Positionen-Magazin
Bre­xit

Die Kraft­probe

Das Chaos um den Brexit verunsichert Menschen und Wirtschaft beiderseits des Ärmelkanals. Die Versicherungsbranche jedoch ist gut gewappnet – unabhängig davon, welchen Weg die Briten am Ende wählen.

Von einer Hängepartie zu sprechen wäre Understatement. Fast drei Jahre nachdem die Briten der EU per Volksabstimmung die Scheidung überreicht haben, ist noch immer schleierhaft, wie die Trennung der Partner und das Mitein­ander in der Zeit danach aussehen sollen. Selbst dass der Brexit noch abgeblasen wird, scheint nicht gänzlich ausgeschlossen. Oder kommt es doch noch zu einem ungeordneten Austritt, einem „hard Brexit”, trotz anderslautender Entschließung des britischen Unterhauses?

Das alles bedeutet nicht nur für die Menschen dies- und jenseits des Ärmelkanals eine Belastung. Auch die Wirtschaft leidet unter der Ungewissheit. Für zahlreiche Branchen ist Großbritannien einer der wichtigsten Märkte – auch für die Assekuranz. Mit einem Beitragsvolumen von mehr als 320 Milliarden Dollar und einem Weltmarktanteil von sieben Prozent ist das Königreich der größte Versicherungsmarkt Europas und weltweit die Nummer vier hinter den USA, Japan und China (2016). Auch viele deutsche Unternehmen sind in Großbritannien tätig. 

Im Gegensatz zur britischen Regierung scheinen die Versicherer in ihren Vorbereitungen aber schon einen ganzen Schritt weiter zu sein. Sie haben notwendige Anpassungen längst vorgenommen, um auch für das Worst-­Case-Szenario eines Brexits ohne Scheidungsvertrag vorbereitet zu sein, wie ein Blick in die Branche zeigt.

Statt eines Versicherungsträgers brauchen Großkunden künftig zwei

Beispiel Munich Re: Zum Zeitpunkt des Referendums hatte die Münchner Gruppe elf verschiedene Einheiten in Großbritannien. Diese Struktur hat der Konzern seitdem deutlich vereinfacht. Dazu sind Teile der Niederlassungen und Tochterfirmen in sogenannte Managing General Agents (MGAs) umgebaut worden. Diese Vertriebseinheiten tragen selbst kein Risiko. Bernhard Kaufmann, globaler Risikochef der Gruppe, sagt: „Wir sind also von einer Vielzahl bunter Einheiten auf nur noch zwei Rechts- und Risikoträger, beide ansässig im Vereinigten Königreich, zurückgegangen.“

Eine zentrale Herausforderung für die Branche ist die Trennung der versicherten Risiken zwischen der EU und Großbritannien.  Kaufmann nennt als Beispiel die Deckung für einen deutschen Autokonzern: „Diese konnte man früher aus London zeichnen, weil es egal war, wo der Risikoträger in der EU saß. Vereinfacht gesagt, ist nach dem Brexit dieser Autokonzern ein EU-Risiko.“ Bei Risiken, die ein großer Kunde für das gesamte Europa zeichnen möchte, müsse eine Trennung zwischen dem EU- und dem UK-Teil vorgenommen werden;  die Risiken müssten auf zwei verschiedene Versicherungsträger aufgeteilt werden. Das bewege den Londoner Markt, weil dort sehr viele große und Spezialrisiken versichert seien. „Leichte Anpassungen in den Kunden- und Brokerbeziehungen lassen sich deshalb nicht vermeiden“, sagt der Munich-Re-Manager.

Trotz solcher im Detail aufwendigen Anpassungen sind die meisten Versicherungsexperten aber relativ entspannt ob eines möglichen Brexits. Das hängt auch mit dem sogenannten Brexit-Steuerbegleitgesetz zusammen, das der Bundestag Ende Februar beschlossen hat. Damit ist die Kontinuität der Verträge, die deutsche Kunden mit britischen Versicherungsgesellschaften abgeschlossen haben, auch über den 29. März 2019 hinaus gewährleistet – für immerhin weitere 21 Monate.  


Verbraucher werden den Aufwand der Versicherer kaum spüren 

Auch was die Folgen für Verbraucher angeht, geben sich Fachleute gelassen. „Es kommen keine Kosten durch den höheren Aufwand auf die Bürger bei den Altverträgen zu“, sagt GDV-Chefvolkswirt Klaus Wiener. Schließlich sei die Prämie ja festgelegt. In der Lebensversicherung könnte es aber sein, dass Neuverträge teurer werden. „Üblicherweise müssen Unternehmen ihre Investitionen zumindest teilweise auf die Verbraucher abwälzen, das wird sich zum Beispiel auf die Höhe der Überschussbeteiligung auswirken.“

Auch Frank Grund, Versicherungschef der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), geht davon aus, dass Verbraucher die Veränderungsprozesse der Branche kaum mitbekommen werden. Zwar würden britische Versicherer, die derzeit im Wege des sogenannten Europäischen Passes in der EU Geschäfte treiben, bei einem ungeregelten Brexit die Erlaubnis dazu verlieren. Allerdings könnten sie ihren Hauptsitz nach Irland oder in eines der anderen verbleibenden EU-Länder verlegen. Von diesem Umzug merke der Kunde im Zweifel gar nichts.


Standard Life überträgt die Verträge deutscher Kunden auf eine Tochter in Dublin 

Beispiel Standard Life: Seit über einem Jahr bereitet die Versicherung die Übertragung der deutschen und österreichischen Verträge auf die bestehende Tochtergesellschaft Standard Life International in Dublin vor. Der Prozess ist fast abgeschlossen, derzeit geht es noch darum die notwendigen behördlichen Genehmigungen einzuholen.

BaFin-Aufseher Grund weist daraufhin, dass die Übertragung von Versicherungsbeständen aus Großbritannien in ein anderes Land immer eine Sache der betreffenden Staaten und der dortigen Aufsichtsbehörden sei. Teilweise kommen dabei auch britische Gerichte in Spiel. Denn bei der Übertragung könnte für bestimmte Verträge die Absicherung durch den gesetzlichen Entschädigungsfonds (FSCS) in Großbritannien entfallen. Die zuständigen Gerichte müssen die Auswirkungen daher vor einer Genehmigung auf Basis des Urteils eines unabhängigen Sachverständigen prüfen.

Ganz egal, wie der Brexit auch aussehen wird – das weitere Zusammenwachsen Europas sieht  GDV-Ökonom Wiener dadurch nicht in Gefahr. „Der Binnenmarkt ist das Kronjuwel der europäischen Integration, das wird auch so bleiben“, sagt Wiener. Und an mögliche Brexit-Nachahmer gewandt sagt er: „Wer als Staat die EU verlassen möchte, der sollte sich im Klaren sein: Das läuft nicht ohne Schäden für die eigene Volkswirtschaft ab.“

Text: Martin Scheele

Auch inter­essant