Frauen und Alters­vor­sorge: Teil 6

"Arbeit der Frauen ist unter­be­wer­tet"

Frauen haben es noch immer schwerer als Männer, für eine gute Altersabsicherung zu sorgen. Auf einer Fachveranstaltung in Berlin diskutierten Experten über Möglichkeiten, die Lage zu verbessern. Das Fazit: Zu ändern gibt es vieles – doch nicht alles kann die Politik beeinflussen.

Wenn es um die Altersabsicherung von Frauen geht, fällt die Analyse recht leicht. Dazu gibt es viele Statistiken, die zu einem klaren Schluss kommen: Frauen sind noch immer stark benachteiligt. Sie verdienen im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer; und in Kombination mit Jobpausen oder Teilzeitarbeit – vor allem wegen Kinderbetreuung – wächst die Lücke bis zum Rentenalter zu einer gewaltigen Kluft. „Frauen kommen nur auf 40 Prozent des Alterssicherungseinkommens von Männern. Das ist das eigentliche Drama“, sagte Uta Meier-Gräwe, Professorin für Frauenforschung an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Ihr Befund markierte den Anfang einer Diskussion zum Thema Altersvorsorge und Frauen am Donnerstag in Berlin, die vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) organisiert wurde. Daran nahmen Politiker, Gewerkschafter und Finanzexperten teil. Und schnell wurde klar: So leicht die Analyse über die Beschäftigungs- und Vorsorgesituation der Frauen fällt, so komplex und vielschichtig ist die Suche nach Lösungen, um die Lage zu verbessern. Denn dabei geht es nicht nur um neue Gesetze, sondern auch um neue Normen und Verhaltensweisen.

Wichtigstes Ziel: Höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen

Dringlichste Aufgabe – darin waren sich alle einig – muss es sein, Frauen noch stärker in Beschäftigung zu bringen. „Wir müssen die Frage der Altersvorsorge von Frauen mit der Frage nach ihrer besseren Integration in den Arbeitsmarkt verknüpfen“, betonte Jana Schimke, CDU-Bundestagsabgeordnete und Mitglied im Ausschuss Arbeit und Soziales. Denn nur der eigene Verdienst sichert Ansprüche aus der gesetzlichen Rente und schafft überhaupt die Basis für die private und betriebliche Altersvorsorge. Zwar waren noch nie so viele Frauen erwerbstätig wie heute. Häufig gingen sie jedoch einer geringfügigen Beschäftigung nach oder arbeiteten in Teilzeit, kritisierte Meier-Gräwe, die einen Abbau der Subventionen für den Niedriglohnsektor forderte. Laut Judith Kerschbaumer, Leiterin für Sozialpolitik bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, sind mit dem Ausbau des Niedriglohnsektors viele Vollzeitarbeitsplätze verdrängt worden. In einigen Branchen, etwa dem Handel, hätten Frauen oft keine Wahlfreiheit mehr. „Ganz viele müssen einfach in Teilzeit arbeiten“, sagte Kerschbaumer.

Politik und Wirtschaft in der Pflicht

Ohnehin ist Mehrarbeit für Frauen oft keine Frage des Wollens, sondern des Könnens. Meier-Gräwe rief die Politik dazu auf, für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu sorgen, etwa durch den Ausbau der Betreuungsplätze. Sie sieht zugleich die Wirtschaft gefordert, Müttern bessere Karrierechancen einzuräumen. „Angesichts des drohenden Fachkräftemangels sollten die Unternehmen schon aus Eigeninteresse für mehr Bewegung sorgen“, sagte Meier-Gräwe. GDV-Präsident Alexander Erdland räumte ein, dass es Frauen oft noch schwer hätten, beruflich voranzukommen, vor allem wenn sie Teilzeit arbeiteten. „Das zu ändern ist Aufgabe für die Wirtschaft.“ Dabei nahm er die Versicherungsbranche nicht aus. Zwar sei schon viel passiert, der Wandel müsse aber noch schneller gehen, forderte Erdland. Mit einer stärkeren Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt ist es jedoch nicht getan: „Wir brauchen auch eine deutliche Aufwertung von typischen Frauenberufen“, sagte Meier-Gräwe. Frauen verdienen vor allem deshalb weniger als Männer, weil sie öfter in Dienstleistungsbranchen wie der Kranken- oder Altenpflege arbeiten, in denen die Löhne niedriger sind. „Wir haben eine dramatische Unterbewertung der von Frauen geleisteten Arbeit“, sagte Markus Kurth, der rentenpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. Werde diese nicht aufgelöst, werde sich auch an den unterschiedlichen Rentenansprüchen von Männern und Frauen nichts ändern.

