Die schönste Ver­si­che­rungs­sa­che der Welt

Das zweite Leben der ers­ten Gorch Fock

Vor 100 Jahren starb Gorch Fock, der „Dichter der Nordsee“. Im gleichnamigen Segelschulschiff der Marine lebt die Erinnerung an ihn fort. Das Schwesterschiff ist weniger bekannt, aber mindestens ebenso interessant – und wohl die aufregendste Versicherungssache in Stralsund. Von Volker Kühn

Am Anfang stehen zwei Katastrophen. Die erste ereignet sich vor fast genau 100 Jahren, am 31. Mai 1916. Im Skagerrak treffen die Kaiserliche Marine und die Royal Navy in der größten Seeschlacht des Ersten Weltkriegs aufeinander. Einen Sieger gibt es nicht, aber viele Tote auf beiden Seiten. Unter ihnen ist der 35-jährige Ausguck Johann Kinau, besser bekannt unter dem Pseudonym, unter dem er im zivilen Leben Romane verfasst: Gorch Fock.
Die zweite Katastrophe ist natürlicher Ursache: Am 26. Juli 1932 versenkt eine Weiße Bö, ein plötzlicher extremer Fallwind, die „Niobe“, das Segelschulschiff der Reichsmarine. 69 Menschen ertrinken.

Schwesterschiffe werden auf Kiel gelegt

Nicht mal ein Jahr später, im Mai 1933, läuft bei Blohm & Voss in Hamburg ihr Nachfolger vom Stapel, eine stolze Dreimastbark mit elegant geschwungener Reling und etwas arrogant gerecktem Bugspriet. Getauft wird das neue Schulschiff der Marine auf den Namen jenes Mannes, dessen Tod in den Fluten des Skagerrak seinen Ruhm als „Dichter der Nordsee“ begründen: Gorch Fock.

Die „Gorch Fock“ verfügt über so ausgezeichnete Segeleigenschaften, dass bald Schwesterschiffe auf Kiel gelegt werden. Sechs Barken entstehen bis 1958, fünf existieren noch heute, das berühmteste ist die „Gorch Fock II“, auf dem die Bundesmarine noch heute Kadetten ausbildet.

Versicherungssumme: 500.000 Euro

Die „Gorch Fock I“ liegt inzwischen im Stralsunder Stadthafen vor Anker. Mit einer Länge von mehr als 82 Metern und dem weiß glänzenden Stahlrumpf ist sie nicht nur das unbestritten schönste Schiff, sondern auch die aufregendste Versicherungssache weit und breit. Auf gut eine halbe Million Euro beläuft sich die Versicherungssumme nach Angaben von Wulf Marquard, dessen Verein Tall-Ship Friends das Schiff im Jahr 2003 von der Ukraine gekauft hat. Versichert ist „Gorch Fock I“ als Schiffs-„Stilllieger“, auch die maschinellen Einrichtungen und Zubehör inklusive einer möglichen Wrackbergung. Zudem hat der Verein eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen.

Marquard, ein früherer Elektromaschinenbauer, der auch mit Mitte 70 noch eine fast jugendliche Begeisterungsfähigkeit besitzt, hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die „Gorch Fock“ wieder flott zu machen. Denn das Schicksal meinte es nicht immer gut mit dem Schiff.

Von den Nazis versenkt, von den Sowjets gehoben

1945 versenkten es die Deutschen, damit es nicht der Roten Armee in die Hände fiele. Die Sowjets bargen das Schiff später und tauften es auf den Namen „Towarischtsch“, was übersetzt „Genosse“ heißt. Nach dem Zerfall der UdSSR ging das Schiff an die Ukraine, die sich den Betrieb aber nicht leisten konnte. Seeuntüchtig kam es schließlich nach Stralsund, wo es inzwischen als Museum und als Kulisse für Trauungen dient.

Irgendwann, hofft Marquard, wird es wieder in See stechen. Noch fehlen dazu einige Millionen Euro, die der Verein Tall-Ship Friends durch Eintrittsgelder und Spenden aufbringen will. Dann aber könnte es wie sein berühmtes Schwesternschiff wieder hart am Wind segeln.

Das übrigens ist nicht versichert, wie alle Marineschiffe. Sollte es Schaden nehmen, haftet der Bund.

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