Frauen und Alters­vor­sorge: Teil 1

Früh anfan­gen

Finanzielle Unabhängigkeit ist Frauen sehr wichtig. Die meisten verdienen ihr eigenes Geld und sorgen selbstständig für das Alter vor. Entscheidend beim Vermögensaufbau ist vor allem ein früher Start und Durchhaltevermögen. Das gilt für Frauen besonders. Denn sie haben mit besonderen Herausforderungen zu kämpfen.

Wenn Bianca Kindler Frauen früher zum Gespräch empfing, dann hatte die Finanzberaterin meist eine eindringliche Botschaft: Macht endlich was für eure private Altersvorsorge! Inzwischen, so berichtet die Geschäftsführerin von der Finanzberatung das finanzkontor, müsste sie nicht mehr daran erinnern. Viele Kundinnen hätten dies verinnerlicht. „Das Bewusstsein, etwas für das Alter tun zu müssen, ist deutlich gestiegen“, sagt Kindler.

Ihre Einschätzung zeigt, wie das Selbstvertrauen der Frauen gewachsen ist. Finanzielle Unabhängigkeit hat für sie mittlerweile einen ähnlich hohen Stellenwert wie für Männer, wie die Studie „Generation Mitte“ 2013 ergab. Darum sorgen sie auch privat vor. Die Basis schafft vor allem der eigene Verdienst. Noch nie waren so viele Frauen in Deutschland erwerbstätig wie heute, und auch der Anteil der arbeitenden Mütter war noch nie so hoch. Gerade für viele junge Frauen gehört der Beruf zu einem erfüllten Leben dazu.

Frauen haben es bei der Altersvorsorge schwerer

Trotzdem haben sie es schwerer, ihren Ruhestand finanziell abzusichern. Sie haben eine höhere Lebenserwartung als Männer und müssen folglich länger mit ihren Ersparnissen auskommen. Gleichzeitig erwerben sie während ihres Berufslebens geringere Ansprüche aus der gesetzlichen Rente, die die wichtigste Einkommensquelle im Alter ist. Denn sie verdienen im Schnitt weniger als Männer, unterbrechen häufiger ihren Job oder arbeiten verkürzt. Denn es sind meistens die Frauen, die den schwierigen Spagat zwischen Beruf und Familie meistern. „Wenn es darum geht, wer die Kinder betreut oder die Eltern pflegt, steckt oft die Frau zurück“, sagt Constanze Hintze, Geschäftsführerin der Finanzberatung Svea Kuschel + Kolleginnen in München. Während von den Vätern mit einem Kind unter drei Jahren 80 Prozent arbeiten, sind es bei den Müttern nur knapp ein Drittel.

Männer sind keine Altersvorsorge

Andere alte Rollenbilder gelten hingegen nicht mehr, etwa das vom Vorsorgemodell Ehe. „Männer sind keine Altersvorsorge“, sagt Elke Weiskittel, Geschäftsführerin der Versicherungs- und Finanzberatung FrauenFinanzService in Hannover. Auch ihre Erwerbsbiographien seien immer häufiger von Brüchen geprägt. Ohnehin heiraten Paare heute viel später, und fast 40 Prozent der Ehen gehen im Verlauf von 25 Jahren wieder in die Brüche. Nicht zuletzt sorgt das 2008 geänderte Unterhaltsrecht dafür, dass die Heirat kein finanzielles Ruhekissen mehr bedeutet. Auch darum sorgen immer mehr Frauen privat vor. 72 Prozent der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen haben heute eine Riester-Rente oder eine betriebliche Altersvorsorge. Das heißt aber auch: Noch immer legen knapp 30 Prozent nichts für das Alter beiseite. Laut Hintze haben einige noch immer Berührungsängste, sich mit dem Thema Geld auseinanderzusetzen. Und – auch das belegen Umfragen: Viele machen sich erst relativ spät Gedanken über ihre Altersvorsorge. Damit verschenken sie wertvolle Zeit.

Früher Start entscheidend

Denn ein früher Start ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für den langfristigen Vermögensaufbau – das gilt vor allem für Menschen, die wenig verdienen oder im Lauf ihres Lebens mit Verdienstausfällen rechnen. „Ich rate Frauen, so früh wie möglich mit der Altersvorsorge anzufangen“, sagt Weiskittel. Auch wenn der finanzielle Spielraum begrenzt sei, sollte die Altersvorsorge nicht vergessen werden. „Frauen sollten selbst mit kleinen Beiträgen sparen und sich darauf einstellen, dass sie ein Leben lang etwas machen müssen“, so Weiskittel. Das gilt auch für die Phasen, in denen Frauen wegen der Kindererziehung beruflich kürzer treten. „Leider wird die Altersvorsorge oft gestrichen, wenn die Kinder da sind. Das ist fatal“, sagt Weiskittel. Frauen, die Teilzeit arbeiten, müssen ohnehin schon Einbußen bei der gesetzlichen Rente oder der betrieblichen Altersversorgung hinnehmen. „Deshalb sollte die private Altersvorsorge so gut es geht aufrechterhalten werden“, appelliert Kindler.

Partner sollte sich an Altersvorsorge beteiligen

Auch mit Unterstützung des Partners. „Die Teilzeit der Mutter wegen der Kinderbetreuung ist ein gemeinsames Projekt. Und genauso sollte die Altersvorsorge der Frau als gemeinsames Projekt verstanden werden“, argumentiert Hintze. Elke Weiskittel sieht es ähnlich: „Der Verdienst des Mannes sollte als Familieneinkommen betrachtet werden, von dem ein Teil für die Absicherung der Frau da ist und nicht nur für das nächste Auto.“ Die Expertin weiß aus vielen Gesprächen mit Kunden, dass das Thema Geld in vielen Beziehungen zu Streit führt. Dennoch empfiehlt sie Frauen, offensiv für ihre Belange zu kämpfen. Finanzexpertin Hintze sieht jedoch auch das weibliche Geschlecht in der Pflicht: „Mein Appell lautet, die Phasen der Teilzeit nicht zu lange auszuweiten.“ Denn heute wechseln nur 20 Prozent der Mütter von Teilzeit langfristig wieder in eine Vollzeitstelle. 80 Prozent hingegen beschränken sich – freiwillig oder unfreiwillig – auf Teilzeitarbeit und haben entsprechend schlechtere Voraussetzungen, für das Alter vorzusorgen.

Text: Karsten Röbisch

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