Umverteilung von Geld und Zeit

Kurth sprach von einem nötigen „Verteilungskampf“ zwischen den Geschlechtern. Dabei gehe es nicht nur um Geld, sondern auch um Zeit. Viele Frauen arbeiteten nach der Geburt des Kindes weniger als sie wollten, Väter hingegen oft mehr, obwohl sie gern mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen würden. Statt in einem Verhältnis von 20 zu 40 könnten Frau und Mann jeweils 30 Stunden arbeiten – was am ehesten ihren Wünschen entsprechen würde. „Dazu müssen wir aber zu einem neuen Verständnis von einem Normalarbeitsverhältnis kommen“, sagte Kurth. Politisch verordnen lasse sich dies jedoch nicht. 
Direkten Einfluss hat die Politik dagegen bei der Ausgestaltung der betrieblichen oder privaten Altersvorsorge. Auch dort sind Verbesserungen für Frauen möglich: Sie erwerben etwa deutlich niedrigere Anwartschaften bei der betrieblichen Altersvorsorge als Männer – und das nicht nur, weil sie weniger verdienen, sondern weil sie auch seltener mitmachen. Kerschbaumer von Verdi begründete dies auch mit den schlechten Rahmenbedingungen: „Ein großes Hindernis ist die spätere Anrechnung der Rente an die Grundsicherung.“ Frauen mit geringem Einkommen hätten so keinen Anreiz, in die betriebliche Altersvorsorge einzusteigen.

Riester-Förderung ausbauen

GDV-Präsident Erdland appellierte zudem an die Politik, die Rahmenbedingungen für die Riester-Rente trotz aller Kritik an dem Produkt zu verbessern. „Die geförderte Vorsorge ist ein wichtiger Baustein, gerade für Mütter mit geringen Einkommen.“ Zwei Drittel aller Zulagen kämen Frauen zugute, so Erdland. Er sieht aber auch die Versicherer in der Verantwortung: „Wir müssen weiter an den Kosten arbeiten und die Produkte noch einfacher und attraktiver machen.“ Finanzberaterin Helma Sick nahm in der Debatte auch die Frauen in die Pflicht. Noch immer gebe es viele, die sich kaum Gedanken über ihre Altersabsicherung machten und sich auf ihren Partner verlassen würden. „Ich treffe auf Frauen, die reduzieren für ihren Mann bereitwillig die Arbeitszeit, obwohl noch nicht einmal Kinder da sind. Das geht gar nicht.“ Vielen seien nicht einmal die Folgen des geänderten Unterhaltsrechts bekannt, das für Frauen eine deutliche Verschlechterung bedeutet. „Die Frauen müssen sich deshalb mehr kümmern“, forderte Sick.

Ehegatten-Splitting zementiert klassisches Versorgermodell

Zum Abschluss wandte sie sich noch an die Politik mit der Forderung, im Steuerrecht das Ehegatten-Splitting abzuschaffen, mit dem das tradierte Versorgermodell zementiert werde. „In keinem anderen Land in Europa gibt es das noch.“ Wenn man mehr Frauen in Beschäftigung bringen wollte, sei das Ehegatten-Splitting geradezu kontraproduktiv, betonte Sick und verwies auf das Beispiel Schweden. Dort wurde das Steuerprivileg für Verheiratete 1972 abgeschafft. „Danach hat sich die Erwerbsbeteiligung der Frauen deutlich erhöht“, so die Finanzexpertin. 

Text: Karsten Röbisch

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