Positionen-Magazin
Die ver­kannte Gefahr

Feuer!

Der Schutz vor Flammen war eine Keimzelle des Versicherungswesens. Gegen kaum eine andere Gefahr sind die Deutschen so gut abgesichert, die Schutzstandards so hoch. Dennoch stiegen die Feuerschäden 2018 signifikant. Warum? Eine Suche nach dem Brandherd.

Der Abend hatte gemütlich begonnen. Karl-Heinz Knorr lag auf der Couch und scrollte durch die jüngsten Facebook-Einträge. Doch mit der Ruhe war es schlagartig vorbei, als der Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbands den Post eines Kollegen sah: „Vor zwei Stunden waren wir noch in Notre-Dame. Jetzt brennt sie lichterloh.“

„Ich dachte, ich fall‘ vom Sofa“, erinnert sich Knorr, der als Leiter der Feuerwehr Bremen gut einschätzen kann, was ein Großbrand bedeutet. Nur einen Klick weiter sah der Fachmann dann entsetzt zu, wie sich die Flammen durch den hölzernen Dachstuhl der weltberühmten Kirche fraßen und schließlich den 96 Meter hohen Turm zum Einsturz brachten. Da durchzuckte den 55-Jährigen der Gedanke, ob etwas Vergleichbares auch in Bremen passieren könnte. „Wenn man für ein historisches Gebäude wie das Bremer Rathaus verantwortlich ist, geht man automatisch sofort die Notfallpläne durch.“ Vor knapp zehn Jahren, an Silvester 2009, hatte nicht viel gefehlt und das Rathaus, das wie Notre-Dame zum Weltkulturerbe gehört, wäre ebenfalls ein Raub der Flammen geworden. Damals durchschlug eine Feuerwerksrakete eines der bunten Mosaikfenster.

Aus Unwissenheit und Leichtsinn sind Katastrophen gemacht

In Paris brennt das Herz der Stadt, im Nordatlantik entzündet sich ein Hapag-Lloyd-Frachter mit millionenschwerer Ladung, in Brandenburg stehen schon im Frühjahr die ersten Wälder in Flammen: Das Feuer, die Urangst der Menschen und neben der Seeversicherung die Keimzelle der modernen Assekuranz, hat sich in den ersten Monaten des Jahres auf spektakuläre Weise wieder ins öffentliche Bewusstsein gebrannt. Auch der Rückblick auf 2018 lässt die Alarmleuchten blinken: Im Emsland brannte nach einer missglückten Schießübung der Bundeswehr wochenlang das Moor, in Siegburg griff ein Böschungsbrand auf Wohnhäuser über. Um bis zu 29 Prozent sind die durchschnittlichen Schäden der deutschen Feuerversicherer im vergangenen Jahr gestiegen, bei Wohnungen, Häusern und Gewerbeobjekten, am stärksten in der Landwirtschaft. In der Industrie registrierte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sogar die zweitgrößte Belastung durch Großschäden der vergangenen 20 Jahre. Bei Großschäden geht es um Summen von einer Million Euro oder mehr.


Wie kann das sein in einem Land, dessen Brandschutzbestimmungen zu den strengsten der Welt gehören und in dem praktisch alle Gebäude feuerversichert sind? 

Feuer als Gefahr sei in den Köpfen zwar sehr präsent, sagt Oliver Hauner. „Aber die Geschwindigkeit, mit der sich ein Feuer ausbreiten kann, und die weitreichenden Folgen sind den meisten Menschen nicht bewusst“, so der Leiter Sach- und Technische Versicherung, Schadenverhütung, Statistik beim GDV. Oft sind es Unwissenheit und Leichtsinn, die zur Katastrophe führen. Auch werden die Folgeschäden häufig unterschätzt. So kann bei Unternehmen eine Betriebsunterbrechung größere Schäden verursachen als das Feuer, das sie verursacht hat. Beim Brandschutz, an den der deutsche Gesetzgeber zwar traditionell hohe Anforderungen stellt, ließe sich ebenfalls einiges verbessern, etwa bei der Fassadendämmung. Und dass den Feuerwehren obendrein auch noch der Nachwuchs ausgeht, lässt für die Zukunft nichts Gutes ahnen.


Offenes Feuer ist gefährlich, das bekommt jeder schon als Kind eingetrichtert. Im „Struwwelpeter“ bezahlt Paulinchen das Spiel mit dem Feuerzeug gar mit dem Leben. Doch selbst noch so drastische Warnungen reichen offenbar nicht, die Fahrlässigkeit in den Griff zu bekommen. Nach Elektrizität (33 Prozent) war menschliches Fehlverhalten (17 Prozent) 2018 die häufigste Brandursache, ermittelte das Institut für Schadenverhütung und Schadenforschung der öffentlichen Versicherer (IFS). Der Klassiker: die Pfanne mit heißem Öl, die unbeaufsichtigt gelassen wird. „Nur in den ersten zwei bis vier Minuten kann man einen Brand selbst löschen“, sagt IFS-Geschäftsführer Hermann Drews. „Danach bleibt nur noch die Flucht.“

