf diesen ausdrücklichen Wunsch hin sollte eine Beratung zu Nachhaltigkeitsaspekten erfolgen.
An einer gründlichen Auseinandersetzung mit den eigenen Anlagezielen führt kein Weg vorbei – auch nicht, wenn die EU eine Empfehlungsliste veröffentlichen sollte. Ansonsten besteht die Gefahr, allzu leicht auf Renditestars hereinzufallen, die sich langfristig als ökologische oder ökonomische Nieten entpuppen. Oder beides. Auf Firmen etwa, die den Atomausstieg in fünf simplen Bildern bewerkstelligen.

Text: Volker Kühn

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