Positionen-Magazin
Schirme und Ver­si­che­run­gen

„Aus rei­ner Vor­sicht“

Schirme schützen, Versicherungen schützen. Till Finger, einer der letzten Schirmmacher Deutschlands, über die Symbolkraft seines Produkts – und wie er vorsorgt.

Sie können doch nur verlieren, Herr Finger: Scheint die Sonne, kommt niemand. Fängt es an zu regnen, holen die Kaufhäuser die Billigschirme für fünf Euro aus dem Lager. Die Leute kommen nicht zu Ihnen.
Till Finger:
Doch. Die Billigschirme halten nicht einmal den halben Weg. Dann kommen die Leute zu uns und wir verkaufen einen guten. Leider müssen viele Menschen erst merken, dass billige Schirme nichts taugen, bevor sie zu einem guten greifen.

Reicht das zum Überleben?
TF:
Es wird immer Menschen geben, die hochwertige Schirme wollen – und Menschen, die sie bauen. Also beispielsweise Till Finger. „Hochwertige Schirme“ ist zwar ein recht kleiner Markt, aber von diesem Markt bekommen wir ein ziemlich großes Stück ab.

Wie gehen Sie mit Kunden um, die an ihrem Billigschirm hängen und ihn partout repariert haben wollen?
TF:
Wenn jemand mit einem Drei-Euro-Schirm kommt, ist das wie Plastiktüten-Nähen: kann man, muss man aber nicht. Ich erzähle jedem ehrlich, wie gut jeder Schirm ist – und wo er Schwächen hat. Auch wenn er bei mir in der Auslage hängt.

Ist das nicht geschäftsschädigend?
TF: Im Gegenteil. Nur so können sich die Kunden auf mein Wort verlassen und auf meine Expertise vertrauen. Weil wir den Leuten immer die Wahrheit erzählen.

Was nicht alle machen?
TF:
Viele verkaufen Marken, ich verkaufe Qualität und gehe dabei immer über den Nutzen, über die Technik. Die Farbe kommt erst im Anschluss. Männer brauchen fünf Farben, da ist garantiert die richtige dabei. Frauen müssen ausgiebiger beraten werden. Da ist der Anspruch höher.
Weil es bunter sein muss?
TF:
Die hanseatische Frau mag gedeckte Farben und da ist sie schnell im Herrenbereich. Die meisten Damen wollen einen Schirm, der stabiler, leichter, kleiner, komfortabler ist. Auch da geht es also um den Nutzen. Und wenn jemand einen ausgefallenen Wunsch hat, dann bestellen wir den Stoff und bauen den Schirm für ihn. Genauso, wie er ihn haben möchte.

Das kostet dann – wie viel?
TF:
Die Kunden können sich den Griff aussuchen, die Krone, die Stöcke und die Stangen – und natürlich den Stoff. Das ist erklärungs- und beratungsintensiv. Jeder Kunde ist anders, daher wird auch der Schirm anders. Eine Maßanfertigung. Da sitze ich schon ein paar Stunden dran. Der kostet dann auch ein paar hundert Euro.

Eine Idee, die über „soll gegen Regen schützen, gut aussehen und solide verarbeitet sein“ hinausgeht, haben wahrscheinlich die wenigsten Kunden.
TF:
Leider. Dass jemand etwas Besonderes möchte, das haben wir vielleicht in jedem zehnten Fall. Die meisten wollen das Normale – einen Schirm mit gutem Nutzen. Die stelle ich ebenfalls her.

Welche Schirme bevorzugen Sie persönlich?
TF:
Am schönsten finde ich einfarbige Schirme in edler Qualität und mit einer tollen Haptik. Es gibt auch Schirme aus Carbon, die sind belastbar und wiegen fast nichts – das sind wahrscheinlich bessere Schirme. Aber andere finde ich tausendmal schöner.

Schirme schützen. Wie schützen Sie sich, vor Unfall, vor Geschäftsrisiken, vor Armut im Alter?
TF:
Unsere Familie arbeitet seit 70 Jahren mit einem Versicherungsmakler zusammen, darüber laufen meine Geschäfts-, KFZ- und anderen Versicherungen. Bei der Altersvorsorge zahle ich freiwillig etwas in die gesetzliche Rente, mache ich etwas privat und ein bisschen was mit Immobilien.

Reicht das, oder werden Sie bis ins hohe Alter hinter dem Tresen stehen müssen?
TF:
Es kann darauf hinauslaufen. In Deutschland werden immer weniger Menschen geboren, dafür werden die Leute immer älter. Da frage ich mich, ob eine Immobilie in 30 Jahren noch etwas wert ist, wenn es niemanden mehr gibt, der darin wohnen will. Deshalb setze ich nicht komplett auf Immobilien, sondern gehe drei verschiedene Wege. Also auch gesetzliche Rente und private Vorsorge. Aus reiner Vorsicht.

Hatten Sie nie den Impuls – ganz unvorsichtig – alles hinzuschmeißen und das zu machen, worauf Sie Lust haben?
TF:
Ich habe früher viel rechts und links und über den Tellerrand geguckt– und bin doch wieder bei den Regenschirmen gelandet.

Wie kommt das?
TF:
Ich bin damit aufgewachsen, meine Familie hatte eine Schirmfabrik. Dann habe ich angefangen, auf Bauingenieur zu studieren, nachdem ich Zimmerer gelernt hatte. Vier Jahre lang habe ich eine Zimmerei geführt. Als ich dann merkte, „Nein, eigentlich will ich doch Schirme“, habe ich die verkauft.

Sie konnten zurück in den Familienbetrieb?
TF:
Mein Onkel war da gerade gestorben, und das war der letzte Meister. Das war so ein bisschen der Anlass, warum ich mir gesagt habe, „Ich mache jetzt das“. Nach drei, vier Jahren in dem Betrieb wollte ich mir etwas Eigenes aufbauen, bin von Hamburg nach Bremen gezogen und habe das Schirmgeschäft eröffnet.

Warum Bremen?
TF:
In Bremen gab es bereits ein Schirmgeschäft, dessen Besitzer wollte sich zurückziehen. Das heißt: Die Menschen wissen, was ein Schirmgeschäft ist. Wäre ich in eine Stadt gegangen, in der das letzte Schirmgeschäft vor 30 Jahren geschlossen hat, hätten die mich wahrscheinlich für verrückt erklärt.

Wie oft sind Sie in Bremen für verrückt erklärt worden?
TF:
​​​​​​​Jeden Tag aufs Neue.

Interview: Michael Prellberg
Fotos: Kathrin Spirk

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