Mit Fett vollgesogene Abzugshauben wirken wie Brandbeschleuniger. Schnell greifen die Flammen dann auf die gesamte Wohnung über und vernichten Omas Erbschrank ebenso wie wertvolle Gemälde an der Wand. Hinzu kommen teure Folgeschäden: Kontaminiertes Löschwasser dringt in die Wände ein, Rußpartikel legen sich als ölige, schwarze Schicht auf alles, was die Flammen verschonten. Gut 1800 Euro betrug der durchschnittliche Feuerschaden in der Hausratversicherung 2018 – 16 Prozent mehr als im Jahr zuvor. GDV-Experte Hauner nennt als einen Grund für den Anstieg die immer hochwertigere Ausstattung der Haushalte, insbesondere mit Computern, Smartphones und Flachbildfernsehern.


Peter Philipp, Schadenleiter bei der SV Sparkassenversicherung in Stuttgart, schätzt, dass zudem zehn bis 15 Prozent der Haushalte ihren Hausrat zu niedrig versichern, bei Gebäuden seien es sogar 20 bis 30 Prozent. Verträge sollten regelmäßig überprüft und an neue Werte angepasst werden. „Der Versicherte muss werterhöhende Änderungen an der Bausubstanz melden, etwa den Bau eines Carports, um den vollen Schutz bei Feuer zu haben“, betont Philipp. Das unterbleibe jedoch bisweilen.

Viele Unternehmen unterschätzen die Folgeschäden eines Brandes

Brennt es in der Industrie, bleiben die Auswirkungen meist nicht auf das betroffene Unternehmen begrenzt. So zersplitterten bei einer Tankexplosion auf dem Gelände der Raffinerie Bayernoil 2018 die Fensterscheiben der umliegenden Wohngebäude, Hausfassaden rissen, Dächer wurden abgedeckt. In der GDV-Großschadenstatistik sind besonders feuergefährliche Branchen wie Chemie oder Metallverarbeitung regelmäßig prominent vertreten. Auf Platz eins rangierte 2018 der Brand bei einem Chemiefaserhersteller mit einer Schadensumme von 227 Millionen Euro – gut die Hälfte machte der Produktionsausfall durch die Betriebsunterbrechung aus. Ein Risiko, das viele Unternehmen unterschätzen, weshalb sie sich nicht gegen die finanziellen Folgen schützen. „Gegen das Risiko der Betriebsunterbrechung versichern sich circa zwei Drittel unserer Bestandskunden mit einem entsprechenden Vertrag. Bei kleinen Betrieben kann der Anteil aber deutlich geringer sein“, sagt Jörg Ohlsen, Geschäftsführer der HDI Risk Consulting.

So legte ein Feuer bei einem amerikanischen Autozulieferer 2018 zeitweilig die US-Produktion der verkaufsstarken SUVs bei Mercedes, Ford und BMW lahm. „Wenn es bei den global eng vernetzten Lieferketten an einer Stelle zu einer Unterbrechung kommt, setzt sofort der Dominoeffekt ein“, weiß Alexander Küsel, Leiter Schadenverhütung – Sachversicherung beim GDV. Versicherer können auf diesem Gebiet auf jahrelange Erfahrung zurückgreifen. Sie decken nicht nur die Schäden ab, sondern beraten Unternehmen auch zu Schadenverhütung und Brandschutz.

Auch der Klimawandel trägt dazu bei, dass die Brandgefahr in Deutschland steigt. Nach der Dürre des vergangenen Sommers und dem ebenfalls sehr trockenen Winter brennt das Unterholz im Wald wie Zunder. Ungewöhnlich früh mussten die Feuerwehren deshalb in diesem Frühjahr zur Bekämpfung von Waldbränden ausrücken. Fahrlässigkeit und Brandstiftung sind in jedem zweiten Fall die Ursache für einen solchen Großalarm, besonders spektakulär war im vergangenen Jahr der durch Schießübungen der Bundeswehr ausgelöste Moorbrand im Emsland. Wochenlang wütete das Feuer und zerstörte der Bundesregierung zufolge 1000 Hektar Moor, setzte tonnenweise klimaschädliche Treibhausgase frei und vernichtete den Lebensraum vieler Tiere und Pflanzen.


Auch Landwirte unterschätzen oftmals die katastrophalen Folgen eines Brands. „Wenn die teure Erntemaschine oder die Fotovoltaikanlage auf dem Dach aufgrund defekter Elektrik Feuer fängt, der Stall brennt und der gesamte Viehbestand verendet, kommen zum Verlust von Maschinen, Tieren und Gebäuden noch hohe Abbruch- und Entsorgungskosten hinzu“, sagt Benedikt Hoffschulte, Leiter der Schadenabteilung der LVM-Sachversicherung in Münster. Früher habe man mit den angekohlten Ziegeln Waldwege gebaut, heute stehe direkt nach dem Brand das Ordnungsamt auf dem Hof und überwache die ordnungsgemäße Entsorgung. Um knapp 30 Prozent stieg der durchschnittliche Feuerschaden in der Landwirtschaft 2018 im Vergleich zum Vorjahr an.

