Positionen-Magazin
Erd­be­ben in Deutsch­land

Gefahr aus der Tiefe

Krater im Boden, Risse in der Wand: Erdstösse und Bodensenkungen treten auch in Regionen auf, die als sicher gelten. Nicht immer ist’s die Natur.

Es war nur ein feiner Riss in einer Fliese auf der Herrentoilette des Rathauses, kaum länger als ein Zeigefinger. Aber er genügte, um in Andreas Brandt einen Verdacht zu wecken. Das nächste Indiz fand er einige Schritte weiter im Flur: Mörtel, herausgeplatzt aus den Fugen der unverputzten Backsteinwände. Gewissheit hatte er dann, als er in den Keller hinabstieg. In mehreren Räumen zogen sich meterlange Risse durch Wände und Decken. „Da war mir klar: Das muss von einem Erdbeben kommen“, sagt Brandt, Bürgermeister der Gemeinde Langwedel in Niedersachsen. Nicht nur in Brandts Rathaus gibt es solche Schäden. Man findet sie an vielen Gebäuden zwischen Bremen und Hannover. Aufgeplatzte Fliesen, eingerissene Tapeten, Balken von Scheunen, die plötzlich locker in ihrer Verankerung hängen. Typische Schäden leichter Erdstöße. Zwar sind die meisten davon schnell behoben – doch der Gesamtschaden ist erheblich.

Dass ausgerechnet in Niedersachsen neuerdings die Erde bebt, ist allerdings verblüffend: Tektonisch gilt die Norddeutsche Tiefebene als extrem stabil. Es sind auch nicht die Urkräfte des Planeten, die hier wirken. Die Minibeben sind Folgen der Erdgasförderung.

Mindestens zwölf Erdstöße binnen fünf Jahren

Was viele nicht wissen: Niedersachsen ist das Katar unter den 16 Bundesländern, hier werden rund 94 Prozent der 8,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas gefördert, die Deutschland jährlich nach oben pumpt. Das reicht für ein Neuntel des heimischen Bedarfs und mindert die Abhängigkeit von Gasimporten. Deshalb haben Firmen wie Dea oder ExxonMobil Hunderte Bohrlöcher in die norddeutsche Erde getrieben. Auf einer Karte in Brandts Büro markieren Nadeln die Gaszapfstellen rund um Langwedel, die Gemeinde ist umzingelt davon. Einerseits ist das gut für Brandt, denn die Firmen schaffen Jobs und zahlen Gewerbesteuern. Andererseits sind da die Risse in den Häusern – und die schwierige Frage, wer dafür aufkommt.

„Das Problem ist, dass Sie erst einmal beweisen müssen, dass solche Risse mit einem Erdbeben zusammenhängen“, erklärt Gero Landzettel, Rechtsanwalt in Langwedel und Mitglied einer Bürgerinitiative, die sich gegen die Bohrungen engagiert. Für diesen Nachweis sind die Aufzeichnungen von Seismologen nötig, etwa des Geoforschungszentrums in Potsdam oder der Erbebenwarte Bensberg im Rheinland. Sie verzeichnen laufend Erdstöße und listen sie ab einer bestimmten Stärke im Internet auf.

So lässt sich nachlesen, dass die Erde im niedersächsischen Cloppenburg am 7. Oktober 2017 mit einer Magnitude von 2,0 gebebt hat. Am 11. Dezember gab es im Landkreis Verden ein Beben der Stärke 2,5, und Anfang Januar dieses Jahres erschütterte ein Erdstoß der Stärke 3,2 die Gegend östlich des niederländischen Groningen – wo Europas größtes Gasfeld liegt.

Wenn an vielen Gebäuden in einer Region Schäden auftreten, liegt die Vermutung nahe, dass sie auch eine gemeinsame Ursache haben. Betroffene Hausbesitzer könnten dann ihre Versicherung in Anspruch nehmen – sofern vorhanden. „Die erweiterte Naturgefahrenversicherung deckt alle Schäden durch naturbedingte Erschütterungen ab“, erklärt Oliver Hauner, Leiter der Abteilung Sach- und Technische Versicherung, Schadenverhütung und Statistik beim GDV. So zahlte die deutsche Versicherungswirtschaft 2015 für die Folgen sogenannter Erdschäden 4,3 Millionen Euro – und das allein für Schäden an Wohngebäuden.

