Vor 250 Jah­ren

Grün­dung der ers­ten deut­schen Ver­si­che­rungs-Akti­en­ge­sell­schaft

Vor 250 Jahren wurde mit der Assecuranz-Compagnie in Hamburg die erste deutsche Versicherungs-Aktiengesellschaft gegründet. Neben die bis dahin dominierenden öffentlich-rechtlichen Brandkassen trat erstmals eine große private Gesellschaft. Damit begann ein neues Kapitel der deutschen Versicherungsgeschichte.

Die Versicherungsgeschichte in Deutschland ist eng verknüpft mit Hamburg. Es waren Kaufleute der Hansestadt, die zum 1. Januar 1765 die „Assecuranz-Compagnie für See-Risico und Feuers-Schaden“ gründeten – mit einem Grundkapital von 500.000 Reichstalern. Die neue Gesellschaft sollte dabei helfen, die Risiken der boomenden Handelsschifffahrt abzusichern. Dafür wählten die Kaufleute eine neue Rechtsform, die Aktiengesellschaft (AG). Ein Novum. Bis dahin waren Versicherungsgesellschaften ausschließlich öffentliche oder genossenschaftliche Einrichtungen – vor allem Feuerversicherer, Brandgilden oder Witwen- und Waisenkassen. Das hängt zum einen mit der deutschen Kleinstaaterei zusammen. „Es hat aber auch damit zu tun, dass der Gesellschaftsentwurf der deutschen Aufklärung sich viel besser mit der Idee einer Versicherung auf Gegenseitigkeit vertrug“, erklärt Frank Hatje von der Universität Hamburg.

Kaum Versicherungsschutz im Winter

Bei der Absicherung der riskanten und international orientierten Handelsschifffahrt stieß dieses Modell aber an seine Grenzen. Um sich gegen Gefahren abzusichern, schlossen die Kauffahrer stattdessen untereinander Versicherungen ab, die bereits kaufmännisch kalkuliert wurden. Allerdings musste ein Händler für die Versicherung eines Schiffes oftmals Dutzende Geschäftspartner gewinnen, die jeweils einen kleinen Teil des Risikos übernahmen. Gerade im Herbst und Winter, wenn es für Schiffe auf See besonders gefährlich wurde, war ein Versicherungsschutz in Hamburg kaum zu bekommen.

Wer dann eine Versicherung wollte, musste sich nach London, Kopenhagen oder Amsterdam wenden. Dort waren bereits rund vierzig Jahre vor der Assecuranz-Compagnie große Aktiengesellschaften entstanden, die vor allem See- und Transportversicherungen anboten. „Diese großen Gesellschaften waren für die Gründer der Assecuranz-Compagnie das Vorbild“, sagt Frank Hatje. „Mit dem Aufbau einer eigenen Gesellschaft wollten sie auch den Handel und die Finanzwirtschaft in ihrer Stadt weiter beleben.“

Aktiengesellschaften in der Lebensversicherung

Der große Durchbruch der Aktiengesellschaft in Deutschland ließ allerdings noch auf sich warten. „In den wirtschaftlich sehr liberalen Hansestädten wurden weitere Aktiengesellschaften vergleichsweise früh gegründet“, sagt Boris Gehlen, der an der Universität Bonn zur Geschichte der Finanzmärkte forscht. „In den übrigen deutschen Territorien setzte sich die Idee der Aktiengesellschaft nicht so schnell durch.“

Eine wichtige Rolle spielten Aktiengesellschaften bald auch in der Lebensversicherung. Insgesamt wurden aber im Vergleich zu liberaleren Staaten wie England weitaus weniger private Gesellschaften gegründet. „In der Schadensversicherung“, so Gehlen, „deckten Aktiengesellschaften im 19. Jahrhundert aber wahrscheinlich weniger als ein Drittel des deutschen Marktes ab.“


Damals entwickelte sich eine noch heute typisch deutsche Vielfalt an Gesellschaften – öffentliche Versicherer, Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit und eben Aktiengesellschaften. Für Boris Gehlen hat das auch mit der sehr strikten deutschen Regulierung im 19. Jahrhundert zu tun. „Schon damals wurde kritisiert, dass die Regulierung sich hemmend auf die Entwicklung der Versicherungswirtschaft auswirkte“, sagt er. „Gleichzeitig hatte diese Politik aber auch eine stabilisierende Wirkung.“ So mussten nach dem großen Börsenkrach von 1873 – in der sogenannten Gründerkrise – lediglich vier deutsche Versicherungsunternehmen liquidiert werden. In Großbritannien waren es mehr als 200.

Vielfalt ist Trumpf

Mit der zunehmenden wirtschaftlichen Entwicklung und einer schrittweisen Liberalisierung vor allem ab Beginn des 20. Jahrhunderts nahm der Anteil der Aktiengesellschaft in Deutschland kontinuierlich zu. Die Assecuranz-Compagnie war zu diesem Zeitpunkt jedoch schon Geschichte. Die Gesellschaft war nur 117 Jahre – unter wechselnden Namen – in Hamburg tätig, 1881 gab sie das Geschäft auf.

Heute sind von den wirtschaftlich bedeutenden Versicherungsunternehmen, die unter Aufsicht des Bundes stehen, mehr als die Hälfte als Aktiengesellschaft organisiert. Ihr Marktanteil liegt bei mehr als 80 Prozent. Die große Bedeutung der AGs erklärt sich auch damit, dass viele Versicherungsgruppen aus dem öffentlichen und dem genossenschaftlichen Sektor die Flexibilität dieser Rechtsform nutzen. Beispielsweise indem sie sich unter dem Dach einer Holding organisieren, ohne dass dadurch ihr öffentlicher oder genossenschaftlicher Charakter verloren geht. Mehr denn je gilt also auch heute: Vielfalt ist Trumpf.

Text: Dennis Schmidt-Bordemann

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