Positionen-Magazin
Inter­view mit Albrecht Bro­emme, Pro­jekt­lei­ter Corona-Impf­zen­tren in Ber­lin

„Wir müs­sen stär­ker für das Imp­fen wer­ben“

Berlins Ex-Feuerwehrchef Albrecht Broemme hat einen der anspruchsvollsten Jobs des Landes: Er organisiert den Aufbau der Corona-Impfzentren in der Hauptstadt. Ein Gespräch über die schwierige Balance zwischen Sicherheit und Schnelligkeit, den Schutz der Impfzentren und die Fehler der Vergangenheit.

Albrecht Broemme schnappt sich einen Keks. „Bei Stress habe ich Hunger“, sagt er. Aus einem kleinen Büro in der Friedrichstraße steuert der frühere Berliner Feuerwehrchef und THW-Präsident den Aufbau der Corona-Impfzentren in der Hauptstadt. Meist jedoch ist der 67-Jährige unterwegs. An fünf Berliner Standorten ist die größte Impfaktion der deutschen Geschichte bereits angelaufen, zwei Hersteller, Biontech/Pfizer und Moderna, liefern bislang das Vakzin. Erst wenn alle sechs Zentren eröffnet wurden und reibungslos laufen, ist Broemmes Aufgabe beendet. Bis Ende April habe er noch stramm zu tun, glaubt der Projektleiter.

Herr Broemme, wie plant man eigentlich ein Impfzentrum?
Albrecht Broemme
: Ich habe mit Legosteinen und Legomännchen ein Modell gebaut und so lange probiert, bis ich dachte: „Jetzt passt es!“ Ein auf Krankenhäuser spezialisiertes Architekturbüro hat die Pläne dann umgesetzt. Die Legoblaupause kursiert jetzt in ganz Europa. Binnen drei Wochen haben wir im Dezember 2020 sechs über die Stadt verteilte Impfzentren mit 506 Impfkabinen und 506 Registrierkabinen eingerichtet.

Jetzt haben Sie zwar eine Autobahn, aber keine Autos …
AB
: Ja, wir haben zu wenig Impfstoff, aber ich bin eigentlich ganz froh, dass wir die Zentren sukzessive eröffnen können statt alle auf einmal. Die Logistik ist in jeder Hinsicht extrem anspruchsvoll.


Was ist die größte Herausforderung?
AB
: Höchste Sicherheit und zügige Abläufe gleichzeitig zu gewährleisten. Impflinge, Ärzte und Helfer müssen die AHA-Regeln – also Abstand, Hygiene und Alltagsmaske – einhalten. Es soll sich ja niemand mit Corona anstecken. Gleichzeitig müssen die Wege von der Eingangskontrolle zur Anmeldung und zur Impfkabine kurz sein, weil die Termine im Fünf-Minuten-Takt vergeben werden. Der ganze Prozess inklusive der empfohlenen 30-minütigen Beobachtung soll nicht länger als eine Stunde dauern. 

Was ist mit der Transportlogistik?
AB:
Wir brauchten ein exzellentes Verkehrskonzept mit Taxi-Shuttles für die älteren Menschen und Zubringerbussen von den U- und S-Bahnen. Wenn alles läuft, können wir in den sechs Impfzentren insgesamt 20.000 Menschen pro Tag impfen. In den ersten drei Monaten wollten wir eigentlich 450.000 immunisieren, wegen des Impfstoffmangels schaffen wir aber leider nur knapp die Hälfte.

Bei fast 3,8 Millionen Einwohnern brauchen die Impfwilligen dann aber einen langen Atem ...
AB
: Seit 27. Dezember sind ja auch die 60 mobilen Impfteams in den Alten- und Pflegeheimen unterwegs. So will es die Priorisierung in der Impfverordnung – und das dauert. Und noch ist das Vakzin leider knapp. Mich interessiert aber weniger, wer was angeblich falsch gemacht hat. Ich konzentriere mich darauf, wie wir zügig die Herdenimmunität erreichen, also etwa zwei Drittel der Bevölkerung impfen. Diesen Wettbewerb unter den Bundesländern würde ich gern gewinnen.

