Robo­ter auf der Han­no­ver Messe

Schul­ter­schluss mit Andro­iden

Auf der Hannover Messe werden Roboter der neuen Generation präsentiert. Sie sind flexibel, mobil – und arbeiten eng mit Menschen zusammen. Die Versicherer erwarten zusätzliche Geschäfte.

Fürsorglich ist er. Und er weiß, was sich gehört. Überrascht die Dame auf dem Sofa mit einer roten Rose. Und als die ihm zum Dank eine Kusshand auf den Touchscreen wirft, lächeln die Augen auf dem Bildschirm und der LED-Ring um den Torso fängt heftig an zu blinken.

Care-O-Bot heißt der sympathische Android, dessen neueste Bauart die Forscher des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung in einem Video auf ihrer Webseite vorstellen. Eine ebenso mobile wie interaktive Maschine, mit Sprach-, Personen- und Gestenerkennung sowie zwei Greifarmen mit Kugelgelenken, die als Vorbild für eine neue Generation von Helfern im Haushalt, in der Gastronomie oder in Pflegeeinrichtungen dienen soll.

Die Roboter kommen: In Kunshan bei Shanghai servieren elf intelligente Maschinen im „Robot Restaurant” die Speisen. Im kalifonischen San José führt der OSHbot Baumarkt-Kunden im Orchard Supply Hardware Store zum Regal mit dem gesuchten Produkt. Ein japanisches Start-up bietet sein puppengroßes Modell Plen2 für jedermann erschwinglich zum Selbstausdrucken auf dem 3-D-Printer an. Und der ebenfalls in Japan entwickelte Kirobo kehrte kürzlich wohlbehalten von seiner Mission im All zurück. 18 Monate hatte er seinem menschlichen Kollegen Koichi Wakata als Small-Talk-Partner gedient, um die Einsamkeit des Astronauten in der Internationalen Weltraumstation ISS erträglicher zu gestalten.

In der Industrie ist der Vormarsch der Roboter längst in vollem Gange. Präzise arbeitende Maschinen haben in Fabriken rund um den Globus das Schweißen, Lackieren, Beschichten oder Verpacken übernommen. Mit 311.000 installierten Robotern lagen die fünf großen Industrienationen der EU – Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien – 2014 noch gemeinsam vor den USA. Die Zahl der weltweit verkauften neuen Industrieroboter überstieg im vergangenen Jahr erstmals die Marke von 200.000 Einheiten.

China verdoppelt die Zahl der Industrieroboter bis 2017

Zur Hannover Messe, die am 13. April beginnt, werden auf den Ständen von Anbietern wie Kuka, Fanuc oder Güdel die jüngsten Entwicklungen präsentiert. Die Roboterbauer erwarten in den kommenden Jahren hohe zweistellige Zuwachsraten. Vor allem Auto- und Elektronikhersteller treiben die Nachfrage. Allein in China soll sich die Zahl der Industrieroboter nach aktuellen Branchenschätzungen bis 2017 auf mehr als 400.000 verdoppeln. So will der Auftragsfertiger Foxconn, der für Kunden wie Apple, Samsung und Motorola produziert, in den kommenden drei Jahren mehr als zwei Drittel seiner Fließbandarbeiten von Menschen an Roboter übertragen.

Auch hierzulande setzt man auf mehr intelligente Automaten. Für Manager wie VW-Vorstand Horst Neumann ist der verstärkte Einsatz von Robotern in den Werken des Wolfsburger Konzerns das Ergebnis einer Kalkulation, die maßgeblich von der demografischen Entwicklung und den Arbeitskosten bestimmt wird. Wenn die geburtenstarken Jahrgänge in den kommenden 15 Jahren in den Ruhestand gehen, werden rund 32.000 Beschäftigte mehr das Unternehmen verlassen als im langjährigen Durchschnitt. Allein durch junge Mitarbeiter können diese Abgänge nicht ausgeglichen werden. „Deshalb haben wir die Möglichkeit, Menschen durch Roboter zu ersetzen und trotzdem in bisherigem Umfang Nachwuchskräfte einzustellen”, so Neumann.


Dabei würden die neuen Kollegen aus Stahl und Kunststoff maßgeblich dazu beitragen, dass Volkswagen im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig bleibt: In der deutschen Autoindustrie lägen die Arbeitskosten bei mehr als 40 Euro pro Stunde, in Osteuropa elf Euro, in China weniger als zehn Euro, erklärt der VW-Manager. Roboter, die Routinearbeiten verrichten, schlügen dagegen nur mit etwa fünf Euro pro Stunde zu Buche. „Neue Robotergenerationen werden voraussichtlich noch günstiger sein”, rechnete Neumann kürzlich in einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche Zeitung“ vor. „Diesen Kostenvorteil müssen wir uns zunutze machen.”

