Kli­ma­ver­si­che­rung für den Wald

Auf­bau Forst

Der Wald ist ein Verbündeter im Kampf gegen den Klimawandel – und zugleich sein Opfer. Für private Waldbesitzer gibt es bereits drei Möglichkeiten, sich vor Schäden zu schützen. Eine vierte wäre wünschenswert.

Das Waldstück bei Werneuchen gleicht einem Schlachtfeld. Baumstümpfe ragen aus dem Boden, Äste liegen verstreut herum wie Knochen. „Im April haben wir hier angefangen, die toten Bäume herauszuholen“, sagt Mathias Graf von Schwerin. „Den ganzen Sommer über ging es weiter.“ Er zeigt auf ein paar Fichten am Rand: „Die machen es auch nicht mehr lange.“ Schwerin läuft behände über den zerklüfteten Hügel und erzählt vom Harz: Zerstörung, soweit das Auge reicht. Mit dem Geländewagen fahren wir durch seine Wälder östlich von Berlin, um die Folgen des Klimawandels zu betrachten und über Ideen für die Zukunft zu sprechen.

Deutschland im Herbst 2019. Die Forstwirtschaft hat zwei harte Jahre hinter sich. Erst kamen die Stürme, dann folgten die Brände. In den heißen Sommern konnten sich die verdurstenden Nadelbäume nicht mehr gegen die Borkenkäfer wehren. Ihre Lebensadern wurden zerfressen, die Rinde fiel ab, sie trockneten aus. Auch Eichen, Buchen, Ahorn darbten. Rund 180.000 Hektar Wald sind derzeit irreparabel geschädigt und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Käfer sind noch da. Die Branche fordert langfristige Strategien, um die sich häufenden Dürren und ihre Folgen zu bewältigen. Mehr Forschung, die herausfindet, welche Arten den Klimaextremen trotzen können. Und mehr Forstleute, die sie pflanzen und pflegen.

Je größer der Nadelholzanteil, je trockener der Boden und je exponierter die Lage, desto höher die Prämie

Eine Versicherung gegen Klimaschäden wäre ebenfalls eine Option, sie würde Waldbesitzer im Ernstfall vor dem finanziellen Ruin schützen. Wie so etwas funktionieren könnte, darüber denken viele Menschen gerade nach.

Drei Möglichkeiten sich zu schützen gibt es schon für private Waldeigentümer: Die Waldbrandversicherung gibt es seit mehr als 150 Jahren, die Sturmversicherung wird seit dem Jahr 2000 angeboten – kurz zuvor hatte der Orkan Lothar rund 60.000 Hektar Forstfläche zerstört. Und wenn bei Forstarbeiten Schäden entstehen, wenn Bäume auf öffentliche Wege stürzen  und Menschen verletzen oder Sachen beschädigen, springt die Haftpflichtversicherung ein.

Opfer von Wind oder Flammen bekommen den Wert des zuvor lebenden Bestandes ersetzt. Zusatzpakete können abgeschlossen werden, um die Kosten für Lösch- und Abräumarbeiten sowie Aufforstung abzudecken. Eine Versicherungspflicht gibt es nicht. Die Preise variieren je nach Standort und Baumart. Vereinfacht gesagt gilt: je größer der Nadelholzanteil, je trockener die Region und je exponierter die Lage, desto höher die Prämie.

Das Interesse für eine Klimaversicherung ist da. Sie zu berechnen, ist schwierig

Seit die Sommer heißer werden und die Stürme heftiger, wächst nicht nur das Risiko für den Wald und seine Besitzer, sondern auch für die Versicherer. Die alten Schadenswahrscheinlichkeiten passen nicht mehr. „Bisher waren die Rhythmen der Stürme und Brände halbwegs verlässlich. Jetzt ist alles durcheinandergeraten“, sagt Andreas Wiese. Er ist Förster und leitet die Versicherungsstelle Deutscher Wald in Köln. Die Einrichtung wurde vom Bundesverband Deutscher Waldeigentümer und dem Versicherer Axa gegründet.

Wiese und sein Kollege Guido Stier, stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei Axa Art, sprechen häufig mit Waldbesitzern. „Viele fragen gerade nach einer Klimaversicherung“, sagt Stier. Theoretisch sei ein solches Produkt möglich. „Aber es ist schwierig zu gestalten.“ Niemand hat Erfahrungen mit dem Phänomen Klimawandel. Wie oft treten solche Schäden auf, welches Ausmaß haben sie? Womöglich treffen sie Tausende Kunden gleichzeitig. Dann müssten Versicherer gigantische Summen auszahlen. Und das hätte Auswirkungen auf die Prämienhöhe der Policen.

Im Wald von Werneuchen rollt der Wagen auf einen Streifen mit Fichten zu. Am Steuer sitzt Thomas Weber, Forstdirektor in Fürstenwalde und Vorsitzender der Waldbesitzerverbands Brandenburg. Eine Klimaversicherung fände er gut, „aber wie sollen Waldbesitzer die Prämien bezahlen?“ Er schaut auf Schwerin, der neben ihm sitzt, dieser zuckt mit den Achseln.

