Schwer­punkt Big Data

Droht das Ende der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft?

Verhaltensdaten erlauben noch individuellere Prämien. Kritiker sehen darin eine Aufgabe des Solidaritätsgedankens und befürchten, dass sich viele Menschen künftig keine Versicherung mehr leisten können. Branchenvertreter halten die Ängste für überzogen. Von Dennis Schmidt-Bordemann

Der Versicherer sitzt bei einigen deutschen Autofahrern schon heute gewissermaßen auf dem Beifahrersitz. Denn auch hierzulande bieten Unternehmen sogenannte Telematiktarife an. Kleine Boxen registrieren das Fahrverhalten und übertragen die Infos an einen Dienstleister, der daraus einen Punktwert ermittelt und diesen an den Versicherer weiterleitet. Wer sicher fährt, wird am Ende mit niedrigeren Prämien belohnt.

Die Angebote zeigen, wie Versicherungstarife immer individueller kalkuliert werden können. Möglich machen es neue Geräte, die das Kundenverhalten permanent erfassen. Und das nicht nur beim Autofahren. So messen Fitness-Apps oder Armbänder beispielsweise den Gesundheitszustand des Nutzers, und diese Informationen könnten für Lebensversicherer ebenfalls von Interesse sein. Verwenden viele Kunden solche Geräte, könnten sich bestimmte Gesundheitsrisiken noch besser bestimmen lassen. Und am Ende gäbe es vielleicht einen Bonus für gesundheitsbewusstes Verhalten.

Sorge vor Zerfall der Versichertengemeinschaft

Verbraucherschützer sehen die Entwicklung mit Sorge. Sie befürchten den Zerfall des Versichertenkollektivs. Gesundheitsbewusste Menschen würden mit niedrigen Prämien belohnt, Menschen mit größeren Risiken müssten hingegen mehr bezahlen – oder fielen gar ganz durch das Raster. „Wenn wirklich das Risiko jedes Einzelnen bewertet wird, dann teilen wir die Risiken nicht mehr“, sagt die Vorsitzende des deutschen Ethikrates, Christiane Woopen.

Achim Regenauer, Chief Medical Officer der Munich Re, hält solche Sorgen für übertrieben. Dass man Krankheits- oder Todesrisiken mittels Big Data in Zukunft exakt bestimmen könne, sei ein Irrglaube. „Wenn das stimmen würde, dann müssten auch die Lottozahlen vorhersagbar sein“, erklärt er. Der Zufall ist nie zu bändigen, es gibt zu viele Faktoren, von denen der Eintritt eines Ereignisses abhängt. Somit bleibt der Ausgleich in der Versichertengemeinschaft entscheidend für die Risikoabsicherung. Auch Guido Bader von der Stuttgarter Versicherungsgruppe hält die Ängste für überzogen. „Unterschiedliche Risiken unterschiedlich zu bewerten – das war schon immer Teil des Versicherungsgeschäfts.“ Und das müsse auch so sein. „Denn wer spürt, dass er zu viel zahlt, versichert sich sonst woanders – oder gleich gar nicht“, so Bader.

Individualisierte Tarife gibt es schon lange

In der Tat sind individualisierte Tarife kein neues Phänomen. Bereits seit dem 17. Jahrhundert wird in der Risikolebensversicherung die Prämie nach Altersgruppen gestaffelt. Der Risikoausgleich in der Gemeinschaft funktioniert trotzdem – über alle Altersgruppen hinweg. Durch Big Data bekommt das Thema jedoch eine neue Dimension. Die Versicherer sind deshalb derzeit sehr damit beschäftigt, das richtige Gleichgewicht zwischen Kollektiv und Differenzierung zu erarbeiten. Bader ist zuversichtlich, dass sie einen Weg finden. „Auf die Differenzierung der Kollektive folgt oft auch eine Differenzierung der Produkte“, sagt er.

In der Geschichte der Versicherungswirtschaft hat ein Mehr an Daten oft dazu geführt, dass sich nicht weniger, sondern mehr Menschen versichern konnten. Ein Beispiel dafür ist die Versicherungsmedizin: Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat die Forschung große Fortschritte gemacht, immer mehr Informationen wurden erfasst und analysiert. „Durch das Datenwachstum der letzten hundert Jahre wurden Risiken immer besser abschätzbar“, betont Regenauer. Und damit stieg auch das Produktangebot. So wurde aus der Risikolebensversicherung, die lange nur den Gesunden und Wohlhabenden vorbehalten war, eine Versicherung für die breite Bevölkerung. „Während in den 1930er-Jahren noch 40 Prozent der Antragsteller bei der Risikolebensversicherung wegen eines Krankheitsbildes abgelehnt wurden, sind es heute nur noch ein bis zwei Prozent“, sagt der Versicherungsmediziner. Selbst HIV-Infizierte hätten heutzutage unter bestimmten Bedingungen die Möglichkeit, eine solche Versicherung abzuschließen.

 

Mehr Versicherte dank Big Data

Von der Fülle an neuen Informationen durch Big Data erhofft sich Regenauer eine ähnliche Entwicklung. „Je mehr Daten wir bekommen, desto besser können wir ein Risiko abschätzen.“ Big Data könnte somit dabei helfen, die Versichertengemeinschaft insgesamt zu erweitern.

Der Trend zur stärkeren Aufteilung der Versichertenkollektive ist international jedenfalls schon in vollem Gange, wie eine Befragung der Beratungsgesellschaft Oliver Wyman unter 200 Versicherern weltweit zeigt. „Darauf fokussieren sich derzeit sehr viele Unternehmen“, so Wyman-Berater Dietmar Kottmann. Durch die stärkere Nutzung von Verhaltensdaten könnten die Preise deutlich optimiert werden. Bei deutschen Unternehmen sieht Kottmann noch Vorbehalte. „Das ist auch eine Frage der Kultur“, sagt er. Doch auch hierzulande hat die Sache längst Fahrt aufgenommen – im wahrsten Sinne des Wortes.

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