Positionen-Magazin
„Du lebst 7 Jahre län­ger, als du denkst"

„Für Angst bin ich zu alt“

Mit 63 Jahren hat Richard Meier zum ersten Mal gegründet. Bastian Karweg ist zwar erst 31 Jahre jung, hat aber bereits vier Unternehmen an den Start gebracht. Womit sich die Frage stellt: Wer von den beiden ist hier eigentlich der alte Hase? Und was können die beiden voneinander lernen?

Herr Meier, hätten Sie früher gedacht, Sie werden noch mal Gründer und damit Unternehmer?
Richard Meier: Nein, ich wollte mit 55 Jahren in Pension gehen und nur noch reisen. Aber erst kam die Professur dazwischen und dann Neptutherm. Deshalb verstehe ich Leute nicht, die sagen, im Alter kann man nix mehr lernen. Ich kann im Alter am allerbesten lernen.

Wann sind Sie über diese Seegraskugeln gestolpert und auf die Idee gekommen, einen Dämmstoff daraus zu machen?
RM: Das muss vor etwa 40 Jahren beim Windsurfen gewesen sein. 2006 dann beim Kitesurfen saßen wir in Spanien und warteten auf Wind. Da kam der berühmte Spruch von meiner Frau: „He, Professor, könnte man da nicht einen wunderbaren Dämmstoff draus machen?“

Ein Dämmstoff, der es inzwischen selbst bis ins Kinderfernsehen der „Sendung mit der Maus“ geschafft hat.
RM: Darauf bin ich besonders stolz.

Bastian Karweg: Bei Ihnen ist es ein bisschen wie bei Bionade: Sie haben eine Story. Sie entdecken etwas Neues, was die anderen nicht gesehen oder erkannt haben. Und man versteht das Produkt sofort, einfach das Feuerzeug dranhalten: „Aha, ein Dämmstoff aus der Natur, der nicht brennt.“ Neptutherm könnte die Bionade unter den Baustoffen werden.

Hätten Sie so was auch gern im Angebot, Herr Karweg, simple Produkte mit guter Story?
BK: Das wäre schön, doch Echobot ist nicht so einfach zu erklären. Wir sammeln Informationen im Netz, die unseren Kunden nützlich sind, und verknüpfen sie dann zum Beispiel mit Informationen über Kunden oder Lieferanten. Mit Informationsanalyse kommen Sie nicht unbedingt in die „Sendung mit der Maus“.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie sich als Unternehmer und nicht als Angestellter auf die unendlichen Möglichkeiten im Internet einlassen wollen?
BK: Schon als Schüler und Student habe ich lieber gearbeitet, als zu lernen. Das Web hat mich immer fasziniert. Ich war zwar auch mal angestellt, hatte aber auch dort ungewöhnlich viele Freiheiten, sonst hätte ich das nicht gemacht.

RM: In Ihrem Alter hätte ich noch gar keine Idee gehabt, mit welcher Idee ich gründen könnte.

BK: Die besten Ideen entstehen aus dem eigenen Bedarf. Als leidenschaftlicher Zocker habe ich mir zu Schulzeiten überlegt, wie kommst du eigentlich möglichst günstig an Computer- und Videospiele? Deshalb habe ich dann eine Webseite für Computerspiel-Rezensionen gestartet. Mit dem Erfolg kamen die Spiele, die ich testen sollte, bald kistenweise. Also habe ich meine Kumpels eingespannt, und schwupps habe ich 20 Leute gemanagt. Dieses Geschäft lief während Schule und Studium, bis ich die Firma verkauft habe.

RM: Ich bin eher ein Spätberufener, habe meinen FH-Abschluss als Architekt mit 29 Jahren gemacht. Im Berufsleben in der Karlsruher Baubehörde hab ich dann gemerkt, was einem ohne Uni-Abschluss fehlt. Ich bin dann 1989 wieder Student geworden und hab mit 45 mein Architektendiplom gemacht. Erst als ich eigentlich schon fast in Rente war, kam das Seegras.

Warum haben Sie sich darauf eingelassen?
RM: Im Leben habe ich so einiges ausprobiert, war zwischendurch Skilehrer und Taxifahrer. Dazu kommt ein technisches Interesse: Als das mit den Computern losging, habe ich Netze eingerichtet und bald im Amt alle Programme bedienen können. Von daher würde ich sagen: Neugier und praktisches Talent. Das kommt mir heute noch zugute, wenn ich mein Unternehmen weitgehend im Alleingang organisiere.