Die Roboter der neuen Generation werden ihr Tätigkeitsfeld deutlich ausweiten und ganz neue Aufgaben übernehmen. Sie werden nicht mehr vor allem von großen Unternehmen genutzt werden und als stählerne Ungetüme hinter Schutzgittern in den Werkhallen stehen. Sondern sie werden flexibel und mobil einsetzbar sein, aus leichteren Materialien und mit ausgefeilter Sensorik Seite an Seite mit den Kollegen aus Fleisch und Blut arbeiten. VW testet den Schulterschluss zwischen Mensch und Maschine bereits in Salzgitter und bei der Edel-Auto-Tochter Audi im Ingolstädter Werk. Bald sollen Roboter überall dort in die Montage eingreifen, wo der Mensch nur schwer hinkommt – etwa bei Innenraum- oder Überkopfarbeiten.

Bessere Sensorik vermeidet Kollisionen mit Menschen

Der Technologiekonzern ABB wird in Hannover den ersten kollaborativen Zweiarmroboter vorstellen. Der YuMi getaufte Android hat in den Testläufen vor der Markteinführung gemeinsam mit menschlichen Arbeitskräften bereits zigtausende Schalter und Doppelsteckdosen montiert sowie verpackt und dabei die Produktivität deutlich erhöht. „Viele Annahmen über Fertigungsverfahren und Industrieprozesse wird man dank YuMi neu überdenken müssen“, sagt Per-Vegard Nerseth, Leiter des globalen Geschäftsbereichs Robotik bei ABB. Dank der neuen Einsatzmöglichkeiten beginne mit den kollaborativen Robotern eine neue Phase der industriellen Automation.

„Die Industrie hat die Mensch-Roboter-Kollaboration als wichtiges Zukunftsthema erkannt, will die neuen technischen Möglichkeiten nutzen und rüstet jetzt in diesem Bereich kräftig auf“, konstatiert Norbert Elkmann vom Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung in Magdeburg. Technisch sei heute sehr viel mehr möglich als noch vor drei oder vier Jahren: „Die Sensortechnik hat sich ebenso wie die Robotik weiter entwickelt. Neue Roboter in Leichtbauweise erkennen zum Beispiel selbstständig Kollisionen mit dem Menschen.” Um die Verletzungsgefahr bei einer engen Zusammenarbeit mit den neuen Maschinen möglichst gering zu halten, arbeiten Elkmann und sein Team daran, biomechanische Belastungsgrenzen zu bestimmen. Sie definieren, wann die Gefahr für den Menschen beginnt.

Der Vormarsch der Roboter eröffnet auch den Versicherern neue Betätigungsfelder. Dabei gibt die bewährte und mehr als 100 Jahre alte Maschinenversicherung den Rahmen vor: „Sachsubstanzschäden decken selbst bei Robotern bereits die Standardbedingungen ab. Das Gleiche gilt für die sich aus einem Schaden ergebenden wirtschaftlichen Folgen, die durch eine Maschinenbetriebsunterbrechungsversicherung versicherbar sind”, sagt Friedrich Scholz, Bereichsleiter Technische Versicherung bei der AXA.

Steigende Nachfrage nach technischen Versicherungen

Vor allem der zunehmende Einsatz preisgünstiger und flexibler Roboter in kleinen und mittleren Betrieben könnte für steigenden Versicherungsbedarf sorgen. Mittelständler, die etwa nur einen Roboter für eine sehr spezielle Fertigung einsetzen, seien eher geneigt, sich gegen Betriebsunterbrechungen zu versichern, sagt Scholz. „Mit den steigenden Investitionen in die Anschaffung von Robotern erwarten wir daher auch zusätzliche Nachfrage nach technischen Versicherungen, die Sachsubstanzschäden und Schäden durch Betriebsunterbrechungen abdecken.”

Bislang hat übrigens der Einsatz von Robotern zu keiner erkennbar höheren Schadenhäufigkeit als bei anderen Maschinen in der Industrie geführt. Das kann sich jedoch ändern. Die zunehmende Mobilität der Roboter birgt schließlich neue Gefahrenpotenziale, die bei der Kalkulation der Prämien berücksichtigt werden müssen.

Schon jetzt aber bringen die intelligenten Maschinen von ihren Ausflügen überraschende Einsichten mit. Wie etwa der japanische Astronautenbegleiter Kirobo, der in seinem ersten Bericht nach der Landung vom Blick aus dem All berichtete: „Von dort oben strahlt die Erde wie eine blaue LED!”



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