Tauschen Sie sich mit Ihren Kollegen in anderen Bundesländern aus?
AB:
Nein, dafür ist leider keine Zeit. Das Prinzip ist aber überall ähnlich. Viele Fachleute haben sich in Berlin über den Bau des Corona-Behandlungszentrums informiert. Jedes Bundesland muss dann selbst entscheiden, welchen Weg es gehen will. Hamburg zum Beispiel hat in den Messehallen nur ein einziges Impfzentrum für gut 1,8 Millionen Einwohner eingerichtet. Ob es klug ist, gerade ältere Leute durch die ganze Stadt fahren zu lassen, weiß ich nicht. Berlin hat mehrere Zentren überwiegend gut erreichbar um den S-Bahn-Ring verteilt.

Berlins erstes Impfzentrum öffnete Ende 2020. Was hat man seither gelernt?
AB:
Die größten Sorgen bereiten uns die Mutationen. Ein  Ausbruch der Pandemie in einem der Impfzentren wäre der GAU. Wir müssen deshalb stärker vorbeugen. Nach den Pharmazeutisch-technischen Assistenten testen sich jetzt auch die Ärzte und das Betriebspersonal täglich. Da helfen auch die Selbsttests.

Wie könnte man mit Augenmaß Tempo machen?
AB:
Wir müssen stärker für das Impfen werben. Außerdem erwarte ich, dass die Liefermengen steigen und die teils sehr hohen Verarbeitungsanforderungen bei den Vakzinen sinken. Demnächst kann deshalb auch in Arztpraxen geimpft werden. Im zweiten Quartal werden wir hoffentlich so viel Impfstoff haben, dass die Logistik Mühe haben wird, Schritt zu halten. 

Wie stellen Sie sicher, dass Sie Herr der Lage bleiben und kein neuer Engpass oder weitere Verzögerungen drohen?
AB:
In den großen Impfzentren haben wir die Flächen, auf denen die Spritzen aufbereitet werden, verdoppelt. Außerdem werden wir die Dienstzeiten in den Zentren um 50 Prozent erhöhen.

Der Impfstoff von Biontech muss bei minus 75 Grad gekühlt werden. Wie stellen Sie die Kühlkette sicher?
AB
: Die Ware wird in Kühltransportern beziehungsweise Trockeneisboxen mit Temperatursensoren vom Werk in Belgien nach Deutschland gebracht und dann in ein Speziallager in Berlin. Dort wird der Tagesbedarf kontrolliert aufgetaut, bevor man ihn in die Impfzentren bringt, wo er in einem Kühlschrank lagert. Würde die Temperatur überschritten, müsste man den Stoff aussondern.

Sorgen bereitet aktuell das Vakzin von AstraZeneca. Es heißt, viele Impflinge nähmen ihre Termine nicht wahr, weil sie dem Impfstoff nicht vertrauen.
AB: Wir haben in Berlin eine sehr hohe Impfbereitschaft. Nur etwa zwei bis drei Prozent kommen nicht, ohne abzusagen, weil sie zum Beispiel kurzfristig erkranken. Je nach Verfügbarkeit des AstraZeneca-Impfstoffs müssen zügig die nächsten Impfgruppen zugelassen werden.

Es gibt vermehrt Berichte über Impfmissbrauch. Drängeln sich Menschen vor, die noch gar nicht an der Reihe sind? 
AB
: Es ist ein Trugschluss, dass abends immer noch zahlreiche Impfungen übrig sind. Und wenn etwas übrig bleibt, gibt es klare Regeln. Dann werden zum Beispiel vor Ort Mitarbeiter der Impfzentren, der Feuerwehr oder Polizisten geimpft. In Berlin gibt es keinen Missbrauch in großem Stil.

