Positionen-Magazin
D&O Poli­cen

Die Abwehr­spe­zia­lis­ten

Immer häufiger streiten sich Unternehmen mit ihren Vorständen in der Öffentlichkeit. Es geht um Pflichtverletzungen und Schadenersatz. Genau dieses Risiko decken D&O-Versicherungen ab. Warum ist nicht schon längst jeder Manager versichert?

Früher hatte man Pech, heute hat man Schuld. Sagt Diederik Sutorius. Auf diese einfache Formel lässt sich für ihn der Wandel in der Wahrnehmung von Topmanagern bringen. Das Image des zupackenden Machers weicht zunehmend dem von Nieten in Nadelstreifen, je mehr Verfehlungen und Fälle von Missmanagement an die Öffentlichkeit kommen, nicht selten gefolgt von Klagen und millionenschweren Schadenersatzansprüchen.

Zynisch gesagt, müssten das gute Nachrichten sein für den Niederländer, der seit 23 Jahren die Kölner Versicherung VOV führt und zugleich Vorsitzender der GDV-Arbeitsgruppe D&O-Versicherung ist. Denn die Gesellschaft hat sich ganz auf Haftpflichtpolicen für Manager spezialisiert, sogenannte Directors-and-Officers-Policen, kurz: D&O. Sie springen ein, wenn Unternehmen Vermögensschäden gegen ihre Führungskräfte geltend machen. Angesichts der Milliardensummen, die bei Wirtschaftsskandalen aufgerufen werden, mutet das Volumen der Vermögensschaden- Haftpflicht für Unternehmensleiter allerdings ziemlich bescheiden an: Auf 500 Millionen Euro schätzt der Versicherungsverband GDV das Prämienaufkommen der etwa 50 Anbieter. „Die enorme öffentliche Wahrnehmung steht in keinem Verhältnis zu dieser eigentlich kleinen Sparte“, sagt Sutorius.

Kein Freibrief für Hasardeure

Seit gut 30 Jahren gibt es D&O-Policen auf dem deutschen Markt, doch noch immer zählen sie hierzulande eher zu den exotischen Versicherungsprodukten. Zwar hat sich das anfängliche Missverständnis, es handele sich dabei um eine Art Freibrief für Hasardeure, inzwischen weitgehend aufgelöst. Trotzdem wundert sich Sutorius, wie gering das Wissen über das Produkt bei vielen Firmen immer noch ist. „Die Erwartungshaltung ist ganz oft: Die Versicherung muss zahlen, sobald es im Unternehmen Verluste gibt.“

In Wahrheit steckt hinter D&O-Firmenversicherungen ein Dreiecksgeschäft: Mit dem Abschluss einer Police versichert das Unternehmen seine Topmanager gegen Haftungsansprüche, die es selbst einmal gegen sie geltend machen könnte. Die Versicherung schützt also sowohl den Vertragspartner, die Firma, als auch das Privatvermögen seiner höchsten Angestellten.

Die Grundlage für einen Versicherungsfall ist dabei stets eine Pflichtverletzung, für die das Unternehmen eine versicherte Person haftbar macht“, erklärt Jörg Pohlücke, Referent für Haftpflichtversicherungen beim GDV. Anders gesagt: Ein Manager muss durch sein Handeln seinem Arbeitgeber einen Schaden zugefügt haben, für den dieser Schadenersatz fordert. Dann greift die Versicherung. Verluste wegen schwacher Auftragslage oder gar die Folgen von Straftaten deckt sie nicht ab. Tritt der Leistungsfall ein, bringt das die D&O-Versicherung in eine kuriose Rolle: Sie versucht zunächst, den Vorwurf gegen den Manager zu entkräften – und ergreift damit quasi Partei gegen den eigenen Versicherungsnehmer, das Unternehmen. „Dieser qualifizierte Abwehrschutz ist eine Kernleistung der Policen“, erklärt Sutorius: „Dafür zahlen die Versicherer in nahezu jedem Fall.“ 

Deeskalieren und ausgleichen

Verwunderlich ist das nur auf den ersten Blick. Denn wenn sich Arbeitgeber und Führungskraft erst einmal juristisch streiten, ist ihr Verhältnis in der Regel bereits zerrüttet – und die Versicherung hilft beim Deeskalieren. Etwa vier von fünf Fällen ließen sich außergerichtlich klären, sagt Sutorius. Nur rund 40 Prozent der Leistungen seines Hauses beziehen sich auf die eigentlichen Forderungen, der Großteil geht an Anwälte zur Schadenabwehr. Während die Haftungsfreistellung stets auf eine Höchstsumme gedeckelt ist, werden Kosten für den Rechtsbeistand in der Regel unbegrenzt übernommen. Haftung vermeiden und den Ausgleich suchen – das ist das Credo der Branche. So sichert die D&O-Versicherung letztlich beide Seiten ab: Sie schützt das Unternehmen vor den Folgen schädlicher Managemententscheidungen und die Führungskräfte vor ungerechtfertigten Schadenersatzfordungen. Umso erstaunlicher, dass angesichts der immer häufiger ausgetragenen juristischen Gefechte zwischen Topmanagern und ihren (Ex-)Arbeitgebern nach wie vor Firmen auf die Vorsorge gegen solche Situationen verzichten. Mit dem wachsenden Bewusstsein für Corporate Governance in Deutschland dürfte die Zahl solcher Streifälle eher noch zunehmen. Im Interesse ihrer Anteilseigner sind Unternehmen oft verpflichtet, Ansprüche gegen Führungskräfte auch geltend zu machen.

Text: Olaf Wittrock

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