Positionen-Magazin
Grund­fä­hig­kei­ten

Alter­na­ti­ven zur Berufs­un­fä­hig­keits­ver­si­che­rung

Wer bei der Arbeit Gefahren ausgesetzt ist, muss für Berufsunfähigkeitspolicen mehr zahlen. Viele Versicherer bieten Erwerbstätigen in Risikoberufen deshalb Grundfähigkeits-Policen an. Tatsächlich sind sie häufig eine gute Wahl.

Auf einer Baustelle ist die Arbeit gefährlich: Dachdecker können von der Gaube stürzen, Maurer auf dem Gerüst ausrutschen, Schreiner mit dem Arm in die Kreissäge geraten. Viele Arbeitsunfälle gehen zwar glimpflich aus – aber manche haben so schwere Folgen, dass die Betroffenen ihren Beruf über eine längere Zeit nicht ausüben können. 

Für solche Fälle ist es sinnvoll, vorzusorgen, zum Beispiel mit einer Berufsunfähigkeitsversicherung (BU). Sie zahlt eine monatliche Rente, wenn Betroffene länger ausfallen, ob nach einem Unfall oder aufgrund einer Erkrankung. Der Haken an der Sache: Gerade Menschen, die körperlich hart arbeiten, können sich eine Berufunfähigkeitsversicherung oft nicht leisten – oder bekommen gar keine. 


Im Vergleich zu einem Softwareentwickler oder einer Bürokauffrau haben Dachdecker, Maurer und Fliesenleger in ihrem Berufsalltag nun einmal ein deutlich höheres Risiko, sich zu verletzen. Auch Langzeiterkrankungen wie chronische Rückenleiden oder Allergien können die Arbeit in körperlich anstrengenden Berufen auf Dauer unmöglich machen. Nun sollten aber gerade solche Risikogruppen ihre Arbeitskraft gut absichern. Was also tun?

Die Versicherer haben das Schutzniveau ihrer BU-Policen erhöht

Vor allem die Premiumtarife bei den Berufsunfähigkeitspolicen mit hoher Absicherung kommen für besonders gefährdete Gruppen immer seltener infrage. „Ein umfangreicher Leistungskatalog ist von Vorteil, doch Kunden sollten bei der Produktauswahl nicht nur das Schutzniveau, sondern auch die Höhe der Berufsunfähigkeitsrente im Blick haben“, sagt Sven Rehmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). 

In den vergangenen Jahren haben nicht nur Ratingagenturen und Verbraucherschützer immer wieder auf eine Verbesserung von BU-Produkten hingewirkt, auch durch den Wettbewerb unter den Versicherern ist das Schutzniveau immer weiter gestiegen. So haben die Anbieter der Policen auf breiter Front die sogenannten Wordings nachgebessert. Während früher etwa die sogenannte „abstrakte Verweisung“ den Versicherungsschutz einschränkte – Berufstätige konnten damit gezwungen werden, auf andere, ähnliche Berufe auszuweichen, bevor die Versicherung die Berufsunfähigkeit anerkannte –, verzichten neuere Verträge regelmäßig auf diese Bestimmung. 

Auch Grundfähigkeitsversicherungen zahlen monatliche Renten aus  

Damit haben sie die Policen zwar aus Sicht der Kunden verbessert, viele sind dadurch aber auch teurer geworden. Bestimmte Risikogruppen sollten daher auch alternative Angebote in Betracht ziehen, sagt Rehmann. „Körperlich Tätige zahlen für die gleiche Rentenhöhe bei einer BU im Schnitt dreimal mehr als kaufmännisch Tätige“, bestätigt Markus Unterkofler, Head Life & Health Germany bei Swiss Re. Der Rückversicherer unterstützt Erstversicherer bei der Entwicklung von Produkten wie der sogenannten Grundfähigkeitsversicherung. Sie zahlt Versicherungsnehmern eine monatliche Rente, wenn sie bestimmte Fähigkeiten verlieren. Dazu zählen zum Beispiel das Sehen, Sprechen, Greifen oder Gehen, aber auch Autofahren, Treppensteigen und der Orientierungssinn.


Welcher Versicherungstyp passt, hängt vom Beruf ab

Grundfähigkeitspolicen würden zum Beispiel einer Physiotherapeutin eine Rente zahlen, wenn sie taub würde – bei einer BU würde er damit nicht zwangsläufig als berufsunfähig gelten, sagt GDV-Experte Rehmann. Umgekehrt zählen psychische Erkrankungen wie eine Depression nicht zum Katalog der Grundfähigkeiten. Nervenkrankheiten machen inzwischen einen großen Teil der BU-Fälle aus – und die Policen entsprechend teurer. 

