The­men­wo­che Berufs­un­fä­hig­keit (4/4)

Vor­sorge ist der beste Schutz

Krankheit oder Berufsunfähigkeit sind schlimm für die Betroffenen, die Folgen treffen aber auch die Unternehmen. Das Thema Prävention gewinnt daher in den Betrieben zunehmend mehr an Bedeutung. Doch auch jeder Einzelne ist gefordert.

Bei gutem Wetter kann es in Wolfsburg schon mal vorkommen, dass sich die Mitarbeiter der Stadtverwaltung auf dem Rathausdach gen Sonne recken. Die Aussichtsplattform eignet sich hervorragend für eine Qigong-Session. Und die bietet das städtische Gesundheitsmanagement Programm schon mal in der Arbeitszeit an. „Für uns stellt sich die Frage: Wie kann man die Gesundheit der Mitarbeiter erhalten?“, sagt Diethelm Müller. Er leitet das Team Argus, unter dem bei der Stadt Wolfsburg Arbeitssicherheit, Gesundheitsförderung und Schwerbehindertenförderung zusammengefasst sind. Seine kostenlosen Sportangebote kommen an: Von den 2.600 Mitarbeitern haben laut Müller im vergangenen Jahr rund 600 Mitarbeiter an einem Kurs teilgenommen – viele sogar mehrfach.

Win-Win-Situation

So wie die Stadt Wolfsburg bieten immer mehr Unternehmen Gesundheits- und Vorsorgekurse an, um ihre Mitarbeiter fit zu halten. Denn ein krankheitsbedingter Ausfall ist nicht nur für die Betroffenen schlimm, sondern schmerzt auch den Arbeitgeber. Im Jahr 2012 verursachten die 522 Millionen Krankheitstage in Deutschland der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zufolge volkswirtschaftliche Produktionsausfälle von 53 Milliarden Euro. Im Extremfall geht durch eine dauerhafte Berufsunfähigkeit das langjährige Know-How eines Mitarbeiters dem Betrieb gänzlich verloren. Eine Win-Win-Situation nennt Argus-Koordinator Müller daher seine Fitnessangebote wie Yoga oder Rückenschule. „Zukünftig bis 67 zu arbeiten ist ja auch nur möglich, wenn man die entsprechende Arbeitsfähigkeit hat“, sagt er und verweist dabei auch auf den demografischen Wandel: Die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte in Deutschland nimmt ab und das Durchschnittsalter der Mitarbeiter steigt. Umso wichtiger werden Gesundheitsvorsorge und altersgerechte Arbeitsplätze, um das Potenzial der Angestellten bis zum ihrem regulären Renteneintritt nutzen zu können – und die Arbeitnehmer auch gesund in den Ruhestand verabschieden zu können.

Großkonzerne gehen voran

Vor allem in Großkonzernen ist ein professionelles Gesundheitsmanagement weit verbreitet. Der Sportartikelhersteller Adidas hat dafür sogar ein eigenes Stadion auf dem Betriebsgelände in Herzogenaurach bei Nürnberg. Bei Daimler gibt es neben einem großen Sportangebot auch gezielte Programme für die psychotherapeutische Betreuung der Mitarbeiter. Prävention umfasst jedoch mehr: Siemens beispielsweise hat in seinem Produktionswerk in Regensburg ein Pilotprojekt zur ergonomischen Gestaltung der Arbeitsplätze umgesetzt, um Gesundheitsrisiken in der Fertigung zu minimieren. In kleineren Betrieben passiert oft noch nicht viel. Sie bieten – wenn überhaupt – nur wenige Kurse an, die kaum auf Akzeptanz stoßen. „Das Problem sind zumeist die Motivation und die unterschiedlichen Bedürfnisse der Mitarbeiter“, sagt Philippe Bopp, Geschäftsführer von machtfit. Das Berliner Unternehmen bietet Betrieben jeder Größe ein umfangreiches Angebot zertifizierter Präventionskurse bei externen Partnern – alles organisiert auf einer Internet-Plattform. „Diese externen Angebote zur Gesundheitsförderung können vom Arbeitgeber bezuschusst und mit bestehenden unternehmensinternen Maßnahmen verknüpft werden“, sagt Bopp. Ob Thai Chi, Pilates, Rückenfitness oder Stressmanagement: „Indem sich jeder Mitarbeiter das passende Angebot individuell aussuchen kann, erreicht man deutlich mehr, als wenn man nur einen Kurs für die gesamte Belegschaft bietet.“