Ein Beispiel dafür ist der spektakuläre Krater, der sich 2010 unter Schmalkalden (Thüringen) auftat und eine Straße, Teile einer Garage und ein Auto in die Tiefe riss. Fachleute sprechen von einer Erdsenkung oder einem Erdfall. Ursache war der Einsturz eines natürlichen Hohlraums unter der Oberfläche.

Auch bei Gasbohrungen können sich Hohlräume im Untergrund bilden. Selbst wenn sie Tausende Meter tief liegen, kann ihr Einsturz Schäden auslösen, von plötzlichen Beben bis zu einem allmählichen Absacken der Erde. Die dadurch auftretenden Setzrisse in Gebäuden zeigen sich mitunter erst Jahre später, wenn die Bohrtürme längst wieder abgebaut sind. „Das ist dann allerdings kein natürlicher Schaden mehr, sondern ein menschengemachter“, sagt Hauner. „Grundsätzlich gilt für menschengemachte Schäden immer das Verursacherprinzip: Derjenige, der für den Schaden verantwortlich ist, muss dafür aufkommen.“
Für die Betroffenen im Kreis Verden fing damit das Problem an. Denn sowohl die Bohrfirmen als auch die Seismologen bestritten zunächst, dass es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Förderung und den Erdstößen gegeben habe. Dabei konnte sich niemand in der Region an Erschütterungen vor 2012 erinnern. Seither aber zitterte die Erde mindestens zwölfmal, am stärksten im April 2016 mit einer Magnitude von 3,2. Hunderte von Schadensmeldungen gingen in dieser Zeit bei Dea ein.

Trotzdem hätten Hausbesitzer oft Schwierigkeiten gehabt, ihre Ansprüche durchzusetzen, sagt Rechtsanwalt Landzettel. Das habe sich erst geändert, als das Land 2014 die „Schlichtungsstelle Bergschaden Niedersachsen“ ins Leben gerufen habe. Vorbild war Nordrhein-Westfalen, wo Schlichter seit Jahrzehnten zwischen Bergbaufirmen und Bürgern vermitteln, denen etwa durch den Einsturz aufgegebener Stollen Schäden entstehen. Wer seither in Niedersachsen Schäden an seinem Gebäude feststellt, kann sich kostenlos an die Schlichtungsstelle wenden. Finanziert wird sie von der Öl- und Gaswirtschaft. Dennoch bescheinigen ihr selbst Vertreter der Bürgerinitiativen Unabhängigkeit – auch wenn in der Regel nur 40 bis 60 Prozent der von den Betroffenen angegeben Schadenshöhe reguliert werden, wie Landzettel erklärt.

Dea gibt heute Pressemeldungen zu den Beben heraus

Inzwischen haben die Bohrfirmen und Seismologen auch öffentlich ihre Haltung zu den Beben geändert. Andreas Noltemeyer, Mitglied der Bürgerinitiative „No Fracking im Erdgasfeld Völkersen“, erinnert sich noch heute an das Triumphgefühl, das er verspürte, als die Bundesanstalt für Geowissenschaften 2016 erstmals den Zusammenhang mit der Gasförderung als „sehr wahrscheinlich“ bezeichnete. Dea gibt heute sogar Pressemitteilungen zu den Beben heraus.

Bürgermeister Brandt hat von dem Konzern mittlerweile 98.000 Euro für die Schäden an den gemeindeeigenen Gebäuden bekommen. Noch sind diese allerdings nicht behoben. Wobei das vielleicht auch übereilt wäre: „Das nächste Beben kommt bestimmt“, sagt Brandt.

Zum Nachweis ist er dann nicht einmal mehr auf Seismologen angewiesen. Die Gemeinde Langwedel hat sich inzwischen ein eigenes Erdbebenmessgerät besorgt. Es steht im Keller des Rathauses, gleich neben den meterlangen Rissen.

Text: Volker Kühn

Auch inter­essant