„Für die Kleinen ist der Wald eine Sparkasse. Wenn das Haus repariert werden muss, fällen sie ein paar Bäume“

Der Wagen hält, Schwerin geht voran in den Wald. Vertrocknete Kronen zeichnen sich stachelig vor dem dämmrigen Himmel ab. Der Waldeigentümer nimmt’s gelassen. „Fichten gehören ohnehin nicht in diese Region. Hier wachsen jetzt Laubbäume. Dort vorn kommt ein Ahorn, hier Buche und Eiche, dort eine Birke.“ Af sechs von rund 1000 Hektar, die ihm gehören, hat er Baumbestand verloren. Sein Vater war Förster, er selbst baute aus eigener Leidenschaft einen Forstbetrieb auf. Heute zählt er zu den Großen in Deutschland.

Die gut zwei Millionen Privateigentümer besitzen im Schnitt drei Hektar. „Für die Kleinen ist der Wald eine Sparkasse“, sagt Weber. „Wenn das Haus repariert werden muss oder die Kinder ein Auto brauchen, fällen sie ein paar Bäume.“ Für jene, denen mehr als 400 Hektar gehören, ist er die Existenzgrundlage. Die Ersten geben auf, stellen ihre Flächen zum Verkauf. Nach dem großen Sterben sind sie pleite und entmutigt.

Weber wendet und steuert eine Senke hinab. Viel werfe so ein Wald nicht ab, erzählt er. Zunächst müsse man pflanzen, pflegen, laufende Kosten zahlen: Grundsteuer, die Pflichtversicherung für Arbeitsunfälle und einiges mehr. Nach frühestens 30, 40 Jahren Wachstum könne die Ernte beginnen. Dann fließe ein Reinerlös von etwa 100 Euro pro Hektar und Jahr – in guten Zeiten. Ein Paket aus Brand-, Sturm- und Haftpflichtversicherung kostet einen erklecklichen Anteil davon.

Der Wald schützt unser Klima. Nur wie lässt sich der Beitrag messen?

Obendrein gibt es gesetzliche Pflichten: Privateigentümer müssen Spaziergänger in ihre Wälder lassen, die Wege sichern. Vorgeschrieben ist auch Wiederaufforstung nach Ernte, Sturm oder Brand. Macht 2000 bis 5000 Euro pro Hektar. Wer heute Wald verliert, ist zu solchen Investitionen kaum in der Lage. Das Geld, das der übersättigte Holzmarkt hergibt, reicht gerade, um die Räumung des Schadholzes zu bezahlen. Die Bundesregierung hat der Forstbranche 537 Millionen Euro Finanzhilfe versprochen, die Länder sollen die Summe auf 800 Millionen aufstocken. Das soll einen Teil der Kosten auffangen und den Umbau zu klimastabilen Laubwäldern fördern. Kurzfristig hilft die Geldspritze. Doch die Förderanträge auszufüllen sei kompliziert, sagt Weber: „30-seitige Formulare. Hier brauchen wir neue, unbürokratische Wege.“

Wälder sind eine wichtige Ressource. Neben der Grundlage für Möbel, Häuser und Papier bieten sie Lebensräume für Tiere, Pflanzen, Pilze sowie Erholung für die Menschen. Und noch etwas wird immer wichtiger: die sogenannte Ökosystemleistung. Wald und Holzprodukte binden klimaschädliches CO2. Der Wald reinigt und speichert Wasser, produziert Sauerstoff, kühlt die Atmosphäre. Er ist nicht nur Opfer des Klimawandels, sondern auch ein Verbündeter im Kampf gegen dessen Ursachen und Folgen. „Wir leisten so vieles“, sagt Weber. „Doch aus dem Holzverkauf allein können wir das nicht mehr finanzieren. Die Gesellschaft muss dies angemessen ho­norieren, nur dann sind Walderhalt und -pflege dauerhaft gesichert.“

Eine CO2-Abgabe für den Wald?

Larissa Schulz-Trieglaff, Kommunikationschefin des Bundesverbands der Waldeigentümer, hat eine konkrete Idee. Ihr Verband fordert eine Abgabe, die die Klimaschutzleistung des Waldes entlohnt. Er rechnet vor, dass das Holzwachstum auf einem Hektar fünf Tonnen CO2 pro Jahr bindet – und stellt sich dafür eine Kompensationszahlung von 25 Euro pro Tonne vor. Das Geld dafür soll aus den Emissionsabgaben kommen, die das Klimapaket der Bundesregierung vorsieht. „Eine regelmäßige Zahlung, abhängig vom Zuwachs an Holz, wäre eine enorme Entlastung.“

Michael Gaedicke vom Leitungsstab des GDV findet eine solche Lösung besser als staatlichen Einzelhilfen im Katastrophenfall. Er sähe den Wald gern gegen Klimaschäden versichert. Waldbesitzer müssten sich einen solchen Schutz aber auch leisten können. „Ein erster Schritt könnte es sein, die Versicherungssteuer für die Risiken zu senken. Einen solchen Weg beschreitet die Bundesregierung gerade beim Schutz gegen die Folgen von Dürreperioden. Möglich wäre auch ein Co-Finanzierung der Prämien nach dem Vorbild landwirtschaftlicher Versicherungen in den europäischen Nachbarstaaten.“

Es dämmert. Thomas Weber hält noch einmal an. Unter alten Kiefern drängeln sich junge Laubbäume: Eichen, Buchen, Ahorn, Birken, deren Samen von Wind und Tieren dorthin getragen wurden. So sieht der Wald aus, auf dem alle Hoffnungen ruhen.

Text: Hiltrud Bontrup

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