Kolumne
Kolumne Pri­vate Alters­vor­sorge

Will­kom­men in der Staats­wirt­schaft

Die Verbände der Versicherer, der Fondsgesellschaften und der Bausparkassen haben einen Fünf-Punkte-Plan vorgelegt, wie die Riester-Rente entrümpelt, attraktiver und einfacher werden kann. Wer das alte System lieber abreißen will, der verankert in der Bevölkerung vor allem eins: die Gewissheit, dass die Halbwertzeit großer Reformen kaum über 15 Jahre liegt.

Rehe sind scheue Tiere. Wer sie beobachten und ihr Vertrauen gewinnen möchte, sollte sich ruhig verhalten, keine abrupten Bewegungen machen - mal nach rechts, mal nach links - und schon gar nicht mit Schrotflinten schießen.

Vertrauen der Bevölkerung in die Gültigkeit einmal gefasster Beschlüsse wird zerstört

Vertrauen in die Altersvorsorge ist solch ein scheues Reh. Was nun wie ein mutiger Vorstoß daherkommt, könnte sich schnell als Maßnahme der Verunsicherung erweisen: Eine Pflicht zur privaten Vorsorge in einem staatlich organisierten Produkt der privaten Altersvorsorge (welch´ Widerspruch in sich) droht das Vertrauen der Bevölkerung in die Gültigkeit einmal gefasster Beschlüsse zu zerstören. Willkommen in der Staatswirtschaft.

Die angesichts der ab dem Jahr 2020 in Rente gehenden Babyboomer weitsichtige Riester-Reform im Jahre 2001 hatte Deutschland mit einem Schlag in den weltweiten Nachhaltigkeitsindizes wieder nach vorne katapultiert. Das Vertrauen in die Sicherheit der gesetzlichen Rente kam zurück. Die Menschen begannen zudem im großen Stil zusätzlich vorzusorgen, so dass heute 70 Prozent der Arbeitnehmer entweder einen Riester-Vertrag haben, eine betriebliche Altersversorgung oder beides.

Deutschland wird international beneidet um das, was wir mit einem rein freiwilligen System erreicht haben. Kein Wunder: In den oben genannten Zahlen  sind noch nicht mal sonstige Lebens- und Rentenversicherungen, Sparpläne oder Immobilienfinanzierungen enthalten. Obwohl die meisten in den relevanten Altersgruppen, die es können, bereits privat oder betrieblich vorsorgen, soll jetzt, 18 Jahren später, alles gescheitert sein und ein obligatorischer Staatsfonds die Lösung bringen?

Tatsächlich läuft Riester nicht so schlecht wie gerne geunkt wird. 16,6 Millionen Verträge gibt es. Die ersten abgelaufenen Versicherungsverträge hatten konservativ gerechnet 3,4 Prozent Rendite nach Kosten und Steuern (S. 13 ff.). Die Leistungen für die Eckrentner der jetzt ablaufenden Vertragsgenerationen liegen in etwa auf dem Niveau, wie es im Rentenversicherungsbericht 2004 prognostiziert wurde, trotz Niedrigzinskrise. Und etwa 110 Milliarden Euro sind bereits auf Riester-Verträgen angespart.

Aktiver Verkauf und Beratung gehören zur DNA jeder Marktwirtschaft

Das Hauptproblem ist vielmehr, dass Riester vom ersten Tag an schlecht geredet wurde. Statt „jetzt abschließen“ lautete die Parole „erst einmal abwarten“. Dass passgenaue freiwillige Vorsorge durch gute Beratung verkauft werden muss – und diese Dienstleistung einen Preis hat –, sollte eine selbstverständliche Einsicht sein: Aktiver Verkauf und Beratung gehören zur DNA jeder Marktwirtschaft. Es ist mir keine einzige Meldung in Erinnerung, in der seitens der staatlich finanzierten Verbraucherzentralen die staatlich geförderten Vorsorgeprodukte einmal positiv besprochen worden wären.

Statt wenigstens die besten Produkte zu empfehlen, wird nun der Weg einer Zentralisierung der Vorsorge mit einer Geld- und Machtkonzentration bei quasi-verpflichtenden Staatsfonds das Wort geredet. Nebenbei bemerkt: Ich würde mich nicht wundern, wenn die vorgeschriebene internationale Ausschreibung der Kapitalanlagemandate unser Altersvorsorgekapital zu den großen Assetmanagern in den USA lenkt – verbunden mit einer entsprechenden Verlagerung von Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen weg aus München, Frankfurt oder Stuttgart. Dabei hatte die Bundesbank das Gold doch gerade erst aus dem Ausland zurück geholt

Auch deshalb ist eine grundlegende Reform des bestehenden Systems besser. Die Verbände der Versicherer, der Fondsgesellschaften und der Bausparkassen haben dazu gemeinsam einen Fünf-Punkte-Plan vorgelegt. Es geht um Entrümpelung der Förderung, um mehr Attraktivität und einfachere Standardprodukte. Wer anstelle des offenkundigen Renovierungsbedarfs lieber das alte System gleich ganz abreißen und neu bauen will, der verankert in der Bevölkerung vor allem die Gewissheit, dass die Halbwertzeit großer Reformen kaum über 15 Jahre liegt. Weil man damit niemanden glaubwürdig dazu ermutigen kann, sich für 30 und mehr Jahre festzulegen, erscheint die Antwort „Zwang“ zumindest konsequent.

Jörg von Fürstenwerth

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