Was ist Ihr Antrieb, Herr Karweg?
BK: Eine gesunde Unzufriedenheit mit dem Status quo. Wie damals bei den Videospielen. Ich hätte ja auch meine Mutter anbetteln können. Stattdessen habe ich mir überlegt, wie ich an mehr Spiele kommen könnte. So hat sich das bis heute fortgesetzt. Viel hängt ja davon ab, in welche Zeit man reingeboren wird. Zehn Jahre früher hätte ich vielleicht eine Softwarefirma gegründet, jetzt ist es eben eine Internetfirma geworden. Dazu kommt der Reiz, Technik auf Bereiche zu übertragen, in denen es noch keiner ausprobiert hat.

Können Sie sich vorstellen, so wie Herr Meier 15 Jahre bei einer Behörde zu arbeiten?
BK: Eher nicht. Da muss man so früh aufstehen.

RM: Die Behörde war deshalb gut, weil die Arbeit gut war. Ich konnte dort Projekte machen, die manche Architekten im Leben nicht verwirklichen. Ich möchte die Zeit nicht missen. Außerdem habe ich vorher am eigenen Leib erfahren, wie es ist, entlassen zu werden – da lernt man die Sicherheit einer Behörde zu schätzen.

Wer gründet, riskiert zu scheitern. Hat Sie das nicht abgehalten?
RM: Nein, dadurch, dass ich erst so spät angefangen habe, hatte ich davor keine Angst. Der Druck vom Beruf und der Familie war ja weg. Außerdem konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass ein solches Produkt keinen Erfolg haben würde.

BK: Jeder scheitert, zumindest im Kleinen. Wir mussten bei einer meiner Firmen zweimal das ganze Geschäftsmodell neu justieren, weil es einfach nicht funktioniert hat. Das Scheitern wird bei uns eigentlich ganz falsch behandelt. In den USA haben es Investoren lieber, wenn ein Unternehmer schon mal mit anderer Leute Geld vor die Wand gefahren ist. Die denken: Dabei hat er was gelernt, und ich musste das Lehrgeld nicht bezahlen.

RM: Ich habe im Leben fast alles richtig gemacht – außer bei meiner Altersvorsorge. Da könnte ich jetzt mehr brauchen. Ich habe die Investitionen unterschätzt, die notwendig sind, um ein Produkt wie Neptutherm an den Markt zu bringen.

BK: Das ist der Vorteil des Internets. Wir haben keine Anlagen, keine Güter, keine unfertigen Erzeugnisse, keine Transportwege.

RM: Bei Dämmstoffen ist alles unendlich kompliziert, alles muss erst behördlich zugelassen werden. Und die Behörden sind echt schwerfällig. Seit 2006 hat mich die Markteinführung von Neptutherm etwa 800.000 Euro gekostet. Zum Glück gab es auch einige Preise und Fördergelder.

Haben Sie Existenzängste deshalb?
RM: Nein, das kann man nicht sagen. Ich hab ja keine Angestellten und kann jederzeit aufhören. Letzten Sommer war ich kurz davor. Ich kann es nicht fassen, dass eine Faser, die nicht brennt und beste Dämmeigenschaften hat, mir nicht aus der Hand gerissen wird. Aber in einem Markt wie der Bauwirtschaft gibt es eben mächtige Interessen.

Sie stoßen dauernd an Wände?
RM: Zumindest sehe ich mit einer gewissen Wehmut, dass im Internet mit den jungen Gründern eine ganz andere Dynamik steckt. In meinem Alter bekomme ich ja nicht mal mehr einen Kredit von der Bank. Unternehmerisch bin ich halt ’ne One-Man-Show mit wenig unternehmerischem Vorwissen – jemand, der das meiste aus dem Bauch heraus macht.

Welche Rolle spielt das Bauchgefühl?
BK: Ohne geht es nicht – und besonders schön ist es, wenn es sich durch Erfolg bestätigt. Allerdings habe ich aus meinen ersten Firmen ein paar Lehren gezogen. Die wichtigste: Ich gründe nicht mehr allein. Man muss zusammen jubeln und zusammen weinen können.

RM: Ein bisschen neidisch werde ich schon auf Ihre Jugend: Sie finden natürlich wesentlich leichter Partner.

Mir fällt das deutlich schwerer, dabei wäre ja so viel Kompetenz gerade unter den Älteren auf dem Markt. Damit könnte man Neptutherm echt vorantreiben. Zum Glück habe ich für eine Produktidee aus dem Seegras jetzt einen Unternehmer gefunden, der hat eine passende Produktionsanlage. Und einen Hersteller für ökologische Bindemittel. Zusammen wären wir ein Klub der älteren Herren: Wir drei sind jetzt 68, 65 und 61 Jahre alt – ein hoffentlich unschlagbares Team. So etwas hatte ich mir von Anfang an gewünscht.

Interview: Benno Stieber
Fotos: Jörg Enberl

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