Film­ver­si­che­rung

„Einen Dreh­tag nach­ho­len kann schnell 80.000 Euro kos­ten“

Deutschlands größtes Filmfestival, die Berlinale, steht vor der Tür. Die rund 400 Filme sind längst abgedreht. Doch bei jedem vierten Film ist wahrscheinlich etwas schiefgegangen, glaubt Robert von Bennigsen von der Deutschen Filmversicherungsgemeinschaft DFG. Im Interview auf GDV.de erzählt er, was beim Dreh die größten Risiken sind, wie der Wechsel von der Filmrolle zum Datenträger die Versicherung verändert und warum das Winterfell von Robben schon mal zum Versicherungsfall führen kann.

Herr von Bennigsen, auf der Berlinale werden über 400 Filme gezeigt. Was glauben Sie – ist bei den Drehs alles glatt gelaufen?
Robert von Bennigsen: Die Wahrscheinlichkeit, dass bei 400 Filmen gar nichts passiert, geht meiner Erfahrung nach gegen Null. Ich würde schätzen, dass bei 400 Filmen bestimmt in über 100 Fällen eine Versicherung einen Schaden regulieren musste. Das müssen ja nicht jedes Mal gleich Millionen-Beträge sein, weil der berühmte Hauptdarsteller ausfällt. Es kann auch einfach nur mal eine Kamera umfallen.

Was sind denn die häufigsten Versicherungsfälle bei der Produktion von Filmen?
von Bennigsen: Am häufigsten sind die Medienhaftpflicht-Schäden. Wenn die Produktionsgesellschaft zum Beispiel in einer privaten Wohnung dreht und mit einer schweren Requisite den Fußboden zerkratzt. Oder wenn im denkmalgeschützten Schloss die Beleuchtung zu nah an den Vorhängen steht und diese anfangen zu brennen. Hier sind Großschäden zwar seltener, aber selbst wenn durch sowas das ganze Schloss abbrennt, ist die Produktionsgesellschaft versichert.

Und welche Schäden sind die teuersten?
von Bennigsen: Teuer und zudem sogar relativ häufig sind Verzögerungen oder Drehausfall durch die Krankheit oder Unfälle der Darsteller. Das ist das mit Abstand größte Risiko. Gerade Verzögerungen können sehr teuer werden. Einen Drehtag nachzuholen kann schnell 80.000 Euro oder mehr kosten. Wenn der Hauptdarsteller eigentlich schon wieder den nächsten Film drehen müsste, dann muss die Versicherung ihn aus dem Engagement herauskaufen, damit der letzte Film fertiggestellt werden kann. Relativ selten aber dafür ebenfalls sehr teuer, sind Schäden am Filmmaterial in der Postproduktion. Wenn beim Umwandeln vom Filmnegativ ins Positiv kurz vor der Vervielfältigung die Originalrolle beschädigt wird, dann müssen unter Umständen ganze Drehtage nachgeholt werden. Da hilft die Digitalisierung schon sehr, für uns das Risiko und für die Filmproduzenten die Versicherungsprämien zu reduzieren.

Mittlerweile werden Filme zunehmend digital gedreht. Hat der Wechsel von der Filmrolle zum Datenträger hier etwas verändert?
von Bennigsen: Auch hier kann es trotz obligatorischer Datensicherung ja zu Schäden kommen, weil beispielsweise bei der digitalen Aufnahme ganze Szenen weg sind. Der Datenverlust ist dann quasi wie ein Darstellerausfall: Die Szenen müssen nachgedreht werden mit all dem Aufwand, den das mit sich bringt. Das fällt dann aber in den Bereich der Bild- und Datenträgerversicherung. Was das digitale Filmzeitalter mit Sicherheit auch verändert hat, ist, dass leider immer mehr Filme noch vor der Premiere im Internet geleaked werden, wenn zum Beispiel in einer der Kinoketten ein Mitarbeiter die Filme schon vorher ins Netz stellt und der Kinobetreiber keine ausreichenden Schutzmaßnahmen dagegen ergriffen hat. Hier könnte ich mir eine Schadenersatz-Klage der Produzenten durchaus vorstellen. So etwas wäre künftig als Cyberrisk-Deckungselement für Kinoketten, Verleiher oder Produzenten sinnvoll.

Ein Actionspektakel ist aber für die Versicherung sicher etwas anderes als ein Kammerspiel. Wie kalkulieren Sie die Versicherungsprämie?
von Bennigsen: Die Prämien liegen bei Kinoproduktionen bei rund 0,8 bis 1,2 Prozent der gesamten Produktionskosten. Wie hoch genau, bemisst sich dann natürlich an den Details. Als Versicherer schauen wir uns dann an, was überhaupt gedreht werden soll. Wie viele Personen gehören zur Besetzung? Wir schauen auf die einzelnen Schauspieler. Und wenn dann noch Extremstunts im Drehbuch stehen, dann wird es eher teurer als günstiger. Ein Faktor, der auch zu höheren Prämien führen kann, sind Szenen am Wasser. Wenn Sie da nur eine halbe Stunde Pause machen und es zieht eine Wolke auf, dann haben sie gleich ganz anderes Licht und die Wasserfarbe im vorherigen Material passt überhaupt nicht mehr zu den anderen Szenen. Das kann dann zu erheblichen Kosten führen, wenn hier zusätzliche Drehtage benötigt werden.

Was war ihr schrägster Fall?
von Bennigsen: Da gibt es einige: Wir hatten einmal eine amerikanische Schauspielerin, die für einen Film nur im Wasser zu drehen hatte. Trotz Schwimmphobie hatte sie die Rolle angenommen. Unsere Ärztin hat ihr diese psychische Erkrankung tatsächlich attestiert – deshalb haben wir die Verzögerung durch die Suche nach einer neuen Schauspielerin ohne Schwimmphobie übernommen. Oder die Robbe mit dem Winterfell: die Produktionsgesellschaft hat uns die Erkrankung des tierischen Hauptdarstellers gemeldet. Die Robbe war aber gar nicht wirklich krank. Durch die heißen Scheinwerfer fing sie aber an, ihr Winterfell zu verlieren, wodurch sie immer wieder anders aussah. Auch da wurden die Dreharbeiten unterbrochen und wir haben gezahlt.

Interview: Henning Engelage

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