Positionen-Magazin
Kolumne von Den­nis J. Snower

Daten dür­fen kein Gra­tis­roh­stoff für Mono­po­lis­ten sein

Die großen Digitalkonzerne sammeln unsere Daten in großen Mengen und haben damit auch unsere digitale Identität in der Hand. Das ist eine moderne Form der Sklaverei, die weder effizient noch gerecht ist. Höchste Zeit, dass wir die Hoheit über unsere Daten zurückerlangen.

Stellen wir uns eine neue Form von Arbeitssklaverei vor, in der ein Sklave für seine Arbeitskraft zu essen und ein Dach über dem Kopf erhält. Neu ist, dass er seinem Brötchengeber zwar jederzeit den Rücken kehren darf. Aber dann muss er alles zurücklassen, was seine Identität ausmacht – seinen Besitz, seine Reputation, seine Bekanntschaften.

Das Bild entspricht dem, wie wir uns heute in der digitalen Sphäre bewegen: Um digitale Grundbedürfnisse zu befriedigen, treten wir sozialen Netzwerken wie Facebook, Snapchat oder WhatsApp bei. Wir suchen Informationen bei Google und kaufen bei Amazon ein. Sie alle bieten uns Apps und Dienstleistungen gratis an – im Tausch für unsere Daten. Wir wissen dabei nicht, ob der Wert unserer Daten dem Wert der Dienstleistung entspricht. Aber wir haben keine Wahl, weil die großen Digitalkonzerne den Markt beherrschen. Zwar können wir die Netzwerke jederzeit verlassen oder aufhören, sie zu nutzen, müssen dann aber alles zurücklassen, was wir dort an Informationen akkumuliert haben: Kontakte, Profile, sämtliche Informationen, die wir dort einmal erzeugt haben. Wir verlieren den Zugang zu heutigen Standardplattformen für Informationen, Interaktionen und Transaktionen.

Ein solches System mit ungleicher Machtverteilung ist weder ökonomisch effizient, denn ohne einen Preis für Daten kann kein effizienter Markt entstehen. Noch ist es gerecht, denn den Milliardengewinnen der einen steht die digitale Abhängigkeit ohne Eigentumsrechte an Daten der anderen gegenüber. Und die Datenanlieferanten haben keine Transparenz, was ihre Daten eigentlich wert sind. Da unsere Daten eine wachsende Rolle für das Angebot von Dienstleistungen – von der Versicherung bis zum autonomen Fahren – spielen, ist es höchste Zeit, diesen Daten einen Wert beizumessen und die Hoheit über die Daten jenen zu überlassen, die sie bereitstellen.

Wenn politischer Wille vorhanden ist, gibt es dafür technische Lösungen: Ein Digitalpass für jede Person könnte verifizierte Teile ihrer digitalen Identität enthalten – also alle Arten von persönlichen Daten. Zugriff hat nur, wem die Person einen digitalen Schlüssel gegeben hat. Damit gewinnt sie die Souveränität über die Nutzung ihrer Daten und ihrer digitalen Identität zurück. Solche Lösungen sind als „Self Sovereign Identity System“ bekannt und auch schon punktuell implementiert. Der Digitalpass könnte Basis sein für ein System, über das man seine Daten als Leistung bereitstellt und für sie einen Wert ermittelt – wie es bei der Arbeitskraft über den Lohn bereits heute funktioniert.

Digitalkonzerne arbeiteten einem Bergwerk vergleichbar, das Daten aus dem Internet fördert und dafür „Schürfrechte“ an die Nutzer bezahlt, die wahren Dateneigner. Digitalkonzerne würden dann darum konkurrieren, wie viel Mehrwert sie auf Basis der Daten schaffen und wer entsprechend die höchsten Preise für Daten bezahlt. Da ein solches System international einheitliche Standards und Schnittstellen erfordert, könnte die EU eine Vorreiterrolle übernehmen und gleichzeitig einen einheitlichen europäischen Digitalmarkt schaffen. Sie könnte sich damit digitalen Monopolen entgegenstellen, die mitverantwortlich sind für Probleme wie Ungleichheit, Datenmissbrauch und das Untergraben demokratischer Prozesse. Wir bekämen Wahlfreiheit und die Hoheit darüber zurück, was uns im Digitalen wie im Analogen am wichtigsten ist: unsere Identität.

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