Positionen-Magazin
Ver­si­che­rungs­mu­seum Gotha

Am Anfang war das Feuer

Mit einer Brandschutzpolice legt Ernst Wilhelm Arnoldi 1820 den Grundstein für die moderne Assekuranz. Das Versicherungsmuseum Gotha erinnert an den Visionär – und erzählt die Geschichte einer Branche, die sich immer wieder neu erfunden hat.

Es ist eine geschönte Zahl, die dem Versicherungswesen in Deutschland zum Durchbruch verhilft. Als der Kaufmann Ernst Wilhelm Arnoldi 1820 um Kunden für seine neue Versicherung wirbt, erhält der erste nicht die Police mit der Nummer eins, sondern 101. Das Kalkül: Die Menschen sollen sich als Teil eines größeren Kollektivs wähnen. Der Trick wirkt – schon 1821 erreicht der Versicherungsbestand 13,5 Millionen Taler.

Das historische Policenbuch liegt heute im Deutschen Versicherungsmuseum Ernst Wilhelm Arnoldi in Gotha – in jener Stadt, in der der Sohn eines Kolonialwarenhändlers am 21. Mai 1778 geboren wurde und die seinem Unternehmen den Namen gab: die Gothaer Feuerversicherungsbank, Ursprung der Gothaer Versicherung. „Gotha ist eine Wiege des modernen Versicherungswesens“, sagt Horst Gröner, Vorsitzender des Fördervereins.

Seit zehn Jahren erzählt das Museum von der Historie der Versicherungen. Es ist deutschlandweit die einzige Ausstellung, die sich der gesamten Branche widmet. „Wir wollen zeigen, was Versicherungen für die Allgemeinheit bedeuten, und ihren Nutzen erlebbar machen“, sagt Horst Gröner. Tausende  Besucher kommen jedes Jahr. Hunderte historische Dokumente, Fotos und Utensilien führen die Besucher durch die Versicherungsgeschichte.

Arnoldi führt Prinzipien ein, die noch heute Standard sind

Die beginnt lange vor Arnoldi. Schon für Ende des 16. Jahrhunderts sind in Hamburg Seeversicherungsverträge dokumentiert. Etwa zur gleichen Zeit schließen sich in der Hansestadt Handwerker und Kaufleute zusammen, die sich im Brandfall gegenseitige Unterstützung zusichern. 1676 entsteht daraus die Hamburger Feuerkasse – das älteste heute noch bestehende Versicherungsunternehmen der Welt. Im 18. Jahrhundert gründen sich nach diesem Vorbild in fast allen deutschen Ländern staatliche Feuerversicherungsanstalten.

An Arnoldi kommen die Besucher im Museum nicht vorbei, was auch mit der Geschichte des Hauses zu tun hat. Bis 2006 unterhielt der Gothaer Konzern in seinem ehemaligen Verwaltungsgebäude ein eigenes Museum, mehrere Exponate sind Leihgaben von dort. Doch nicht nur deshalb sei Arnoldi so prominent vertreten, betont Gröner, auch wegen seiner Verdienste für die Assekuranz. „Er hat das Geschäft professionalisiert.“ So führt er das Prinzip der Gegenseitigkeit ein und beteiligte die Versicherten an den Gewinnen. Auch macht Arnoldi medizinische Untersuchungen zum Standard.

Arnoldi lässt als Erster Versicherungen von selbstständigen Kaufleuten verkaufen

Anders als die meisten Wettbewerber seiner Zeit beschränkt er sich nicht auf ein Gebiet, sondern strebt von Beginn an nach einer großen Präsenz im politisch zersplitterten Deutschland – schon aus Gründen der Risikostreuung. Und anders als die staatliche Konkurrenz versichert er nicht nur Gebäude, sondern zugleich das Inventar, das gerade bei Unternehmern mitunter mehr wert ist als die Gebäude selbst. Diesen Service bieten zu jener Zeit nur französische und vor allem britische Versicherer an.

Deren Dominanz ist Arnoldi wie vielen Zeitgenossen ein Dorn im Auge. Sie sind geprägt vom aufkeimenden Nationalbewusstsein nach den Napoleonischen Kriegen. Bereits 1817 notiert Arnoldi: „Wenn durch die Vereinigung aller deutschen Fabriken und Manufakturen für gemeinschaftliche Zwecke eine Versicherungsanstalt gegen Feuergefahr zustande käme, so würde der Überschuss der Prämie dem gemeinsamen Vaterland und den Fabriken unter sich durch diese Anstalt erhalten sein. Wie die Sachen gegenwärtig stehen, bleibt der Überschuss der Phönix-Assecuranz-Sozietät in London.“
Für Gröner ist Arnoldi noch aus einem anderen Grund ein Visionär. „Er war der Erste, der seine Versicherungen über Agenten verkaufen ließ.“ 250 bis 300 selbstständige Kaufleute – über alle Fürsten- und Herzogtümer verteilt – vertreiben die Policen. Arnoldi kann damit auch als Begründer des Maklerwesens gelten.

Auf Katastrophen reagieren die Versicherer mit neuen Konzepten

Arnoldis Erfolg findet viele Nachahmer, das 19. Jahrhundert ist eine Blütezeit der Branche. Viele heute noch existierende Unternehmen entstehen. Sie profitieren von einer Wirtschaft, die durch den zunehmenden Einsatz von Maschinen, den Ausbau des Schienennetzes und wegfallende Zollschranken floriert. Immer mehr Unternehmen sichern ihre Waren ab, auch das aufstrebende Bürgertum will sein Vermögen schützen. „Der Versicherungsschutz beruhigt den vorsorglichen Haus- und Familienvater, den Geschäftsmann und Grundbesitzer“, sinniert ein Zeitzeuge über die Vorteile.
Schon früh muss die Branche beweisen, dass sie ihr Leistungsversprechen hält. Eine Schautafel im Museum erinnert an den verheerenden Brand 1842 in Hamburg. Er wird für die Versicherer zum Stresstest, einige von ihnen gehen bankrott. Doch die Branche lernt daraus: Rückversicherer entstehen, und die Assekuranz engagiert sich fortan stärker in der Schadenverhütung – so wie heute noch. 

Der Förderverein hat 60 Mitglieder – die Ressourcen sind knapp

Im 20. Jahrhundert treffen Kriege und Inflation die Branche hart. Doch auch diese Krisen meistern die Versicherer. Um den Sparwillen nach der Weltwirtschaftskrise zu stärken, ersinnen sie zum Beispiel Sparuhren, die sie tausendfach unters Volk bringen und von denen einige heute im Museum stehen. Das Besondere ist ihr Aufziehmechanismus: Man muss eine Münze einwerfen, damit er nicht blockiert. „Am Monatsende kam dann der Vertreter vorbei und holte das Geld für die Versicherungsprämie ab“, erzählt Groener.
Gern würde der 75-Jährige die Ausstellung nach zehn Jahren umkrempeln, neue Inhalte ergänzen, interaktive Elemente nutzen. Für eine umfassende Neukonzeption fehlen dem Förderverein jedoch die Ressourcen. 60 Mitglieder zählt er aktuell, darunter zehn Firmenmitglieder. Gröner fände es gut, wenn sich mehr Versicherer engagieren würden. „Wir repräsentieren hier die gesamte Branche. Und dies sollte die Branche auch als gemeinsame Aufgabe verstehen.“

Text: Karsten Röbisch

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