Menschliche Wertschätzung als beste Prävention

Möglich ist dies auch, weil der Staat die Bedeutung der Prävention erkannt hat und die Teilnahme an Kursen fördert. So können Arbeitgeber ihren Mitarbeitern mittlerweile 500 Euro im Jahr steuerfrei für zertifizierte Gesundheitskurse zukommen lassen. Seit 2004 sind Arbeitgeber zudem gesetzlich verpflichtet, auf länger erkrankte Beschäftigte einzugehen und zu klären, unter welchen Voraussetzungen oder mit welchen Hilfsmitteln die Beschäftigten wieder zum Arbeitsplatz zurückkehren können. Ein gutes betriebliches Wiedereingliederungsmanagement kann so auch der längeren Berufsunfähigkeit entgegenwirken. Für Müller ist es besonders wichtig, dass Mitarbeiter als Menschen ernstgenommen werden. „Mitarbeiter empfinden das oft sehr wertschätzend, wenn der Betrieb versucht, auf ihre Probleme einzugehen“, sagt er. Der Arbeitsmediziner Hans-Martin Schian sieht genau in einer solchen menschlichen Wertschätzung die beste Prävention. Gute Mitarbeiter- und Unternehmensführung helfen seiner Ansicht nach besser als jedes Angebot für chinesische Entspannungsübungen. „Wenn man ständig viel arbeitet und das Gefühl hat, wenig dafür zu bekommen, ist das schon ein direkter Weg über die totale Erschöpfung zur psychischen Störung“, sagt Schian. Schon eine gute Erklärung, warum ein Mitarbeiter etwas tun solle, sei viel Wert.

Ein wachsendes Problem sieht Schian jedoch in der ständigen Erreichbarkeit per E-Mail oder Handy. Wenn Mitarbeiter sich 24 Stunden mit der Arbeit beschäftigen, dann schaffe man es ganz schnell in die Berufsunfähigkeit. Auch die gesetzlichen Krankenkassen warnten kürzlich in einem gemeinsamen Appell vor den Folgen der pausenlosen Verfügbarkeit und forderten die Unternehmen zum Umdenken auf. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) brachte sogar eine gesetzliche Regelung ins Spiel, um die Erreichbarkeit nach Dienstschluss zu regeln.

Hören auf den gesunden Menschenverstand

Für Schian gilt aber auch hier: „Die gute Mitarbeiterführung lässt sich nicht gesetzlich vorschreiben.“ Einige Unternehmen haben das Problem bereits erkannt und von sich aus Maßnahmen ergriffen: Beim Autobauer VW leitet der Mail-Server für die mobilen Geräte außerhalb der Kernarbeitszeiten keine Nachrichten mehr an die Tarifangestellten weiter. Bei der Telekom haben sich alle leitenden Angestellten verpflichtet, ihren Mitarbeitern nach Dienstschluss, am Wochenende und im Urlaub keine Mails hinterher zu schicken. Die Gesundheitsvorsorge ist aber nicht nur Aufgabe der Unternehmen. Die Verantwortung für die Lebensführung liege vor allem beim Arbeitnehmer, betont Schian. Man brauche nur auf den gesunden Menschenverstand zu hören: Eine gesunde Ernährung, tägliche Bewegung, keine Suchtmittel und die Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse wie Ruhepausen und das Abschalten von der Arbeit helfe schon weiter. Das ist für Schian das beste Präventionsprogramm. „Das sind eigentlich ganz banale Weisheiten.“ Nur: Diese zu befolgen, liegt wieder an jedem selbst.

Text: Henning Engelage

Die Themenwoche zur Berufsunfähigkeit auf GDV.DE:

>> Montag, 29.9.: Berufsunfähigkeit – hohes Risiko mit gravierenden finanziellen Folgen
>> Dienstag, 30.9.: Berufsunfähigkeit im Wandel
>> Mittwoch, 1.10.: Interview – „Versicherungsunternehmen wollen leisten!“
>> Donnerstag, 2.10.: Vorsorge ist der beste Schutz



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