Positionen-Magazin
Zum Glück feu­er­ver­si­chert

Wie das Säge­werk Hosen­feld aus Rui­nen neu ent­stan­den ist

Vor fünf Jahren brannte das Sägewerk Hosenfeld komplett nieder. In nur 13 Monaten gelang der Wiederaufbau. Heute steht der Familienbetrieb wieder gut da – und ist vorbildlich gegen Feuer versichert und geschützt.

Den Abend des 11. Juli 2015 wird Gangolf Hosenfeld nie vergessen. Er sitzt mit seiner Familie im Eiscafé, als gegen 21 Uhr sein Handy klingelt und ein Mitarbeiter die Schreckensnachricht überbringt: „Feuer im Sägewerk!“ Mit seinen beiden erwachsenen Kindern fährt der Unternehmer sofort zum 30 Kilometer entfernten Betrieb. Schon von Weitem sieht Hosenfeld den Rauch, das Blaulicht und die Löschfahrzeuge. Aus dem Holzlager schlagen Flammen. Die Glut frisst sich in die Träger, bis das Gebäude einstürzt. Der Nachtwind treibt die Funken über den Hof zu den Sägehallen und dem Hobelwerk, wo die teuren Maschinen stehen. Die Feuerwehr hat keine Chance. Sie kann nur einen Wasserriegel legen, damit sich die Flammen nicht noch weiter ausbreiten. „Wir haben zuschauen müssen, wie alles verbrennt“, sagt Hosenfeld. Ein Serienbrandstifter, der bis heute nicht gefasst ist, hatte das Feuer gelegt.


Wo damals nur ein Trümmerfeld blieb, stehen heute neue Hallen. Lastwagen rangieren, das Kreischen von Sägen ist zu hören, und es duftet nach frisch geschnittenem Holz. Hosenfeld sitzt im Besprechungsraum und erzählt die Geschichte von der Brandnacht und dem Wiederaufbau. Natürlich sei die Zeit anstrengend gewesen. „Aber wir sind sehr zufrieden mit dem, was wir geschafft haben.“ Der 61-Jährige sieht die Führung des Sägewerks nicht als Job, sondern als Berufung. Mehr als 120.000 Kubikmeter Holz werden hier jedes Jahr fast vollautomatisch verarbeitet, ausschließlich Lärchen und Douglasien aus nachhaltiger Forstwirtschaft. Es sind Nadelhölzer, denen Regen und Nässe wenig anhaben können. Sie eignen sich deshalb besonders gut für Außenverschalungen, Terrassendielen oder Carports. Eine wachstumsstarke Nische, die sich das Unternehmen in mehr als 100 Jahren erobert hat. Urgroßvater Hosenfeld war Zimmermann und baute 1914 ein mit Dampfkraft betriebenes Sägewerk in dem kleinen Dorf am Fuße der Rhön, das ebenfalls Hosenfeld heißt. Heute ist das Unternehmen eine feste Größe in der Region. Schon deshalb war Gangolf Hosenfeld schnell klar, dass der verheerende Brand nicht das Ende sein durfte.

Mitarbeiter und Partner helfen – und ein Insolvenzverwalter

Gleich am Montag nach dem Feuer trommelt Hosenfeld seine 60 Angestellten zusammen. Die alles entscheidende Frage lautet: Neu aufbauen oder dichtmachen? Das Votum seiner Leute ist eindeutig: Wenn der Chef den Wiederaufbau anpackt, wollen sie ihn unterstützen. „Tatsächlich hat die ganze Belegschaft mitgezogen“, bestätigt Bernd Michel, der als Sägewerksmeister arbeitet. Doch wie überbrückt man die Zeit, bis das neue Werk steht? Wie hält man die Kunden bei der Stange – ohne Gebäude, ohne Maschinen? Hosenfeld findet Partner, die ihn unterstützen. Ein Unternehmer, der sein eigenes Sägewerk vor Kurzem stillgelegt hat, vermietet es ihm samt Maschinen. 

 
Ein Subunternehmer, der sonst nur Auftragsspitzen abfedert, überlässt ihm alle freien Kapazitäten. Und ein Insolvenzverwalter verschiebt den geplanten Verkauf eines Sägewerks und verpachtet den Betrieb stattdessen an Hosenfeld. Eilig angeschaffte Busse bringen die Arbeiter jeden Morgen zu ihren neuen Einsatzorten. Der erste Schritt zur Rettung ist geglückt. Nun stehen die entscheidenden Gespräche mit Banken und Versicherungen an. Der Gesamtschaden liegt bei 15 Millionen Euro, verteilt auf zerstörte Gebäude, verbrannte Maschinen sowie die Kosten der Betriebsunterbrechung. Für alle drei Schadensarten hatte Hosenfeld Policen beim Spezialversicherer Isselhorster Versicherungen abgeschlossen. Um die Regulierung kümmert sich der Vorstand persönlich. „Bei Schäden in dieser Höhe ist das bei uns üblich“, sagt Vorstandsmitglied Michael Strüwer. Für sein Haus sei es der größte Einzelschaden der Unternehmensgeschichte gewesen. 