Die Versicherungen sind also keineswegs deckungsgleich. Je nachdem, welche Gefahren und Risiken ein Job mit sich bringt, kann die eine oder die andere besser geeignet sein. „Mit diesem Produkt erweitern wir nicht nur mit Blick auf berufliche Risikogruppen die Grenze der Versicherbarkeit“, sagt Unterkofler von der Swiss Re. „Auch Menschen, die bereits wegen psychischer Erkrankungen behandelt werden, können die Police abschließen.“ 

Anbieter von Grundfähigkeitspolicen haben unterschiedliche Kataloge an Fähigkeiten definiert, bei deren Verlust sie zahlen. Kunden, die beim Abschluss nicht ganz gesund sind, müssen mit Einschränkungen rechnen. Bei gesunden Personen sind dem Versicherer Canada Life zufolge grundsätzlich alle Punkte des Katalogs in der Versicherung eingeschlossen – bei Personen mit Vorerkrankungen gilt dies nicht oder nur eingeschränkt. Auf Grundlage einer Risikoprüfung und von Arztberichten kann es also vorkommen, dass ein Versicherer Anträge zwar annimmt, aber Risikoausschlüsse vereinbart. Das schadet der Nachfrage nicht: Um die 20 Anbieter gibt es mittlerweile auf dem deutschen Markt, und sie haben im vergangenen Jahr einer Schätzung der Swiss Re zufolge mehr als 60.000 Verträge neu abgeschlossen. 2015 waren es gerade einmal 15.000. „In den vergangenen Jahren ist die Akzeptanz für diese neue Form der Arbeitskraftabsicherung bei den Verbrauchern enorm gestiegen“, sagt Unterkofler. 

Zahlreiche Versicherer gestalten Grundfähigkeitstarife inzwischen weniger restriktiv

Das hat verschiedene Ursachen: Zum einen lässt sich eine Grundfähigkeitsversicherung im Rahmen der betrieblichen Altersvorsorge fördern. Zum anderen sind die Kosten für diese Form der Absicherung im Vergleich zu einer Berufsunfähigkeitspolice leichter zu stemmen, selbst wenn man sie in fortgeschrittenem Alter abschließt. Außerdem gestalten zahlreiche Versicherer die Tarife mittlerweile weniger restriktiv. Während Versicherungsnehmer früher meist den Wegfall von mindestens drei Fähigkeiten belegen mussten, bevor sie eine Rente erhielten, genügt dafür inzwischen oft ein einziges Kriterium.


Heute reichen kürzere Ausfallzeiten für einen Rentenanspruch

Zudem zeichnen sich in der Branche noch weitere neue Entwicklungen ab: Viele Anbieter hätten den Deckungsumfang deutlich erweitert, berichtet der Swiss-Re-Experte. „So können Kunden nun spezielle Bausteine hinzubuchen und zum Beispiel die Fähigkeit versichern, Lkw oder Bus zu fahren“, sagt Unterkofler. Ferner würden zunehmend Möglichkeiten entwickelt, eine Leistung für den Fall der Diagnose einer schweren Depression hinzuzubuchen. Die Anbieter wollen auch am sogenannten Prognosezeitraum feilen: Bisher bekamen viele Versicherungsnehmer erst dann eine Rente, wenn sie eine Grundfähigkeit für mindestens ein Jahr verloren hatten. Nun zeichnet sich ab, dass Versicherer diese Dauer vermehrt auf sechs Monate senken wollen. Dieser Zeitraum ist auch bei der Berufsunfähigkeitsversicherung üblich. 

Und es gibt weitere Alternativen: So lässt sich ein Grundfähigkeitsschutz zum Beispiel mit einer Pflegeabsicherung kombinieren oder um einen Schwere-Krankheiten-Baustein erweitern. Diese Police, auch Dread-Disease-Versicherung genannt, zahlt eine hohe Euro-Summe als Einmalbeitrag, wenn Versicherungsnehmer schwer erkranken, etwa an Krebs, oder einen Herzinfarkt erleiden. 

Die Einmalzahlung aus der Dread-Disease-Versicherung kann Betroffenen im Krankheitsfall finanziellen Spielraum bieten, um Einkommenseinbußen auszugleichen, teure Behandlungen zu finanzieren, einen Kredit zu tilgen oder sich einfach eine Auszeit zur Erholung und Genesung zu nehmen. 

Je mehr Zusatzbausteine Versicherte zu ihrem Grundfähigkeitsschutz hinzubuchen, desto teurer wird die Police verständlicherweise auch. Manchmal nähert sich das preisliche Niveau dann dem einer Berufsunfähigkeitsversicherung an. Es lohnt sich also zu vergleichen.


Text: Kristina Wollseifen

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