Positionen-Magazin
Inter­view mit Chri­stoph Bals von Ger­man­watch

„Neue Stufe zün­den“

Trotz Erfolgen auf der Bonner Klimakonferenz: Mehr politischer Wille sei nötig, um den Klimaschutz wirklich voranzubringen, sagt Christoph Bals von der Umweltorganisation Germanwatch.

Herr Bals, in Bonn tagte kürzlich die UN-Weltklimakonferenz. Sind wir beim Kampf gegen die Erderwärmung vorangekommen?
Christoph Bals: Es wurden, wie geplant, wichtige Beschlüsse für nächstes Jahr vorbereitet. So sollen nun zwischen 2018 und 2020 die nationalen Klimaziele nachgebessert werden. Auch wurde die Einigung auf technische Standards vorbereitet, wie Klimaschutz und Klimafinanzierung gemessen werden können. Positiv war auch, dass 20 Staaten angekündigt haben, kurzfristig ganz aus der Kohleenergie auszusteigen. Allerdings muss in den nächsten zwölf Monaten viel an politischem Willen entstehen, damit tatsächlich mehr Klimaschutz beschlossen und umgesetzt wird.

Woran hapert es?
CB: Die erneuerbaren Energien werden ein Stück weit Opfer ihres eigenen Erfolgs: 2016 wurde so viel und kostengünstig Wind- und Solarenergiekapazität installiert wie noch nie zuvor. Das hat auch die Preise für Öl, Kohle und Gas unter Druck gesetzt – sie werden wohl kaum wieder kräftig steigen. Um den Klimaschutz voranzubringen, muss daher jetzt eine neue Stufe gezündet werden: In möglichst vielen G20-Staaten brauchen wir einen investitionsrelevanten Preis für den Ausstoß von Klimagasen, der die wirklichen Kosten fossiler Brennstoffe widerspiegelt.

Viele Versicherungsunternehmen bekennen sich zum Klimaschutz. Gehört die Assekuranz zu den Vorreitern beim Kampf gegen die Erderwärmung?
CB: Die Bilanz ist gemischt. Einige Unternehmen berücksichtigen bei der Anlage ihres Kapitals inzwischen auch Klima-Gesichtspunkte. Andere bringen wichtige Versicherungslösungen für Entwicklungsländer voran. Aber etwa in Sachen Staatsanleihen, wo der Großteil des Geldes liegt, gibt es noch keine Strategie. Und auch noch kaum für das Versicherungsgeschäft selbst.

Was kann denn die Branche noch tun, um das Ziel zu erreichen, die Erderwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius zu begrenzen?
CB: Sie muss sich die Frage stellen: Was heißt Klimaschutz für das eigene Geschäft? Dazu gehört zum Beispiel, erschwingliche Versicherungsangebote für Sonnen- und Windstrom-Anlagen in Schwellenländern zu entwickeln. Oder dass die Branche künftig keine neuen Kohlekraftwerke oder Teersandpipelines mehr versichert.

Man begibt sich aber damit auf ein gefährliches Terrain: Wenn Versicherer aus politischen Gründen Policen verweigern, fordert das den gesamten Rechtsrahmen einer Demokratie heraus. Diskriminierungen auch in vielen anderen Bereichen wären Tür und Tor geöffnet.
CB: ​​​​​​​Seit das Pariser Klimaabkommen im Jahr 2016 als völkerrechtlicher Vertrag in Kraft getreten ist, sieht das anders aus. Eines der drei Ziele des Abkommens ist es, die privaten Geldströme so umzulenken, dass die Klimaerwärmung auf deutlich weniger als zwei Grad Celsius zu begrenzen ist. Das bindet natürlich vorrangig die jeweiligen Regierungen, die entsprechende Rechtsrahmen verabschieden müssen. Aber mittelbar bindet es auch jetzt schon Wirtschaft und Unternehmen, diese völkerrechtlichen Ziele nicht zu unterlaufen.

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