Kolumne
Kolumne Pri­va­ter Risi­ko­schutz

Deut­sche im inter­na­tio­na­len Ver­gleich unter­ver­si­chert

Die Deutschen werden häufig als übervorsichtig und überversichert charakterisiert. Die Statistik liefert hierfür keinen Beleg. Im Gegenteil.

Ein erheblicher Teil der Haushalte ist selbst gegen existenzielle Risiken nicht ausreichend geschützt. Ja – Deutschland ist ein hoch entwickelter, reifer Versicherungsmarkt. Zu erwarten wäre daher, dass die Versicherungsdurchdringung – gemessen als Verhältnis der Versicherungsbeiträge zum Bruttoinlandsprodukt – in Deutschland deutlich über dem Weltdurchschnitt liegt. Dies ist jedoch nicht der Fall. Im Jahr 2018 lag die Versicherungsdurchdringung in Deutschland sogar knapp darunter. Übervorsichtig? Überversichert? Nein!

Das geht aus Daten der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamts hervor, die unser Verband zum Anlass für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Versicherungsschutz der privaten Haushalte in Deutschland genommen hat. Für die Stichprobe befragt das Statistische Bundesamt alle fünf Jahre annähernd 60.000 Haushalte. Sie ist damit die umfangreichste Befragung zum Konsumverhalten der Menschen in Deutschland.

Betrachtet man lediglich die G7-Nationen, die über einen ähnlichen Entwicklungsstand verfügen, zeigt sich die relative Unterversicherung Deutschlands noch deutlicher. Deutschland lag hier 2018 an letzter Stelle. Grund ist vor allem die geringe Versicherungsdurchdringung im Bereich Lebensversicherung. Hier sieht man etwa, dass sich die Deutschen nach wie vor sehr stark auf die gesetzliche Rente verlassen.

Läge die Versicherungsdurchdringung in Deutschland im Durchschnitt der anderen G7-Staaten, wären die Versicherungsbeiträge im Jahr 2018 um rund 36 Prozent (Absolutbetrag: 72 Mrd. Euro) höher gewesen. Auch wenn strukturelle Unterschiede zwischen einzelnen Ländern einen direkten Vergleich erschweren, deutet dies auf erhebliche Entwicklungspotenziale für den deutschen Versicherungsmarkt hin.

Existenzielle Versicherungslücken vor allem bei Jüngeren und Geringverdienern

Versicherungsentscheidungen sind aber für viele Menschen nicht einfach. Zu den Herausforderungen gehören die Auseinandersetzung mit unangenehmen Themen wie Unfall oder Tod, eine realistische Risikobewertung und der Umgang mit manchmal komplexen, aber notwendigen Informationen zu Absicherungsalternativen und Versicherungsprodukten.

Bezogen auf bestimmte Bevölkerungsgruppen lassen sich dabei interessante Schlussfolgerungen zu strukturellen Versicherungslücken ziehen. Versicherungslücken selbst bei existenziellen Risiken treten vor allem bei jüngeren Haushalten, Haushalten mit geringem Nettoeinkommen so wie Alleinlebenden und Alleinerziehenden auf.

Unterversicherung geht viele an: Versicherer, Staat, Verbraucherschützer und Bildungseinrichtungen

Bei der strukturellen Unterversicherung handelt es sich um ein komplexes Phänomen mit vielfältigen Ursachen. Für eine bessere Versorgung der Bevölkerung mit privatem Versicherungsschutz kommt es auf das Zusammenspiel aller Akteure an – von den Versicherern selbst, über Verbraucherschutzorganisationen und Bildungseinrichtungen bis hin zum Staat. Große Potenziale bieten technologische Möglichkeiten im Zuge des digitalen Wandels. Sie bringen vielfältige neue Versicherungsangebote mit sich, erleichtern den Zugang zu Versicherungsinformationen und -produkten und sorgen für niedrigere Kosten.

Neben dem Marktprozess kommt auch staatlichem Handeln eine hohe Bedeutung zu. Die zentrale Aufgabe des Staates besteht darin, einen Ordnungsrahmen zu gewährleisten, der einen funktionsfähigen und fairen Wettbewerb auf dem Versicherungsmarkt sicherstellt und hohe Verbrau­cherschutzstandards gewährleistet. Wichtig ist dabei, dass die Regulierung effektiv und effizient ist und die Versicherer darin unterstützt, für ihre Kunden gute Versicherungslösungen anzubieten und innovativ zu sein.

Mehr Schutz durch digitale Angebote und bessere Aufklärung

An zahlreichen Stellen gibt es hier noch Optimierungspotenziale. Diese reichen von der Abschaffung von Papieranforderungen, die digitale Angebote behindern, bis zum Abbau unnötiger Bürokratiekosten, etwa durch übermäßige Berichtspflichten der Unternehmen, die Versicherungsprodukte verteuern. Weitere staatliche Maßnahmen wären insbesondere im Hinblick auf die Verbesserung der Risikowahrnehmung und der Versicherungskompetenz der Bevölkerung sehr sinnvoll, etwa die geplante Einführung einer säulenübergreifenden Renteninformation und die Bereitstellung von Naturgefahrendaten.

Die komplette Analyse finden Sie in der Ausgabe der GDV-Publikationsreihe „Volkswirtschaftliche Themen und Analysen“, die hier im Download verfügbar ist.

Ihr

Jörg von Fürstenwerth

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