Positionen-Magazin
Inter­view mit Albrecht Bro­emme, Pro­jekt­lei­ter Corona-Impf­zen­tren in Ber­lin

„Wir müs­sen stär­ker für das Imp­fen wer­ben“

Berlins Ex-Feuerwehrchef Albrecht Broemme hat einen der anspruchsvollsten Jobs des Landes: Er organisiert den Aufbau der Corona-Impfzentren in der Hauptstadt. Ein Gespräch über die schwierige Balance zwischen Sicherheit und Schnelligkeit, den Schutz der Impfzentren und die Fehler der Vergangenheit.

„Bei Stress habe ich Hunger“, sagt Albrecht Broemme und schnappt sich einen Keks. Aus einem kleinen Büro in der Friedrichstraße steuert der frühere Berliner Feuerwehrchef und THW-Präsident den Aufbau der Corona-Impfzentren in der Hauptstadt. Meist jedoch ist der 67-Jährige unterwegs. In drei Stadtteilen ist die größte Impfaktion der deutschen Geschichte bereits angelaufen, zwei Hersteller, Biontech/Pfizer und Moderna, liefern bislang das Vakzin. Erst wenn alle sechs Zentren eröffnet wurden und reibungslos laufen, ist Broemmes Aufgabe beendet. Bis Ende Februar habe er noch stramm zu tun, glaubt der Projektleiter.

Herr Broemme, wie plant man eigentlich ein Impfzentrum?
Albrecht Broemme
: Ich habe mit Legosteinen und Legomännchen ein Modell gebaut und so lange probiert, bis ich dachte: „Jetzt passt es!“ Ein auf Krankenhäuser spezialisiertes Architekturbüro hat die Pläne dann umgesetzt. Die Legoblaupause kursiert jetzt in ganz Europa. Binnen drei Wochen haben wir im Dezember 2020 sechs über die Stadt verteilte Impfzentren mit 506 Impfkabinen und 506 Registrierkabinen eingerichtet.

Jetzt haben Sie zwar eine Autobahn, aber keine Autos …
AB
: Ja, wir haben zu wenig Impfstoff, aber ich bin eigentlich ganz froh, dass wir die Zentren sukzessive eröffnen können statt alle auf einmal. Die Logistik ist in jeder Hinsicht extrem anspruchsvoll.


Was ist die größte Herausforderung?
AB
: Höchste Sicherheit und zügige Abläufe gleichzeitig zu gewährleisten. Impflinge, Ärzte und Helfer müssen die AHA-Regeln – also Abstand, Hygiene und Alltagsmaske – einhalten. Es soll sich ja niemand mit Corona anstecken. Gleichzeitig müssen die Wege von der Eingangskontrolle zur Anmeldung und zur Impfkabine kurz sein, weil die Termine im Fünf-Minuten-Takt vergeben werden. Der ganze Prozess inklusive der empfohlenen 30-minütigen Beobachtung soll nicht länger als eine Stunde dauern. Wir brauchen zudem ein exzellentes Verkehrskonzept mit Taxi-Shuttles für die älteren Menschen und Zubringerbussen von den U- und S-Bahnen. Wenn alles läuft, können wir in den sechs Impfzentren 20.000 Menschen pro Tag impfen. In den ersten drei Monaten könnten wir 450.000 immunisieren.

Bei knapp 3,8 Millionen Einwohnern brauchen die Impfwilligen dann aber einen langen Atem ...
AB
: Seit 27. Dezember sind ja auch die 60 mobilen Impfteams in den Alten- und Pflegeheimen unterwegs. So will es die Priorisierung in der Impfverordnung, und das dauert. Und noch ist das Vakzin leider knapp. Mich interessiert aber weniger, wer was angeblich falsch gemacht hat. Ich konzentriere mich darauf, wie wir zügig die Herdenimmunität erreichen, also etwa zwei Drittel der Bevölkerung impfen. Diesen Wettbewerb unter den Bundesländern würde ich gern gewinnen.

Tauschen Sie sich mit Ihren Kollegen in anderen Bundesländern aus?
AB:
Nein, dafür ist leider keine Zeit. Das Prinzip ist aber überall ähnlich. Viele Fachleute haben sich in Berlin über den Bau des Corona-Behandlungszentrums informiert. Jedes Bundesland muss dann selbst entscheiden, welchen Weg es gehen will. Hamburg zum Beispiel hat in den Messehallen nur ein einziges Impfzentrum für gut 1,8 Millionen Einwohner eingerichtet. Ob es klug ist, gerade ältere Leute durch die ganze Stadt fahren zu lassen, weiß ich nicht. Berlin hat mehrere Zentren überwiegend gut erreichbar um den S-Bahn-Ring verteilt.

Wie könnte man mit Augenmaß Tempo machen?
AB:
Wir müssen stärker für das Impfen werben. Außerdem erwarte ich, dass die Liefermengen steigen und die teils sehr hohen Verarbeitungsanforderungen bei den Vakzinen sinken. Dann könnte auch in Arztpraxen geimpft werden und wir könnten in vier bis sechs Wochen sogar vor der Herausforderung stehen, dass wir zu viel Impfstoff haben und die Logistik nicht Schritt hält.


