Positionen-Magazin
Inter­view Dirk Jarg­storff, Bosch-Pen­si­ons­fonds

„Die kapi­tal­ge­deckte Vor­sorge stär­ken“

Der Pensionsfonds des Technologiekonzerns Bosch ist eines der größten betrieblichen Altersversorgungssysteme des Landes. Leiter Dirk Jargstorff erläutert seine Anlagestrategie und wie eine nachhaltige Reform des Rentensystems aussehen könnte.

Deutschland diskutiert über die Zukunft der Altersvorsorge und über die Riester-Rente. Doch anders als im Koalitionsvertrag vereinbart wird es in dieser Regierungszeit wohl nichts mehr mit einer grundlegenden Reform. Während die Union das bestehende Drei-Säulen-Modell aus gesetzlicher Rente, betrieblicher und privater Vorsorge reformieren will, möchten viele Sozialdemokraten es am liebsten noch stärker auf die gesetzliche Rente zuschneiden. Und von den Freien Demokraten kommt die Forderung, einen Staatsfonds nach schwedischem Vorbild einzuführen. Dirk Jargstorff hat dazu eine klare Meinung – und die nötige Erfahrung. Seit vielen Jahren leitet er den Bosch-Pensionsfonds, eines der größten betrieblichen Altersversorgungssysteme des Landes. Der 51-Jährige plädiert dafür, grundsätzlich am bestehenden System festzuhalten, aber die kapitalgedeckte Vorsorge zu stärken.

Herr Jargstorff, wenn Sie die langfristige Zinsentwicklung betrachten, bricht bei Ihnen dann Euphorie aus oder Panik?
Dirk Jargstorff:
Weder noch. Euphorisch kann man sicher nicht sein. Panisch sind wir aber auch nicht. 

Ein sinkendes Zinsniveau hat ja auch seine gute Seite: Vorhandene Kapitalanlagen profitieren durch den Kurszuwachs an den Börsen. Umgekehrt wird es langfristig immer schwieriger, gute Renditen zu erwirtschaften.
DJ:
Das stimmt. Zuletzt hatten wir eine erfreuliche Entwicklung, auch die Performance über die gesamte Laufzeit unseres Pensionsfonds ist sehr ansehnlich. Wir sehen aber durchaus die Folgen der Dauerniedrigzinsphase. Wir investieren längst nicht mehr nur in festverzinsliche Wertpapiere, sondern bewegen uns breit auf dem Kapitalmarkt, wo sich weiterhin gute Chancen ergeben.

Über viele Jahre verzeichnete der Fonds eine hohe durchschnittliche Verzinsung. Schaffen Sie das unter den aktuellen Bedingungen immer noch? 
DJ:
2020 war die Verzinsung natürlich etwas schwächer, aber auch durch die Höherbewertung einzelner Anlagen haben wir unter dem Strich nicht schlechter als in den Vorjahren abgeschnitten.

Wenn aber die höher verzinsten Papiere aus früheren Jahren auslaufen, gerät die durchschnittliche Verzinsung unter Druck.
DJ:
Es wird sicher schwieriger. Gleichwohl kann man in den chancenorientierten Anlageklassen immer noch ordentliche Renditen erwirtschaften. Damit sich die betriebliche Altersversorgung heute lohnt, muss man sich breiter aufstellen und sich viel intensiver mit der Kapitalanlage beschäftigen, als es früher der Fall war. Wir haben dazu in den vergangenen 20 Jahren unsere Altersversorgung grundlegend transformiert.

Inwiefern?
DJ:
Auch Bosch begann im Ursprung mit einem System, das seinen Mitarbeitenden feste monatliche Renten zusagte und später durch ein beitragsorientiertes System mit Festverzinsung abgelöst wurde. Seit 2006 bieten wir eine Mindestsicherheit durch Beitragserhalt. Mit dem neu geschaffenen Durchführungsweg Pensionsfonds haben wir die ebenfalls neue Beitragszusage mit Mindestleistung eingeführt. So können wir am Kapitalmarkt höhere Renditen erwirtschaften und diese eins zu eins den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zugutekommen lassen. 2016 sind wir noch einen Schritt weitergegangen und gestalten seither auch die Renten- oder Auszahlungsphase kapitalmarktorientiert.

