Positionen-Magazin
3D-Dru­cker

Die dritte Dimen­sion

Bustiers, Brillen, Bauteile: Fast alles könnte eines Tages aus dem 3D-Drucker kommen. Die Versicherungsbranche hilft dabei, die Risiken zu kontrollieren.

Revolution – das ist ein Wort, das Staatspräsidenten normalerweise lieber meiden. Barack Obama hielt das in seiner Rede zur Lage der Nation im vergangenen Jahr anders: Der 3D-Druck habe das Potenzial, die „Art und Weise, wie wir fast alles herstellen, zu revolutionieren“. Da macht unsere Nahrung keine Ausnahme. Nudeln auf Knopfdruck aus dem Drucker – sie könnten bald in jeder denkbaren Form auf unseren Tellern landen. Noch ist das Zukunftsmusik, aber Barilla arbeitet daran, die Idee in die Wirklichkeit umzusetzen. Seit zwei Jahren forscht ein Team der Universität Eindhoven an einer Lösung zu 3D-Druckern mit Teigpatronen.

Dahinter steckt eine neue Technologie, mit der sich einfach dreidimensionale Objekte herstellen lassen. Tatsächlich setzt man die Geräte schon heute für Handprothesen, Kühlsysteme in Formel-1-Autos oder Zahnkronen ein. Forschungsteams arbeiten aber auch an futuristischeren Produkten: ganzen Autos, menschlichen Organen oder künstlichen Steaks.

Zukunftstechnologie mit Vergangenheit

Für Laien klingt das nach Science-Fiction. „Star Trek“-Fans erinnern sich vielleicht an den „Replicator“, mit dem die Mannschaft Lebensmittel aus dem Nichts erschuf. Dabei werden 3D-Drucker in der industriellen Fertigung schon seit den 80ern verwendet – allerdings meist nur für den Bau von Prototypen oder speziellen Bauteilen. Handelsübliche Geräte aus dem Elektromarkt funktionieren wie Tintenstrahldrucker, die mehrere Lagen Plastik übereinander-legen, bis daraus ein plastisches Objekt entsteht. Die günstigsten sind schon für unter 1000 Euro zu haben. Visionäre träumen deshalb davon, dass die Geräte eines Tages so verbreitet sein könnten wie Fernseher.

„Das Besondere am 3D-Druck ist, dass die Technologie ohne Werkzeuge auskommt und daher flexibel einsetzbar ist“, sagt Bernhard Langefeld, Experte der Strategieberatung Roland Berger. Teure 3D-Drucker können nicht nur Plastik, sondern auch Materialien wie Kunstharz, Keramik oder Metall verarbeiten. Das Marktpotenzial ist gewaltig. Laut einer Studie der Beratungsfirma Wohlers Associates betrug das Marktvolumen 2011 1,7 Milliarden Dollar. Bis 2021 soll es auf 10,8 Milliarden Dollar ansteigen.

Die größten Chancen hat die Technik in den nächsten Jahren bei der industriellen Fertigung von Hightech-Teilen. „Aufgrund ihrer besonderen Geometrie lassen sich manche Teile mit herkömmlichen Fertigungstechniken gar nicht herstellen. In solchen Fällen spielt der 3D-Druck seine Stärken aus. Für Sonderanfertigungen oder kleine Stückzahlen ist diese Technik ideal “, erklärt Langefeld. Das zahlt sich auch bei Ersatzteilen für Spezialmaschinen aus: Fällt auf einer abgelegenen Baustelle in Brasilien die Maschine eines deutschen Herstellers aus, können Monate vergehen, bis die richtigen Ersatzteile dort ankommen. Stünde ein 3D-Drucker vor Ort zur Verfügung, müsste die Firma nur die 3D-Vorlagen verschicken, und die Maschine wäre schneller repariert.

Für Tony Buckle, Experte der Schweizer Rück, zeigt das Beispiel, vor welche Herausforderungen die neue Technik die Versicherungsbranche stellt. Falls ein Ersatzteil bricht, die Maschine und vielleicht sogar ein Bauarbeiter Schaden nehmen, fällt das normalerweise in den Bereich der Herstellerhaftung. Aber würde diese Garantie auch gelten, wenn der Hersteller das Ersatzteil nicht selbst hergestellt, sondern nur die digitale 3D-Vorlage geliefert hat? Man müsste wohl erst einmal klären, wer den Schaden verschuldet hat. „Sicher ist nur, dass es in so einem Fall zu langen Diskussionen käme“, sagt Buckle.

Tiefer in den Lebensalltag wird der 3D-Druck da eingreifen, wo er die Herstellung von Gebrauchsgütern verändert. „Da passt die Technologie zum Customisation-Trend“, sagt Langefeld – gemeint ist die Anpassung von Produkten an individuelle Kundenwünsche. Barilla ist nicht der einzige Hersteller, der die neue Technologie dafür nutzen will. So arbeitet nach Presseberichten Lego an Spielzeug aus dem Drucker. Nokia veröffentlichte kürzlich eine Druckvorlage für ein Handy-Cover.

3D-Druck im Alltag

Sollte in Zukunft wirklich jeder einen 3D-Drucker zu Hause stehen haben, müssten Hersteller wie Lego mit Haftungsausschlussklauseln sicherstellen, dass sie bei unsachgemäßem Gebrauch nicht verantwortlich gemacht werden. Realistischer ist vorerst die Lösung, die Barilla anstrebt: Es gibt bestimmte Restaurants oder Läden, in denen Fachpersonal die 3D-Drucker bedient. So könnten die Hersteller sicherstellen, dass die Qualitätsstandards stimmen.

Auch für diesen Fall sind Versicherungslösungen denkbar, die ähnlich schon für andere Technologien auf dem Markt sind. So gibt es zum Beispiel Policen für IT-Firmen, die Computersysteme für Unternehmen aufsetzen. Bricht ein solches System zusammen, muss nicht nur das Gerät repariert werden, sondern das Unternehmen muss auch für den Umsatzausfall entschädigt werden. Eine 3D-Druck-Versicherung könnte ähnliche Leistungen abdecken.

Die öffentliche Diskussion kreist aber derzeit noch um ganz andere Szenarien. So veröffentlichte ein amerikanischer Student vor Kurzem im Internet eine 3D-Vorlage für eine Plastik-Pistole. Was passiert, wenn solch ein Verfahren in Umlauf gerät?

Gefahren aus dem Drucker

Letztlich wird sich die Gesellschaft über die Gefahren der neuen Technik verständigen müssen. Und auch über die ethischen Grenzen bei der Frage, ob man Organe oder Fleisch im 3D-Drucker herstellen sollte. Trotz solcher Bedenken empfiehlt Buckle, die Chancen der neuen Technologie wahrzunehmen. Zumindest bei den geschäftlichen Risiken kann die Versicherungsbranche Hilfestellung leisten. „Das ist unsere Rolle“, sagt er. „Wir ermöglichen technischen Wandel, indem wir Risiken einschätzen und, wo immer möglich, diese Risiken auch übernehmen, wenn Kunden sie als zu groß wahrnehmen”.

Text: Serge Debrebandt
Fotos: dpa Picture Alliance, Mauritius Images, Corbis, The New York Times/Redux/laif

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