Positionen-Magazin
Pro & Con­tra

Brau­chen wir ein gene­rel­les Tem­po­li­mit auf Auto­bah­nen?

Der Abgasskandal und der weiter zu hohe CO2-Ausstoß auf deutschen Straßen haben die Diskussion um eine Geschwindigkeitsbegrenzung neu entfacht. Wäre dies das richtige Signal für mehr Klimaschutz und Verkehrssicherheit?

Die Deutsche Umwelthilfe setzt sich seit Jahren für ein generelles Tempolimit von 120 Kilometer pro Stunde auf Autobahnen und 80 Kilometer pro Stunde auf Landstraßen ein. Aus guten Gründen: Ein Tempolimit trägt zum Klimaschutz bei. Es erhöht die Verkehrssicherheit und steigert die Aufnahmekapazität der Straßen. Und es kostet den Verbraucher keinen Cent, im Gegenteil. 
Unsere Klimaschutzziele erreichen wir nur, wenn wir im Verkehrssektor endlich umsteuern. Knapp ein Fünftel der C02-Emissionen in Deutschland stammen aus dem Verkehr – dem einzigen Bereich, in dem der Ausstoß von Klimagasen seit 1990 zunimmt. Fahrzeuge verbrauchen weniger Kraftstoff bei niedrigeren Geschwindigkeiten. Mit einem Tempolimit ließen sich bis zu fünf Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Angemessene Motorisierung und Leichtbau können stärker zum Einsatz kommen, was nicht zuletzt Elektromobilität effizienter macht. Mit einem Tempolimit können Autobahnen zudem mehr Verkehr bewältigen, was zu weniger Staus und einer angenehmeren Fahrt führt.
Ein weiterer, nicht bestreitbarer Grund: Mehr als 400 Menschen sterben jährlich allein auf deutschen Autobahnen – viele bei Unfällen, die durch Raserei verursacht wurden. Jeder im Straßenverkehr ums Leben gekommene Mensch ist einer zu viel! Jedes vermeidbare Risiko sollte auch vermieden werden.
Viele Institutionen haben sich bereits für ein Tempolimit zum Schutz von Mensch und Klima ausgesprochen: Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, die Gewerkschaft der Polizei, der ökologische Verkehrsclub VCD und weitere Umweltverbände. Sie vertreten eine Mehrheit: 52 Prozent der befragten Deutschen. Der Schutz von Menschenleben und Klima muss Vorrang haben vor „freier Raserei“.

Wer diese Frage mit Nein beantwortet, steht schnell im Verdacht, ein Raser zu sein. Ignorant gegenüber den Gefahren überhöhter Geschwindigkeit und der Bedrohung unserer Umwelt. Aber was brauchen wir eigentlich, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen und die Emissionen zu senken? Das ist die Frage, die wir uns stellen sollten. 
Es mangelt den Gegnern eines Tempolimits nicht an Ernsthaftigkeit in Sachen Verkehrssicherheit und Klimaschutz. Was wir jedoch nicht sehen, ist der angeblich gewichtige Beitrag eines Tempolimits zu diesen wichtigen Themen. Im Gegenteil: Es wirkt wie die oft bemühte Gießkanne. Oder wie der Rasenmäher.
Ein generelles Tempolimit stoppt nicht den Raser, der sich heute schon nicht an Verkehrsbeschränkungen hält. Es verhindert auch Unfälle auf der Landstraße nicht, die den größten Anteil an den Verkehrs­toten ausmachen. Und es kann die CO2-Problematik des Verkehrs nicht lösen. 
Gegen den skrupellosen Raser helfen nur verstärkte Kontrollen. Für mehr Sicherheit auf Autobahnen und Landstraßen brauchen wir angepasste Reaktionsmöglichkeiten durch Wechselverkehrszeichen oder Anzeigen an Schilderbrücken: reduziertes Tempo bei Glätte, Nässe und Stau. Und wir müssen die technischen Möglichkeiten in den Autos weiterentwickeln sowie ihren Einsatz verbindlich vorschreiben: Notbrems- und Abbiegeassistenten zum Beispiel. 
In Sachen Klima- und Umweltschutz schließlich haben wir längst wirksamere Möglichkeiten gefunden, den CO2-Ausstoß zu reduzieren, intelligente Netzsteuerung für einen verbesserten Verkehrsfluss etwa. 
Mit dem Rasenmäher lässt sich das Unkraut nur zusammen mit dem Gras kürzen. Beseitigt ist es deshalb nicht.

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