Kli­ma­fol­genan­pas­sung

„Die Anpas­sung an die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels muss unser aller Han­deln bestim­men“

Es mangelt es nicht an guten Worten und hehren Zielen für den Klimaschutz – bei der Umsetzung hapert es aber gewaltig. So liefert auch der Weltklimarat aktuell erschreckende Prognosen.

Im Juni legte der Gesetzgeber mit dem Klimaschutzgesetz Vorgaben für Emissionsminderungen ab 2031 fest. Aus Sicht des Bundesverfassungsgerichts griff das alte Gesetz von 2019 zu kurz, den Richtern ging es im Kern um die Einbeziehung der Rechte zukünftiger Generationen in die heutige Politik.

„Der #Klimawandel ist in Deutschland angekommen“, twittert Bundesumweltministerin Svenja Schulze, als sie Mitte Juli das ganze Ausmaß der Flutkatastrophe in vielen Teilen Deutschlands sieht. „Die Ereignisse zeigen, mit welcher Wucht die Folgen des Klimawandels uns alle treffen können und wie wichtig es ist, sich künftig noch besser auf solche Extremwetter-Ereignisse einzustellen.“

Und nun das: Die Erde wird sich bei der derzeitigen Entwicklung bereits gegen 2030 um 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter erwärmt haben – und damit zehn Jahre früher als noch im Jahr 2018 prognostiziert. Dies geht aus dem Bericht des Weltklimarats IPCC hervor, der gerade veröffentlicht wurde.

Das sind erschreckende Aussichten. Zweifellos: Der Zukunftsplan für die Welt kommt ohne Klimaschutz nicht mehr aus. Das Thema dominiert auch den laufenden Bundes-Wahlkampf, nicht zuletzt die katastrophalen Starkregen-Folgen in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Bayern haben die Aufmerksamkeit für dieses Thema erhöht.

Jene Klimaveränderungen, die wir heute beobachten, sind nicht das Ergebnis aktueller Emissionen: Sie sind ein Erbe der Vergangenheit. Die Versicherungsbranche fordert deshalb zum Umdenken auf, sonst setzt sich eine Spirale aus weiteren Katastrophen und steigenden Schäden in Gang.

Neben der Eindämmung der Klimakrise muss auch die Abschätzung der Folgen des Klimawandels ganz nach oben auf die Agenda. Ohne Vorsorge geht nichts mehr. Dabei mangelt es nicht an guten Worten und hehren Zielen. Bei der Umsetzung hapert es aber gewaltig. Die Anpassung an die Folgen des Klimawandels muss Tag für Tag unser aller Handeln bestimmen, zum Mainstream werden.

1 Million Tote durch Naturkatastrophen seit 1980

Denn: Die jährlichen Schäden durch Wetterkatastrophen wie Hurrikane, Hagelschläge oder Waldbrände erreichen nach Einschätzung des Rückversicherers Munich Re weltweit oft dreistellige Milliardensummen. Indirekte Schäden – etwa unterbrochene Lieferketten, verlorene Ernten oder Kreditausfälle von Banken – kommen noch hinzu. Alles in allem taxiert Munich Re die Schäden wetterbedingter Naturkatastrophen seit 1980 so auf rund 4.200 Milliarden US-Dollar, beinahe eine Million Menschen kamen demnach ums Leben.

Wenn steigende Meeresspiegel und Temperaturen, Überflutungen, Hagelschlag oder Stürme den Besitz, die wirtschaftliche Existenz und gar das Leben bedrohen, muss mehr geschehen – und zwar heute. Je später wir beginnen, desto größer wird der volkswirtschaftliche Schaden in der Zukunft: Jüngste wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass der derzeit wahrscheinlichste Temperaturanstieg global etwa 2,0 bis 2,6 Grad Celsius bis Mitte des Jahrhunderts beträgt. Nach einer Studie der Swiss Re würde das globale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Szenario bis 2050 – verglichen mit einer Welt ohne Klimawandel - immerhin zwischen 11 und 14 Prozent sinken. Werden die Pariser Klimaziele erreicht, sinkt das BIP trotzdem, allerdings nur um gut vier Prozent. Festgelegt wurde im Pariser Abkommen eine Begrenzung der Erwärmung des Weltklimas auf deutlich unter zwei Grad Celsius.