Aufgeben kommt nicht infrage. Die ganze Familie packt mit an 

Der direkte Draht zum Vorstand erweist sich als Glücksfall. „Dadurch waren schnelle Entscheidungen möglich“, sagt Hosenfeld. Jeder Tag kostet Geld, denn durch die Verteilung auf mehrere Standorte arbeitet der Betrieb nicht profitabel. Viel länger als ein Jahr darf der Wiederaufbau nicht dauern. Bei derart hohen Schadenssummen schlagen Versicherer üblicherweise einen Deal vor: Es wird eine Teilsumme gezahlt, die der Unternehmer behalten darf – vorausgesetzt, er verzichtet auf die Fortführung des Betriebs. Doch dieser Weg kommt für Hosenfeld nicht infrage, seine beiden Kinder stehen hinter ihm. Sie unterbrechen sogar ihr Studium, um beim Wiederaufbau zu helfen. Gemeinsam erarbeiten sie ein Konzept für eine profitable Zukunft des Sägewerks Hosenfeld, das auch den Versicherer überzeugt. „Das Unternehmen ist ein alteingesessener Betrieb mit erfolgreicher Geschichte und einem sehr kompetenten Geschäftsführer“, sagt Strüwer. „Deshalb war für uns klar, dass wir ihn unterstützen und begleiten.“ Die Versicherung ersetzt den gesamten Brandschaden. Trotzdem muss die Familie eigenes Geld zuschießen und Kredite aufnehmen. „Wir haben einiges modernisiert, die neuesten Maschinen angeschafft und in den Brandschutz investiert“, sagt Hosenfeld. Über Monate geben sich Architekten, Planer und Berater die Klinke in die Hand. Die Mühe lohnt sich: 13 Monate nach dem Feuer wird die Wiedereröffnung gefeiert. 

Die teure Sprinkleranlage ließ ihn zweifeln. Heute ist er stolz darauf

Nicht ohne Stolz führt der Chef heute Besucher persönlich durch das neue Werk. Er geleitet sie auf Plattformen und Galerien, von wo aus die Abläufe besonders gut zu sehen sind. So stapeln sich etwa am Rande des Geländes Hunderte Baumstämme. Ein Bagger klemmt sie in seinen Greifarm und legt sie auf ein Förderband. Die Stämme verschwinden in der Sägelinie, wo sie automatisch ausgerichtet und geteilt werden. Eine Sortieranlage erfasst die Größe der geschnittenen Bretter und schickt sie in eine von 60 Boxen, wo sie geordnet und zum Transport vorbereitet werden. In Leitständen überwachen seine Experten die Produktionsabläufe. Hatte er je Zweifel, ob wirklich alles glattgeht mit dem Wiederaufbau? „Vielleicht, als wir die Sprinkleranlage geplant haben“, sagt Hosenfeld. Vor dem Feuer habe es nur präventiven Brandschutz gegeben, das heißt, der Mindestabstand zwischen den Gebäuden betrug 20 Meter, es gab Feuerlöscher und ausgebildete Brandschutzhelfer. Heute sind Sprinkleranlagen verbindlich vorgeschrieben. Eine komplette Neuplanung war nötig. 

Gemeinsam mit Brandschutz-Experten der GDV-Sicherheitstechniktochter VdS konzipierte er die Anlage. „Dabei habe ich festgestellt, dass die gesetzlichen Richtlinien des Brandschutzes   nicht immer zur Realität eines mittel-ständischen Betriebs passen“, sagt Hosenfeld. Es dauerte, bis eine vorschriftsmäßige und gleichzeitig bezahlbare Lösung gefunden war. Hosenfeld öffnet die Tür zur neuen Sprinklerzentrale. Ein rund 150 Quadratmeter großer Raum voller Rohre und Pumpen. Hinter einer Wand befindet sich ein Reservoir mit 750.000 Liter Wasser, das die mehr als 1100 Sprinklerdüsen versorgt, die sich über das gesamte Betriebsgelände verteilen. Das System wird von einer digitalen Steuerungsanlage überwacht, die sich hinter der Tür eines großen Schaltschranks verbirgt. Die hohen Ausgaben habe er mittlerweile verschmerzt, sagt Hosenfeld. Und mit der neuen Sprinkleranlage sei er sehr zufrieden. Damit, sagt der Unternehmer, sei ein Brand wie vor fünf Jahren heute nicht mehr möglich.

Text: Heimo Fischer

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