Der Impfstoff von Biontech muss bei minus 75 Grad gekühlt werden. Wie stellen Sie die Kühlkette sicher?
AB
: Die Ware wird zunächst in Kühltransportern beziehungsweise Trockeneisboxen mit Temperatursensoren vom Werk in Belgien nach Deutschland gebracht und dann in ein Speziallager in Berlin. Dort wird der Tagesbedarf kontrolliert aufgetaut, bevor man ihn in die Impfzentren bringt, wo er in einem Kühlschrank lagert. Wurde die Temperatur überschritten, muss man den Stoff aussondern.

Das Vakzin ist eine kostbare Ware. Wie werden der Transport und die Impfzentren gesichert?
AB
: Den Transport überwacht die Polizei. Das Übelste wäre, wenn Erpresser einen Karton gegen Plagiate austauschen würden. In Deutschland ist das noch nicht vorgekommen, aber Interpol warnt schon davor. Vor Ort arbeiten wir nach dem Zwiebelprinzip: Vor dem Zentrum ist die Berliner Polizei zuständig, am Eingang stehen private Wachdienste. Und auch innen haben wir Ordnungskräfte.

Wie genau läuft der Impfprozess ab?
AB:
Aktuell bekommen wir jeden Morgen je 500 Fläschchen in einem – wie ich ihn nenne – Pizzakarton geliefert. Diese lagern wir in einem temperaturüberwachten Arzneimittelkühlschrank. Zur Sicherheit gibt es immer zwei davon. Speziell geschulte Pharmazeutisch-technische Assistenten verdünnen den Impfstoff mit Kochsalzlösung und ziehen ihn auf fünf bis sechs Spritzen auf. Die Spritzen müssen dann 15 Minuten per Hand hin und her bewegt werden. Ich würde irre werden bei dieser Fummelarbeit. Sobald die Fläschchen angestochen wurden, läuft die Uhr. Man hat maximal 120 Minuten Zeit, um sie zu verimpfen, davon gehen 20 Minuten allein für die Vorbereitung drauf.


Es heißt, manche Ampullen landen im Müll …
AB
: Ja, das stimmt. Der Arzt muss die auf der Verpackung notierte Uhrzeit kontrollieren. Sind die zwei Stunden überschritten, ist die Spritze unbrauchbar. Das kommt selten vor, aber es wurden auch schon mal vorbereitete Spritzen im Regal liegen gelassen. 

Haben Sie in den Berliner Impfzentren schon Nebenwirkungen registriert?
AB:
Eine heftige Impfreaktion gab es bislang noch nicht. Ich bin auch schon geimpft worden und habe nichts gespürt. Da bekommt höchstens mal jemand einen halben Herzinfarkt vor lauter Aufregung.

Welche Bedrohung geht von radikalen Impfgegnern aus?
AB
: Wenn etwas passieren sollte, etwa ein Brandanschlag oder Vandalismus, dann haftet die Stadt. Es gibt keine Versicherung für die Impfzentren.

Sollte es eine Impfpflicht geben?
AB
: Nein, auch keine Sonderrechte für Geimpfte und keine Nachteile für Nicht-Geimpfte.

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie gibt es gefühlt 83 Millionen Virologen in Deutschland. Was nervt Sie am meisten?
AB
: Da können die Virologen mal sehen, wie sich sonst Fußballtrainer fühlen. Am meisten nervt mich, dass wir trotz der globalen Vernetzung nicht vom Ausland lernen. Ein Blick nach China oder nach Israel hätte gereicht, um klar zu sehen, dass eine zweite schlimme Welle kommen wird. In Deutschland haben aber viele Fachleute schon im Sommer geglaubt, die Pandemie sei beendet.


Sind Sie persönlich vor Schadenersatzforderungen geschützt? 
AB:
Ich habe mir in meinem Vertrag eine Haftungsfreistellung ausbedungen. Das zu verhandeln hat länger gedauert als der Bau des Corona-Behandlungszentrums.

Die Kanzlerin hat auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle den Satz geprägt: „Wir schaffen das.“ Wie ist es jetzt in der Pandemie? Schaffen wir das?
AB:
Ja, wir schaffen das. Doch der Preis wird hoch sein, vor allem die Zahl der Toten. Ich bin gespannt, ob man Lehren aus der Krise zieht oder sich alle nur auf die Schulter klopfen, wie toll sie die Corona-Pandemie gemeistert haben. Im Katastrophenschutz, etwa bei Brand oder Hochwasser, spart ein Euro für die Prävention acht bis zehn Euro im Schadensfall. Ein Euro investiert in Pandemievorsorge hätte vermutlich 100.000 Euro bei den Schäden gespart. Hätten wir im März ausreichend Masken gehabt und die Maskenpflicht sofort eingeführt, hätte es längst nicht so viele Infektionen gegeben.

Interview: Eli Hamacher


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