Was haben die Mitarbeiter davon?
DJ:
Unser Ziel ist, bis zum Renteneintritt der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so viel Kapital wie möglich auf dem persönlichen Betriebsrentenkonto anzusammeln. Danach haben sie die Wahl, sich die Summe einmalig, über einen Zeitraum von bis zu 20 Jahren in Raten oder in Form einer lebenslangen Rente auszahlen zu lassen. Auch Kombinationen sind möglich. Jeder kann die Auszahlung an seiner individuellen Lebenssituation ausrichten. 

Dennoch fallen die Renditen langfristig. Können Sie Ihren Mitarbeitern immer noch die gleichen Kapital- oder Rentenhöhen anbieten wie vor zehn Jahren?
DJ:
Wir garantieren den Mitarbeitenden den Beitragserhalt. Alles, was wir darüber hinaus erwirtschaften, fließt ohne Abzüge in die Mitarbeiterkonten. In der Rentenphase ist das ein bisschen anders: Wenn wir die von uns angepeilten Renditen nicht erzielen würden, hätte das durchaus Auswirkungen auf das Rentenniveau. Aus diesem Grund kalkulieren wir umsichtig, bieten unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern allerdings ein im Marktvergleich attraktives Verrentungsangebot. 

Welche Rolle spielt die betriebliche Altersversorgung bei der Gewinnung neuer Mitarbeiter für Ihr Unternehmen?
DJ:
Eine wichtige. Junge Menschen, die bei uns anfangen wollen, fragen regelmäßig danach, auch Recruiting-Portale im Internet gehen darauf ein. Hinzu kommt, dass wir auch ein digitales Vorsorgeportal für unsere Beschäftigten bereithalten, in dem jeder sehen kann, wie viel Kapital sich inzwischen auf seinem Konto angesammelt hat.

Was bringt dieses Plus an Transparenz?
DJ:
Seit das Portal mit einem modernen Facelift live gegangen ist, stellen wir ein nochmals gestiegenes Interesse fest. Jeder Mitarbeiter kann verschiedene Prognosen abrufen und beispielsweise berechnen lassen, wie sich seine Betriebsrente verändert, wenn er zusätzliche Gelder durch Entgeltumwandlung einzahlt. Wenn das Ergebnis überzeugt, kann die Entgeltumwandlung im nächsten Schritt gleich online beantragt werden. 

Über die Zukunft der gesamten Altersvorsorge in Deutschland wird gerade kontrovers diskutiert. Wie könnte das bisherige Drei-Säulen-Modell verbessert werden?
DJ:
Grundsätzlich ist das umlagefinanzierte System, ergänzt um die beiden kapitalgestützten Säulen, richtig. Aus Sicht eines Arbeitsgebers müssen wir natürlich darauf achten, dass die gesetzliche Rentenversicherung finanzierbar bleibt. Das Hauptaugenmerk sollte jedoch auf der zweiten und dritten Säule liegen: Bei der betrieblichen wie bei der privaten Vorsorge müssen wir die kapitalgedeckten Varianten stärken und so zukunftssicherer machen.

Was halten Sie von der Einrichtung eines Staatsfonds nach schwedischem Vorbild, über die zurzeit debattiert wird?
DJ:
Vor  Einführung eines Staatsfonds sollten alle Chancen der betrieblichen Altersversorgung genutzt werden. Sie sollte mehr Menschen zugänglich gemacht werden. Im Sozialpartnermodell bestehen sehr gute Chancen für mehr Verbreitung. Außerdem verfügt man hier mit der reinen Beitragszusage über das zeitgemäße Instrument. Reformen sollten die Evergreens der betrieblichen Altersversorgung lösen wie den zu hohen Steuerzinssatz von sechs Prozent bei der Direktzusage oder den kompletten Entfall der Doppelverbeitragung in der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung. Das würde die Altersvorsorge wesentlich attraktiver machen.

Interview: Thomas Wendel

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