Ohne Aufklärung kein Bewusstsein für das Risiko

Wir brauchen internationale Anstrengungen, um die Klimaziele zu erreichen. Doch Klimafolgenanpassung ist eine nationale, ja zum Teil regionale Aufgabe. Und sie kommt vielerorts zu kurz. Noch immer wird in Überschwemmungsgebieten gebaut, stauen sich auf kommunaler Ebene Investitionen für klimaangepasste Infrastruktur und werden Flächen ungehindert versiegelt. Dieser Flächenfraß hatte zeitweise in Deutschland das Ausmaß von immerhin rund 90 Fußballfeldern – pro Tag. Der überwiegende Teil der Bebauungspläne in unserem Land wurde etwa zu einer Zeit beschlossen, als viele wissenschaftliche Erkenntnisse zu Extremwetterlagen und Klimawandel noch nicht vorlagen.

Aufklärung und Prävention sind das A und O, um künftige Schäden in Grenzen zu halten und Elementarrisiken versichern zu können. Versicherer tun alles dafür, Menschen über Gefahren von Extremwetterereignissen zu informieren. Wie in anderen Ländern auch, muss der deutsche Staat die vorhandenen Informationen zu Naturgefahren bündeln und der Öffentlichkeit in einem einzigen Online-System zugänglich machen. Versicherer fordern deshalb ein bundesweites Naturgefahrenportal mit begleitenden Informationskampagnen. Standortgenaue Informationen über Gefährdungen durch Hochwasser, Starkregen, Blitz und Überspannung sowie Sturm und Hagel sollten in der digitalen Gesellschaft selbstverständlich sein.

Unsere Branche legt sich bei der Suche nach neuen Wegen zur nachhaltigen Absicherung von Naturgefahrenrisiken keine Denkverbote auf. Das Beispiel Flutschäden zeigt: Versicherern kommt eine wichtige volkswirtschaftliche Aufgabe zu. Zuverlässig leisten sie Jahr für Jahr Milliarden für die Schäden von Naturgefahren, sichern bedrohte Existenzen und halten die Wirtschaft am Laufen. Auf Basis risikogerechter Beiträge, die Anreize zur Vermeidung von Fehlverhalten setzen und somit teuren Schadenfällen vorbeugen.

Eine Versicherung gegen Elementarschäden kann und muss auf einem privatwirtschaftlichen und risikobasierten Fundament stehen. Denn Risiken bekommen erst durch Versicherer ein klares Preisschild. Erst dieses Preisschild schafft die Grundlagen für eine nachhaltige und differenzierte Klimafolgenanpassung. Es zeigt unverblümt die Folgen unserer Entscheidungen auf. Positiv wie negativ.

Was wir Versicherer tun

Wir reklamieren und fordern nicht nur, sondern stellen uns auch als Branche aktiv der Klimafrage. Wir leisten einen signifikanten Beitrag für ein klimaneutrales Europa bis 2050.

  1. Im Einklang mit dem Pariser Abkommen will die Branche die Kapitalanlagen sukzessive auf die dort vereinbarten Klimaziele ausrichten: Bis 2050 streben Versicherer die Treibhausgasneutralität der Kapitalanlagen an; bereits bis 2025 und dann fortlaufend sollen CO2-Reduktionen in den Portfolios realisiert werden.
  2. Versicherer werden langfristig keine gewerblichen und industriellen Risiken mehr ins Portefeuille nehmen, wenn ihre Kunden und Geschäftspartner keine eigenen Anstrengungen hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft unternehmen. Gleichzeitig versichern sie innovative, klimaschonende Technologien, die ohne Versicherungsschutz nicht in Betrieb gehen dürften.
  3. Bei der Behebung von Schäden werden immer mehr nachhaltige Lösungen zum Einsatz kommen – Konzepte wie „building back better“, „Reparatur statt Tausch“ weisen dabei den Weg.
  4. Bis 2025 wollen Versicherer mindestens in ihren deutschen Liegenschaften klimaneutral arbeiten.

Nur wenn wir diese Aufgabe angehen und alle Akteure in ein Gesamtkonzept einbeziehen, werden wir die volkswirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels schultern können. Alle wissen: das wird nicht leicht, das wird nicht preiswert. Untätig zu bleiben, wird unsere Volkswirtschaft jedoch noch viel mehr belasten. Das kann sich unsere Generation nicht leisten – und die kommenden Generationen schon gar nicht mehr.

Dieser Beitrag erschien am 12. August 2021 zuerst im Versicherungsmonitor.

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