Positionen-Magazin
Sicher­heits­ri­siko Elek­tro­ge­räte

Die gefähr­li­chen Fol­gen bil­li­ger Elek­tro­nik aus Fernost

Immer mehr Elektrogeräte genügen nicht den hiesigen Sicherheitsnormen. Die Folge: Unfälle, Brände und Explosionen. Warum die Händler dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden können – und wie sich das Sicherheitsrisiko ausschalten lässt.

Es ist eine tragische Meldung in der „Bild“-Zeitung von Mitte Februar: Eine 21-Jährige aus Österreich hantiert in der Badewanne an ihrem Handy herum. Weil der Akkustand niedrig ist, lädt sie das Gerät dabei an der Steckdose auf. Dann fällt es ins Wasser. Die junge Frau erleidet einen Herzstillstand und stirbt.

Ganz ähnlich liest sich der Fall, über den die „Süddeutsche Zeitung“ im März berichtet: Eine 16-jährige Schülerin aus München will beim Baden Musik hören. Auch ihr Telefon hängt an der Steckdose und fällt in die Wanne. Als die Eltern ihre Tochter bewusstlos im Wasser finden, versuchen sie noch, sie zu reanimieren. Vergeblich, wenig später stirbt sie im Krankenhaus.

Tödliche Stromschläge aus Kopfhörern und Handys

Wer danach sucht, stößt auf eine ganze Reihe vergleichbarer Meldungen. Manche kommen aus den USA, andere aus Russland oder Brasilien. Sie alle handeln von Menschen, die durch Stromschläge bei der Nutzung ihres Handys gestorben sind. Nicht immer haben sie dabei in der Badewanne gelegen. In Malaysia soll ein junger Mann einen tödlichen Stromschlag über die Kopfhörer erlitten haben, die er zum Einschlafen getragen hatte, während das Handy auf dem Nachttisch lud. Als die Mutter ihn am nächsten Tag fand, sei aus einem Ohr Blut geflossen.

Auch wenn sich die Seriosität der Meldungen in einigen Fällen schwer einschätzen lässt, macht ihre schiere Fülle doch klar, dass von Elektrogeräten wie Handys eine tödliche Gefahr ausgehen kann. Sicherheitsexperten ist das schon lange bekannt. In einer Vielzahl der Fälle können sie auch die Ursache dafür benennen: Es sind Konstruktions- und Materialfehler – und sie beschränken sich nicht auf Handy und Ladekabel, sondern sind in praktisch allen Kategorien von Elektrogeräten zu finden. Häufig stammen die gefährlichen Produkte aus asiatischen Ländern, wo sie günstig hergestellt werden, aber nicht unbedingt hiesigen Sicherheitsstandards genügen müssen. Und so können schlampig isolierte Kabel Stromschläge auslösen, Akkus explodieren und Mehrfachsteckdosen durchbrennen.

Die CE-Kennzeichnung sagt nichts über die Sicherheit eines Geräts aus

Die „Bild“-Zeitung warnt deshalb unter ihrer Meldung über die 21-jährige Österreicherin in Fettschrift: „Verzichten Sie auf billig produziertes Handyzubehör von Drittanbietern. Ladekabel sollten unbedingt den europäischen Normen entsprechen und mit einem CE-Zeichen zertifiziert sein.“

Aus Sicht von Georg Luber ist das ein gut gemeinter Hinweis. Doch er greife zu kurz, sagt der Normen- und Sicherheitsexperte, der bei Siemens Smart Infrastructure in Regensburg arbeitet. Dabei hat er die CE-Kennzeichnung im Blick. Die Buchstaben stehen für „Conformité Européenne“ und sollen zum Ausdruck bringen, dass ein Produkt die Anforderungen der Europäischen Union für dieses Gerät einhält. Allerdings handelt es sich nicht um ein von unabhängigen Prüfern ausgestelltes Qualitätszertifikat. Vielmehr ist es eine Kennzeichnung, die der Hersteller selbst anbringt, um die Konformität zu bestätigen. Doch hier gebe es leider schwarze Schafe, sagt Luber – vor allem bei Herstellern aus Asien. „Das Symbol schafft bei Verbrauchern trügerisches Vertrauen, sagt aber nichts darüber aus, wie sicher ein Produkt in Wirklichkeit ist“, erklärt Luber.

