Positionen-Magazin
Ver­si­che­rung von mor­gen

Wie deut­sche Ver­si­che­rer auf Insur­techs aus China und dem Val­ley rea­gie­ren

Techkonzerne aus den USA und Fernost wollen den Versicherungsmarkt umwälzen. Auch hiesige Anbieter treiben die digitale Revolution voran: Mit neuen Angeboten, eigenen Labs - und Kooperationen mit Start-ups.

Viele Start-up-Gründer sagen: „Ich will die Welt verändern.“ Christian Wiens sagt: „Ich will mit Ende 50 nicht den Schrank voller Leitz-Ordner haben, auf denen ‚Versicherung‘ steht.“ Den Anblick kennt er von seinen Eltern, selbstständige Unternehmer. „Meine Reaktion war: Das kann doch nicht sein, da muss es einen besseren Weg geben“, sagt Wiens.

110 Millionen Euro Kapital: Ein deutsches Start-up springt in die Weltspitze

Diesen Weg will er gefunden haben: Wiens ist Mitgründer von Getsafe, einem der ersten komplett digitalen Versicherungsvermittler auf dem deutschen Markt. Antragstellung, Vertragsabschluss, Schadensregulierung: Alles läuft per App und Chatbot. Zielgruppe ist die Kundengeneration, die jetzt ihre ersten Versicherungen abschließt. Haftpflicht, Hausrat Fahrrad, schnell auf dem Smartphone zusammengeklickt. Was da auf dem kleinen Screen beginnt, soll eine Beziehung fürs Leben werden, die irgendwann alle Bereiche erfasst, inklusive Kranken- und Lebensversicherung. Ganz ohne Leitz-Ordner. 

Getsafe ist eines der bekanntesten deutschen Insurtechs, wie Start-ups aus der Versicherungsbranche genannt werden. Ihr Anspruch: schneller, zeitgemäßer und näher am Kunden zu sein als die großen Versicherungskonzerne. Doch dass damit die digitale Revolution eine weitere Branche radikal verändert, ist keinesfalls ausgemacht. Zwar klingen viele Werbeclaims der Insurtechs nach Kampfansagen, doch tatsächlich geht der Trend eher in Richtung Kooperation. Die deutschen Versicherer suchen die Nähe zu den Innovatoren, die das umsetzen, was in einigen Konzernen nur langsam vorangeht: Digitalisierung und radikale Orientierung an den veränderten Kundenbedürfnissen.

Als Zeichen der Macht hat sich Ping An einen 599 Meter hohen Wolkenkratzer gebaut

Die Angriffe, gegen die sich die Branche vor allem rüstet, kommen jedoch aus dem Ausland: Pioniere wie die US-Insurtechs Lemonade und Metromile (siehe Interview mit Dan Preston) pflegen eine aggressivere Rhetorik und versprechen, die Haftpflicht- oder Kfz-Versicherung neu zu erfinden. Google und Amazon werden seit Jahren Ambitionen nachgesagt, ins Versicherungsgeschäft einzusteigen. Und dann sind da die neuen Akteure aus einem Land, in dem man sich mit Leitz-Ordnern gar nicht erst aufhält: China.

Bis in die 1990er-Jahre spielten private Versicherer in der Volksrepublik keine Rolle. Doch seit dem Wechsel von der alten Plan- zur staatlich gelenkten Marktwirtschaft ist nichts mehr wie früher. Unternehmen wie der inzwischen weltweit wertvollste Versicherer Ping An entstanden, der sich als Zeichen seiner Macht den vierthöchsten Wolkenkratzer der Welt gebaut hat, das 599 Meter hohe Ping An International Finance Center. Von Anfang an orientierte sich der 1988 in Shenzhen gegründete Konzern an dem, was technologisch möglich ist. Mehr als 20.000 Technologie-Entwickler und 500 Datenwissenschaftler sollen hier arbeiten, Ping An gilt bei der Gesichts-und Stimmenerkennung, bei Blockchain sowie dem Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) für Vorhersage und Management von Schadenrisiken weltweit als mitführend.

„Das sind Firmen, die 10.000 Verträge pro Sekunde policieren“, sagt Robin Kiera, der mit seiner Beratungsfirma Digital Scouting den Markt beobachtet. „Aufgrund der schieren Größe Chinas haben die eine derartige Skalierung, das können wir uns in Deutschland gar nicht vorstellen.“

Versicherungshistorie, Patientenakten – alles existiert nur noch digital

Inzwischen expandiert Ping An auch international. In Deutschland haben sich die Chinesen über ihren Investment-Arm an der Berliner Finanz-Start-up-Fabrik Finleap beteiligt, über die eine Tochtergesellschaft künftig Technologiedienstleistungen anbieten will. Künstliche Intelligenz (KI), Blockchain, Cloud Computing, Biometrie: Die Kompetenzen der Chinesen lesen sich wie ein Wunschzettel vieler deutschen Versicherer. Nach Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums nutzen derzeit nur 16 Prozent von ihnen Big-Data-Lösungen, acht Prozent arbeiten mit KI.

„Jeder, mit dem ich in der Branche spreche, weiß, was gerade passiert, und versteht auch die Zukunft der Industrie“, sagt Julian Teicke, Gründer des größten deutschen Insurtechs Wefox. Vielfach machten es aber über Jahrzehnte gewachsene Strukturen schwierig, Veränderungen voranzutreiben. Die Branche durchlebe einen Kulturwandel, sagt Sebastian Pitzler, Leiter des Kölner Inkubators InsurLab Germany, bei dem Start-ups und Versicherer gemeinsame Pilotprojekte entwickeln. „Traditionell sind deutsche Versicherer eher zahlengetrieben und risikoavers. Aber wir sind heute schon deutlich weiter als noch vor ein paar Jahren, die Experimentierfreude wächst.“
Die chinesischen Konzerne haben diese Phase längst hinter sich gelassen. Good Doctor, die Gesundheitstochter von Ping An, hat das erklärte Ziel, das größte Gesundheitsökosystem der Welt aufzubauen. Das Konzept: Jeder Versicherte hat rund um die Uhr Zugang zu ärztlicher Versorgung, die Versicherung vermittelt die Patienten KI-gesteuert an Ärzte und Kliniken, die gerade Kapazitäten haben. Versicherungshistorie, Patientenakten – alles existiert nur noch digital.