Das Vakzin ist eine kostbare Ware. Wie werden der Transport und die Impfzentren gesichert?
AB:
Den Transport überwacht die Polizei. Das Übelste wäre, wenn Erpresser einen Karton gegen Plagiate austauschen würden. In Deutschland ist das noch nicht vorgekommen, aber Interpol warnt schon davor. Vor Ort arbeiten wir nach dem Zwiebelprinzip: Vor dem Zentrum ist die Berliner Polizei zuständig, am Eingang stehen private Wachdienste. Und auch innen haben wir Ordnungskräfte. 

Wie genau läuft der Impfprozess ab?
AB:
Aktuell bekommen wir jeden Abend bis zu 400 Fläschchen in einem – wie ich ihn nenne – Pizzakarton geliefert. Diese lagern wir in einem temperaturüberwachten Arzneimittelkühlschrank. Zur Sicherheit gibt es immer zwei davon. Speziell geschulte Pharmazeutisch-technische Assistenten verdünnen den Impfstoff mit Kochsalzlösung und ziehen ihn auf fünf bis sechs Spritzen auf. Die Spritzen müssen dann 15 Minuten per Hand hin und her bewegt werden. Ich würde irre werden bei dieser Fummelarbeit. Sobald die Fläschchen angestochen wurden, läuft die Uhr. Man hat maximal 120 Minuten Zeit, um sie zu verimpfen, davon gehen 20 Minuten allein für die Vorbereitung drauf.

Es heißt, manche Ampullen landen im Müll.
AB
: Ja, das stimmt. Der Arzt muss die auf der Verpackung notierte Uhrzeit kontrollieren. Sind die zwei Stunden überschritten, ist die Spritze unbrauchbar. Das kommt selten vor, aber es wurden auch schon mal vorbereitete Spritzen im Regal liegen gelassen. 

Haben Sie in den Berliner Impfzentren schon Nebenwirkungen registriert?
AB:
Eine heftige Impfreaktion gab es bislang noch nicht. Ich bin auch schon geimpft worden und habe nichts gespürt. Da bekommt höchstens mal jemand einen halben Herzinfarkt vor lauter Aufregung.

Welche Bedrohung geht von radikalen Impfgegnern aus?
AB
: Wenn etwas passieren sollte, etwa ein Brandanschlag oder Vandalismus, dann haftet die Stadt. Es gibt keine Versicherung für die Impfzentren in Berlin.

Sollte es eine Impfpflicht geben?
AB
: Nein, und auch keine Sonderrechte für Geimpfte und keine Nachteile für Nicht-Geimpfte. Ich rechne aber fest damit, dass etwa Hotels oder Veranstalter künftig die Vorlage des Impfausweises fordern werden. In Israel beispielsweise werden Geimpfte schon jetzt bevorzugt.

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie gibt es gefühlt 83 Millionen Virologen in Deutschland. Was nervt Sie am meisten?
AB
: Am meisten nervt mich, dass wir trotz der globalen Vernetzung nicht vom Ausland lernen. Ein Blick nach China oder nach Israel hätte gereicht, um klar zu sehen, dass eine zweite schlimme Welle kommen wird. In Deutschland haben aber selbst viele Fachleute schon im Sommer geglaubt, die Pandemie sei beendet.

Sind Sie persönlich vor Schadenersatzforderungen geschützt? 
AB:
Ich habe mir in meinem Vertrag eine Haftungsfreistellung ausbedungen. Das zu verhandeln hat länger gedauert als der Bau des Corona-Behandlungszentrums.

Die Kanzlerin hat auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle den Satz geprägt: „Wir schaffen das.“ Wie ist es jetzt in der Pandemie? Schaffen wir das?
AB:
 Ja, wir schaffen das. Doch der Preis wird hoch sein, vor allem die Zahl der Toten. Ich bin gespannt, ob man Lehren aus der Krise ziehen wird oder ob sich alle nur auf die Schulter klopfen, wie toll sie die Pandemie gemeistert haben. Im Katastrophenschutz, etwa bei Brand oder Hochwasser, spart ein Euro für die Prävention acht bis zehn Euro im Schadenfall. Jeder in die Pandemievorsorge investierte Euro hätte vermutlich 100.000 Euro bei den Kosten gespart.

Interview: Eli Hamacher


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