Vertrauenswürdige Zertifikate von GS, VDE und TÜV

Wer nach einem echten Gütezertifikat sucht, sollte nach Meinung von Experten deshalb nicht nach dem CE-Kennzeichen Ausschau halten, sondern nach Prüfzeichen wie dem GS-Siegel. Es steht für „Geprüfte Sicherheit“ und wird von unabhängigen Stellen nach einem für den Antragsteller kostenpflichtigen Check ausgestellt. Auch der TÜV und der VDE stellen solche prinzipiell vertrauenswürdigen Zertifikate aus.

Wie wichtig Produktprüfungen sind, zeigen die vielen mangelhaften Geräte, die in den Kontrollen des VDE auffallen. Dort durchlaufen laut einer Meldung des Verbands jeden Tag 60 bis 70 Geräte die Sicherheitschecks. Die Prüfer scheuen keinen Aufwand. Sie testen die eingereichten Produkte in Kältekammern, bei hohen Temperaturen, bei extremer Luftfeuchtigkeit oder im zweiwöchigen Dauerbetrieb. Sie provozieren Kurzschlüsse, wie sie im alltäglichen Betrieb vorkommen können, oder öffnen die Tür einer Mikrowelle mithilfe einer speziellen Apparatur bis zu 10.000 Mal.

Rund die Hälfte aller vorgelegten Produkte besteht diese Tests nicht. Die Ursachen ähneln sich oft. Vor allem ungeeignete Materialien und mangelnde Sachkenntnis der Hersteller zählen dazu. Vom VDE erhalten sie einen Bericht, der ihnen dabei hilft, die Mängel abzustellen.

Den Aufwand einer solchen Prüfung durch unabhängige Stellen sparen sich viele asiatische Hersteller. Was manche aber nicht daran hindert, die Siegel trotzdem zu nutzen. Der VDE veröffentlicht auf seiner Website eine Liste von Händlern, die verschiedene Gütesiegel missbräuchlich verwendet haben. Sie umfasst Hunderte Firmennamen, die Produkte reichen von Gartenleuchten und Steckern über Wasserkocher und Waschmaschinen bis hin zu Starkstromleitungen.

Als das Handy an der Steckdose hängt, explodiert der Akku

Solche Produkte finden sich zehntausendfach auf den einschlägigen Online-Marktplätzen. Und die Kunden greifen nur zu gern zu. Statt mühsam die Regale von Fachhändlern abzusuchen, können sie mit einem Klick bestellen. Nach wenigen Tagen kommt die Ware ins Haus. Vielfach ist sie günstiger als vor Ort gekaufte Produkte – selbst wenn man die Versandkosten aus Hongkong, Shenzhen oder anderen asiatischen Herkunftsorten einrechnet.

Natürlich ist nicht alles minderwertig oder gar gefährlich, was auf diesem Weg nach Europa kommt. Manches aber eben doch.

Etwa das Handy der chinesischen Marke Ulefone, das Marina Davidoff für 68 Euro im Internet gekauft hat. Die Karlsruherin schildert ihre Erlebnisse in der Dokumentation „Amazon außer Kontrolle?“, die im Frühjahr in der ARD lief. Ihre Familie bestellt demnach regelmäßig bei dem Online-Riesen, weil es so bequem ist. Komme eine Lieferung mal in schlechtem Zustand an, tausche Amazon sie in der Regel anstandslos aus.

Bei dem Handy allerdings ist äußerlich nicht erkennbar, dass damit etwas nicht stimmt. Einen Grund zur Reklamation gibt es zunächst nicht. Als die Frau jedoch das Ladekabel in die Steckdose steckt, explodiert der Akku kurz darauf mit einem Knall. Zum Glück ist Davidoff in der Nähe, sie kann die Flammen mit einem nassen Handtuch ersticken. In der Wohnung habe es noch Tage später nach verschmortem Plastik gestunken.

Die Familie beschwert sich schriftlich sowohl bei Amazon als auch beim Verkäufer, der das Handy auf dem Marktplatz des Konzerns angeboten hat. Eine Antwort kommt allerdings nur von Amazon. Es sei sehr ärgerlich, dass der Händler nicht reagiere, man werde den Fall weiterverfolgen. Wenig später ist der Verkäufer nicht mehr auf dem Marktplatz zu finden, offenbar wurde er gesperrt. Das Telefon gibt es dort aber nach wie vor – nur bei anderen Händlern.

