Tag der Deut­schen Ein­heit

Wie Deutsch­land auch bei der Lebens­er­war­tung wie­der zusam­men­ge­wach­sen ist

Am 3. Oktober jährt sich die Wiedervereinigung zum 26. Mal. Während sich noch Mitte der 90er die Lebenserwartung in Ost und West deutlich unterschied, ist davon heute nur noch wenig zu spüren. Mittlerweile verteilen sich die Unterschiede ganz anders. Von Henning Engelage

Seit 26 Jahren ist die deutsche Teilung Geschichte. Und trotzdem sind zwischen Ost und West auch nach mehr als zweieinhalb Jahrzehnten noch deutliche Unterschiede zu spüren: Bei der Rentenhöhe, der Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaftskraft oder Vermögen. Doch bei der Frage, wie lange die Menschen in den neuen und alten Bundesländern leben, sind die ehemals deutlichen Unterschiede fast verschwunden.

1994 lebten die Menschen in den alten Bundesländern durchschnittlich eineinhalb Jahre länger als in den neuen Ländern. Heute ist die Differenz auf nur wenige Monate geschrumpft. „Die Lebenserwartung hat überall zugelegt und steigt überall weiter – momentan durch Gewinne von Jahren in der zweiten Lebenshälfte“, sagt Sebastian Klüsener vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock.

Bei Frauen Unterschiede kaum noch messbar

Bei Frauen sind kaum noch Unterschiede zwischen Ost und West messbar: Nach den aktuellen Sterblichkeitsverhältnissen können neugeborene Mädchen im Osten wie im Westen mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 83,1 Jahren rechnen. 1994 gab es noch einen deutlichen Unterschied: Damals lag die Lebenserwartung in den neuen Ländern noch bei 78,2 Jahren, in den alten Bundesländern bei 79,8 Jahren.

Bei Männern ist die Entwicklung ähnlich – allerdings waren hier die Unterschiede noch deutlicher: Für neugeborene Jungen lag die Lebenserwartung 1994 in Westdeutschland bei 73,5 Jahren, in Ostdeutschland mit 70,7 Jahren beinahe drei Jahre darunter. Das hat sich spürbar geändert: Während nach den heutigen Sterblichkeitsverhältnissen die Lebenserwartung neugeborener Jungen bei 78,4 Jahren liegt, ist im Osten mit 77,11 Jahren die Lebenserwartung nur noch um ein gutes Jahr niedriger. Die Unterschiede sind in den letzten 20 Jahren zwar noch nicht ganz verschwunden, aber deutlich kleiner geworden.

Versorgung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit massiven Auswirkungen

Die Ursache für die nun verschwindenden Unterschiede zwischen West und Ost war vor allem die bessere medizinische Versorgung in der alten Bundesrepublik. Vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen konnten in West-Deutschland seit den 70er Jahren immer besser behandelt werden. Opfer eines Herzinfarkts hatten im Westen bessere Überlebenschancen, und das hatte massive Auswirkungen auf die Lebenserwartung. Bis zu dieser „kardiovaskulären Revolution“ war die Lebenserwartung in Ost und West noch annähernd parallel verlaufen. Jetzt zog der Westen davon.


Erst mit der Wiedervereinigung kam dieser medizinische Fortschritt auch im Osten Deutschlands an. Seither ist die im Vergleich der Lebenserwartung in den einzelnen Bundesländern 1995 noch deutlich sichtbare Teilung Deutschlands quasi verschwunden. Es zeichnet sich vielmehr ein Nord-Süd-Gefälle ab – dank der Wirtschaftsstärke Bayerns und Baden-Württembergs.

Ost-West-Gefälle hat sich in Nord-Süd-Gefälle verwandelt

Weil sich die Gesundheitsversorgung in Ost und West angeglichen hat, ist die Wirtschaftsstärke zum viel entscheidenderen Faktor bei den regionalen Unterschieden in der Lebenserwartung geworden. Wirtschaftsstarke Regionen locken viele Akademiker und ihre Familien an. Diese sogenannten Vorreiter – das belegen Studien – leben einfach gesünder als der Durchschnitt der Bevölkerung: Sie ernähren sich besser, treiben öfter Sport und gehen häufiger zum Arzt. Und mit ihrer gesünderen Lebensweise treiben sie die Lebenserwartung insgesamt nach oben.

„Es kommt bei der regionalen Lebenserwartung sehr stark auf die Komposition der Bevölkerung an“, sagt Klüsener vom Max-Planck-Institut. „Personen mit höherer Bildung haben eine deutlich höhere Lebenserwartung, und diese ziehen eher nach München als in die Provinz.“ Deshalb falle die Lebenserwartung in vielen boomenden Städten höher aus als zum Beispiel in Umbruchsregionen wie Bremerhaven und Wilhelmshaven. „Viele Studien belegen, dass der wirtschaftliche Entwicklungsstand für Trends in der regionalen Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten immer wichtiger geworden ist“, so Klüsener.

Die klaren Unterschiede zwischen ehemaliger DDR und alter BRD sind bei der Lebenserwartung aber kaum noch zu spüren.

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