Um den Glo­bus

Ver­si­chern in Polen

Wenige Autodiebstähle, viele private Krankenversicherungen: Der polnische Versicherungsmarkt widersetzt sich gängigen Klischees – und ist bei einer Zukunftstechnologie weit vorn.

Wachsender Markt

Dem Versicherungsmarkt unserer östlichen Nachbarn ist seine realsozialistische Vergangenheit noch immer anzumerken. Powszechny Zakład Ubezpieczeń (PZU), der inzwischen börsennotierte einstige Staatsmonopolist, ist mit einem Marktanteil von 37 Prozent nach wie vor der wichtigste Versicherer des Landes. Die größten deutschen Anbieter sind dem europäischen Branchenverbands Insurance Europe zufolge Talanx (12 Prozent) und Ergo (11 Prozent). Mit einem Bruttoprämienvolumen von knapp 14 Milliarden Euro (2019) zählt Polen laut einer Analyse von Swiss Re zu den aufstrebenden Märkten Mittel- und Osteuropas. Seit 2004 ist die Versicherungsdichte um 120 Prozent gestiegen.

Wenige Autodiebstähle

Polen und Autos verbindet ein unschönes Klischee. Und tatsächlich ist das Land nach Angaben der Polizei bis heute ein wichtiger Umschlagplatz für gestohlene Fahrzeuge aus Deutschland. Im Land selbst ist die Diebstahlquote dagegen gering: Mit 37 entwendeten Autos pro 100.000 Einwohner liegt das Land in der EU-Statistik auf Rang 23 von 27 (Deutschland: 69 Fahrzeuge, Platz 17). Entsprechend gering ist die Versicherungsbereitschaft: Während hierzulande 77 Prozent aller Autos teil- oder vollkaskoversichert sind, sind es in Polen nur 29 Prozent. Übrigens: Bei Autodiebstählen in Deutschland sind laut Bundeskriminalamt fast 60 Prozent der Verdächtigen Deutsche, rund 20 Prozent Polen.

Viele Privatpatienten

Das polnische Gesundheitswesen wurde 1999 grundlegend reformiert. Seither sind 16 öffentliche Krankenkassen für die Pflichtversicherung zuständig, die Beiträge werden über einen nationalen Gesundheitsfonds verteilt. Das staatliche System gilt allerdings als chronisch unterfinanziert, weswegen immer mehr Polen zusätzlich private Policen abschließen. 2018 zählte das Land zufolge noch 2,5 Millionen Privatversicherte, inzwischen sind es 3,7 Millionen. „Die Pandemie hat zweifellos das Interesse an der privaten Gesundheitsfürsorge erhöht“, sagt Dorota M. Fal von der polnischen Versicherungskammer PIU.

Künstliche Intelligenz

Die Digitalisierung des Versicherungswesens ist in Polen weiter fortgeschritten als in vielen anderen Ländern. So überprüft die Talanx-Tochter Warta inzwischen 100 Prozent der Schäden bei Autounfällen mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI). Die Software des Insurtechs Tractable analysiert und bewertet Schadenfotos in Echtzeit, auch Branchenprimus PZU setzt das Verfahren ein. Tractable zufolge zählt Polen europa- und weltweit zu den führenden Ländern beim Einsatz von KI in der Versicherungsbranche. Ausländische Anbieter beziehen die agile und gut ausgebildete polnische Entwicklerszene auch beim Aufbau des Geschäfts in ihren Heimatländern mit ein.

Text: Robert Otto-Moog

 Illustration: Michael Stach

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