Ein wiederkehrendes Problem sind durch mangelhafte elektrische Leitungen oder Bauteile ausgelöste Brände. Auch dank des Internets gelangen immer mehr Billigprodukte aus Asien auf den deutschen Markt, die nicht den hiesigen Sicherheitsvorschriften entsprechen. IFS-Chef Drews warnt zudem davor, die Gefahren von Lithium-Ionen-Akkus zu unterschätzen. Immer häufiger komme es – etwa durch Handhabungsfehler oder Produktmängel – zu Bränden beispielsweise bei Akkupacks von Elektrofahrrädern.


Den Feuerwehren in Deutschland geht der Nachwuchs aus

Karl-Heinz Knorr vom Feuerwehrverband plagen noch andere Sorgen. „Den Berufsfeuerwehren fehlt es an Nachwuchs – und wir stehen vor einer großen Pensionierungswelle.“ Außerdem habe der Kampf um die Köpfe mittlerweile den öffentlichen Dienst erreicht. Vor allem in den Metropolregionen wird es immer schwieriger, gegen Berufe zu konkurrieren, die feste Arbeitszeiten und bessere Bezahlung bieten – und weniger gefährlich sind. Ein weiterer Knackpunkt: Viele junge Bewerber seien körperlich für den Job einfach nicht fit genug, so Knorr. Noch prekärer sei die Lage bei den freiwilligen Feuerwehren, deren Mitgliederzahl seit dem Jahr 2000 von 1,06 Millionen auf 995.000 (2016) zurückgegangen sei.

Trotz hoher Standards könnte auch mehr Prävention manches Unheil verhindern helfen. „Wer einen Brand im Haushalt bekämpfen will, braucht nicht nur Feuerlöscher und Löschdecke, sondern muss auch wissen, wie man damit umgeht“, sagt Versicherungsmanager Philipp. Um das nötige Know-how für den Ernstfall zu vermitteln, unterstützen die Versicherungen deshalb Tage der offenen Tür bei den Feuerwehren. Der unter anderem von den Versicherern lange geforderte und inzwischen flächendeckend vorgeschriebene Einsatz von Rauchmeldern in Deutschland hat dazu beigetragen, die Zahl der Todesfälle von 787 im Jahr 1990 auf 367 (2015) mehr als zu halbieren. Ein Großbrand wie beim Londoner Grenfell Tower wäre aufgrund der hohen Sicherheitsstandards bei uns wahrscheinlich so nicht möglich, sagt GDV-Experte Küsel. Umso wichtiger sei es, dass im Zuge der Diskussion über mögliche Kostensenkungen beim Wohnungsbau nicht am Brandschutz gespart werde.

Wesentliche Fortschritte erhoffen sich Experten von der Digitalisierung. Für eine erfolgreiche Brandbekämpfung sei vor allem eine sofortige Reaktion entscheidend, sagt Torsten Pfeiffer, Produktgruppenleiter für Brandmeldeanlagen bei der GDV-Tochter VdS Schadenverhütung in Köln. Hier seien automatische Systeme am besten, etwa Rauchmelder, die selbstständig Löschanlagen ansteuern, die Feuerwehr alarmieren oder Evakuierungen einleiten. Erst im Mai 2019 hat VdS, Europas größtes Institut für Unternehmenssicherheit, die Richtlinien für automatische Brandmeldeanlagen aktualisiert. „Die gesamte Brandmeldetechnik macht gerade auf digitaler Ebene gewaltige Sprünge“, so Pfeiffer. „Mit präzisen Vorgaben erleichtern wir Versicherern, Errichtern, Betreibern und Behörden die sichere Anwendung dieser Innovationen.“

Feuerwehrchef Knorr wird im September zum Bundesfachkongress seines Verbands nach Berlin reisen, wo ebenfalls moderne Brandbekämpfungstechnik im Mittelpunkt steht, darunter Drohnen zur Beobachtung des Feuers aus der Luft sowie ferngesteuerte Löschroboter, wie sie auch in Paris zum Einsatz kamen. Auch dank ihrer Hilfe konnten die Feuerwehrleute rund 90 Prozent der unter anderen bei Axa ART versicherten Kunstwerke und Reliquien retten.

Dass das Bremer Rathaus vor zehn Jahren nicht in Flammen aufging, hat die Stadt übrigens der Weitsicht ihrer Feuerwehr zu verdanken. Sie hatte die Innenräume – wie in jedem Jahr an Silvester – schon im Vorfeld mit Wasserschläuchen ausgelegt. Schon nach kurzer Zeit meldete sie „Feuer aus!“.

Prävention zahlt sich aus.

Text: Eli Hamacher

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