Auto­schutz­brief

Schnelle Hilfe am Stra­ßen­rand von Ber­lin-Tem­pel­hof

Wie unsichtbare Beifahrer sind die Assisteure der Versicherungswirtschaft tagtäglich unterwegs auf deutschen Straßen. Der Alltag eines solchen Pannenhelfers zwischen Starthilfe – und der finalen Diagnose „Dein Auto ist nur noch Schrott“.

Vasco Werners Arbeitstag dauert nur wenige Minuten, da hat er schon seine erste gute Tat vollbracht. Ein betagter Opel Astra steht am Straßenrand in Berlin-Tempelhof – der Motor springt nicht mehr an. Ein klarer Fall für die Pannenhilfe. Werner eilt herbei und findet schnell den Grund für das Problem: der Anlasser ist kaputt. Werner weiß Rat: Er klemmt sich hinters Steuer und macht dem verdutzten Ehepaar Beine: „Und jetzt schieben“, ruft er. Der Opel bockt kurz auf, dann brüllt der Motor wieder los. „Jetzt aber direkt in die Werkstatt fahren – und bloß nicht den Motor zwischendrin ausstellen!“, gibt Werner den Eheleuten mit auf den Weg.

Für Werner sind solche Einsätze Routine. Seit zwei Jahren rollt der 33-Jährige mit seinem Abschleppwagen des Abschleppdiensts Rudolph auf Berliner Straßen – immer mit dem Ziel, anderen zu helfen. Er gehört zu den bundesweit 3100 Unfall- und Pannenhelfern, die im Dienst von Assistance Partner unterwegs sind – einem Joint Venture mehrerer Assistanceunternehmen, den Notrufdienstleistern der Versicherungswirtschaft. Das Markenzeichen der 1750 Fahrzeuge ist ihre metallic-silberne Außenhaut mit dem neon-orangen „A“ – weshalb die Autos auch als „Silberne Flotte“ bezeichnet werden. Allein für Assistance Partner sind 490 Abschleppunternehmen unterwegs. Andere Versicherer setzen auch auf ein eigenes Netz an Dienstleistern und beauftragen die Abschleppunternehmen direkt. Wie die Versicherer ihr Dienstleisternetzwerk aber auch organisieren: Für Autofahrer kommt die Hilfe mit einem Anruf.

26,7 Millionen Schutzbrief-Versicherte in Deutschland

Die Pannenhilfe ist eine wichtige Leistung im Auto-Schutzbrief, den viele Autofahrer als Zusatzbaustein zu ihrer Kfz-Versicherung abgeschlossen haben. Auch die Stiftung Warentest betont die Preiswertigkeit solcher Angebote. „Ins Auge springt der große Preisunterschied. Wer bereits eine Auto-Police beim selben Versicherer abgeschlossen hat, kann den Schutzbrief dort viel günstiger bekommen als bei einem Autoclub“, stellten die Tester fest.

Abschleppdienste sorgen bundesweit dafür, dass die 26,7 Millionen Besitzer eines Kfz-Schutzbriefs im Notfall schnell Hilfe bekommen. Vasco Werner und seine vielen Kollegen fahren quasi immer als unsichtbarer Beifahrer mit. Ob in Flensburg oder Füssen. An 365 Tagen im Jahr, rund um die Uhr.

Für die Helfer heißt das: Dauerbereitschaft. Kaum hat Werner seinen ersten Auftrag erledigt, kommt der nächste Notruf rein. Eine Frau steht mit ihrem Mini in einer Kreuzberger Tiefgarage. Wieder will der Wagen nicht anspringen. Rasch manövriert Werner sein sechs Meter langes Vehikel durch die Straßen von Kreuzberg. Weniger als 30 Minuten brauchen die Autos der Silbernen Flotte im Schnitt, um zu ihrem Einsatzort zu kommen. Werner schafft es diesmal sogar schneller. Mit einem Startbooster in der Hand marschiert er in die Tiefgarage. Kaum hat er diese Spezialbatterie an den Mini angeschlossen, springt der wieder an. Die Ursache für den Blackout ist schnell gefunden: Das Standlicht war an.

Mietwagen für gestrandete Autofahrer

Nicht immer hat es Werner mit solch einfachen Fällen zu tun. Mitunter kann auch er nichts mehr ausrichten. Wie nach einem Unfall einen Tag zuvor. Ein alter Honda war danach so schwer beschädigt, dass selbst eine Werkstatt nichts mehr hätte ausrichten können. In solchen Fällen versucht Werner, die Besitzer aufzuheitern: „Ich hab ´ne gute und ´ne schlechte Nachricht für dich“, setzt er an. „Die Gute: Es regnet nicht. Die Schlechte: Dein Auto ist Schrott.“ Die letzte Fahrt des Hondas – sie führt auf dem Plateau des Abschleppwagens zum Verwerter.

Gerade wenn es hart auf hart kommt, zeigt sich, wie wertvoll ein Kfz-Schutzbrief sein kann. Denn die Pannenhilfe ist nur eine Dienstleistung von vielen. Muss der Wagen repariert werden, organisieren die Versicherer den Transport in die Werkstatt. Gestrandete Autofahrer erhalten kostenlos einen Mietwagen oder können im Hotel übernachten. Bei Pannen fern der Heimat sorgen die Versicherer auch dafür, dass Auto und Fahrer wieder schnell zurückkommen. Dafür haben sie ein europaweites Netzwerk von etwa 7000 Abschleppunternehmen aufgebaut. Und bei schweren Erkrankungen oder Unfällen im Ausland sorgen die Assisteure für den Rücktransport der Versicherten – auch wenn Sie dort nicht mit dem Auto unterwegs waren. Rund 200 Millionen Euro geben die deutschen Kfz-Versicherer jährlich für Assistance-Leistungen aus.

687.000 Mal Pannen- und Abschlepphilfe

Vor allem in der Urlaubszeit ist die Hölle los, dann reiht sich Einsatz an Einsatz. „Und jeder Einsatz ist anders“, sagt Werner. Im Jahr 2014 haben die deutschen Versicherer insgesamt 687.000 Mal bei einer Panne geholfen. 488.000 Mal davon musste der Wagen abgeschleppt werden. Doch 199.000 Mal konnten die Autos nach Einsatz der Pannenhelfer weiterfahren. 77.000 Mal organisierten die Versicherer einen Mietwagen, 30.000 Mal mussten Autos oder deren Fahrer über längere Distanzen zurück transportiert werden.

Außerhalb der Ferienzeit kann es auch schon einmal ruhiger sein, der große Stress bleibt an diesem Tag aus. Vier Einsätze fährt Werner, ehe um 15.30 Uhr seine Schicht endet – weniger als sonst. Es ist ein Tag, an den sich Werner nicht lange erinnern wird. Die Menschen, denen er geholfen hat, werden seine Dienste jedoch nicht so schnell vergessen.

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