Amazon lehnt die Verantwortung ab: Schuld sei vielmehr der Händler

Könnten Kunden wie Marina Davidoff nicht einfach Amazon für Schäden durch Elektronikprodukte haftbar machen, die sie über die Website des Konzerns gekauft haben? Nein. Denn Amazon stellt nur den Marktplatz zur Verfügung, das Vehikel also, mit dem die Händler ihre Produkte vertreiben. Rechtlich bleiben sie selbstständige Unternehmen; für ihre Produkte sind sie selbst verantwortlich.

Den Kunden in Europa bringt der Verweis auf die Händler in der Regel wenig. Schließlich sind Verkäufer mit Sitz in China oder anderen asiatischen Ländern für sie kaum greifbar. Familie Davidoff hat zwar am Ende doch noch 500 Euro von Amazon bekommen. Allerdings nur aus Kulanz, eine Verantwortung für den explodierten Akku erkennt der Konzern damit nicht an.

Aber nicht nur Verbraucher, auch Behörden tun sich schwer, auf Händler in Drittländern zuzugreifen. Das gilt vor allem dann, wenn die Händler sogenannte Fulfillmentcenter nutzen. Dabei handelt es sich um Dienstleister, an die sie Aufgaben wie Zollabwicklung, Lagerung, Verpackung und Versand auslagern. Die Verantwortung für die Produkte bleibt allerdings bei den Anbietern. Die Fulfillmentcenter sind für die Kontrollen der Marktüberwachungsbehörden bislang allerdings kaum zugänglich, wie der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) beklagt.

Die Bundesnetzagentur verbietet den Verkauf von zehn Millionen Geräten

Dabei wären solche Kontrollen dringend nötig. Das zeigt schon die gewaltige Zahl von Produkten, die trotz aller Schwierigkeiten von den Behörden aus dem Verkehr gezogen werden. In Deutschland hat die Bundesnetzagentur allein 2018 den Verkauf von mehr als zehn Millionen Geräten verboten, die hiesigen Bestimmungen zuwiderliefen. Darunter waren Handy-Ladegeräte, die überhitzen können, Partylichter für die Steckdose mit missbräuchlicher CE-Kennzeichnung und Radiowecker, deren Signal den Funk am Flughafen stört.

Besonders viel Aufmerksamkeit erregte 2016 der Fall der Spielzeugpuppe „Cayla“: Sie besaß eine eingebaute Kamera und ein Mikrofon und war damit aus Behördensicht eine getarnte Abhöranlage. Deren Herstellung und Einfuhr verbietet das Telekommunikationsgesetz. Die Bundesnetzagentur forderte Besitzer der Puppe auf, sie zu zerstören.

Siemens-Experte Luber berichtet von einem Fall, der eine weitere Gefahr mangelhafter Elektrogeräte zeigt. So seien LED-Leuchten aufgetaucht, die die EU-Störgrenzwerte um den Faktor 1000 überschritten. Dadurch können Schutzschaltgeräte beeinträchtigt werden, was wiederum zu Stromausfällen führen kann. Die Praxis zeige, dass in solchen Fällen der eine oder andere auf die Idee komme, einfach die Schutzschaltgeräte zu überbrücken oder auszubauen, um die Installation als Ganzes wieder zum Laufen zu bringen.

Die Verbraucher müssen sich der Gefahr bewusst werden

Inzwischen scheint auch die Politik die Dringlichkeit erkannt zu haben. Von 2021 an erlaubt eine neue EU-Verordnung den Marktüberwachungsbehörden zumindest einen besseren Zugriff auf die umstrittenen Fulfillmentcenter. Doch auch die besten Gesetze bringen nichts, wenn den Behörden die Mittel fehlen, um sie durchzusetzen. Angesichts der schieren Masse von Elektrogeräten aus dubioser Produktion werden vermutlich auch künftig noch viele den europäischen Markt erreichen. Der GDV setzt daher vor allem auf eine Sensibilisierung der Verbraucher. Am Ende läuft es auf eine einfache Formel hinaus: Augen auf beim Elektrogerätekauf!

Text: Volker Kühn

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