Laut dem Börsenprospekt hat Good Doctor bereits heute 193 Millionen registrierte Nutzer, landesweit beteiligen sich 50 Kliniken am virtuellen Krankenhaus des Versicherers. Der Erstkontakt kann dabei ganz ohne Personal erfolgen: Good Doctor baut Gesundheitskioske, in die sich Versicherte hineinsetzen, um einem Robodoktor ihre Symptome zu schildern. Das KI-System vermittelt sie dann an Ärzte oder Kliniken weiter und hält auch ein Sortiment häufig verschriebener Medikamente zur sofortigen Ausgabe bereit.


Nicht nur in Deutschland, auch global kooperieren Versicherer und Insurtechs

Auch in Deutschland werden Versicherte in Zukunft ein einfacheres, digitaleres Kundenerlebnis erwarten, glaubt InsurLab-Chef Pitzler. Deshalb arbeitet der Inkubator gemeinsam mit Versicherern und Start-ups aktuell am Einsatz von KI im Kundenkontakt, dem Einsatz von Industrie-4.0-Technologie in der Schadenabwicklung sowie am Aufbau digitaler Ökosysteme.

Nicht nur in Deutschland, auch global stehen die Zeichen auf Kooperation. Mehr als drei Viertel der traditionellen Versicherer versprächen sich von Insurtechs bessere Kundenerfahrungen, schreibt die Unternehmensberatung Capgemini im „World Insurtech Report 2018“. Rund die Hälfte erhoffe sich zudem eine schnellere Produktentwicklung und neue digitale Fähigkeiten, gut ein Drittel mehr Effizienz und neue Erlösquellen.

In Deutschland zählt der „Insurtech-Radar 2019“ der Beratung Oliver Wyman und von Policen Direkt 134 Insurtechs. 30 haben im vergangenen Jahr jedoch schon wieder aufgegeben, 16 weitere ihre Geschäftsmodelle angepasst. Zu Letzteren zählt auch Getsafe. Das Start-up war als virtueller Versicherungsmakler gestartet, hat diesen Teil des Geschäfts aber inzwischen an das Vergleichsportal Verivox verkauft. Als sogenannter Assekuradeur – ein Unternehmen, das zwar keine eigene Versicherungslizenz besitzt, aber eigene Produkte mithilfe von Deckungsgebern im Hintergrund anbietet – schloss Getsafe anschließend eine Finanzierungsrunde über 15 Millionen Euro ab. Sogar 110 Millionen hat der Rivale Wefox eingesammelt, womit das Unternehmen zu den zehn am stärksten kapitalisierten Insurtechs der Welt zählt. Hauptinvestor ist der Staatsfonds von Abu Dhabi, dazu kommen prominente US-Namen wie Salesforce Ventures und Sound Ventures, die Investmentfirma des Schauspielers Ashton Kutcher.

Fast alle namhaften Insurtechs haben etablierte Versicherer als Partner. Munich Re beliefert Getsafe und andere mit Versicherungsprodukten, die Allianz finanziert über ihre Tochter AllianzX das deutsche Insurtech Simplesurance und das US-Start-up Lemonade mit, das gerade nach Deutschland expandiert. Die Gothaer hat eine Digital-GmbH für die Entwicklung von Innovationen gegründet, die R+V arbeitet mit dem Insurtech NECT an einem KI-basierten System, mit dem sich Kunden per Selfie rechtssicher identifizieren können. Es gibt aber auch Insurtechs, die dank einer eigenen Versicherungslizenz ganz auf eigenen Füßen stehen. Einige solcher Startups sind Mitglieder des GDV geworden.

Auch konkrete Produkte gibt es bereits: So hat die Axa-Einheit Transactional Business die Wegbegleiter-App WayGuard entwickelt, die Kunden einen sicheren Heimweg ermöglichen soll. Ein Callcenter hält Kontakt über das Smartphone, hat jederzeit die GPS-Position des Versicherten im Blick und kann im Notfall Hilfe rufen. Fahrradfahrer können ein Rücklicht mit Crash-Sensor kaufen, das bei Unfällen über das Smartphone einen Notruf absetzt. „Wenn Versicherer im Leben ihrer Kunden relevant bleiben wollen, müssen sie besser verstehen, welche Bedürfnisse und Wünsche sie haben“, sagt Albert Dahmen, Leiter von Axa Transactional Business. „Versicherer müssen im Kundenalltag präsenter sein und das Gefühl von Sicherheit vermitteln.“

Über Angebote wie WayGuard werden Versicherer zu Partnern im Alltag. Als Pionier auf diesem Feld gilt Lemonade. Das US-Insurtech sorgte 2016 mit seiner App-basierten Haftpflichtversicherung für Aufsehen, die Verträge und Schadensfälle binnen Sekunden abwickelt. Dahinter, erklärte CEO Daniel Schreiber, stehe eine neue Versicherungsmathematik, die auf verhaltensökonomischer Forschung beruhe. Schadens- und Betrugswahrscheinlichkeiten berechne Lemonade nicht auf Basis von Statistiken, sondern mit Livedaten aus der Nutzung der App – etwa aus der Zeit, die Neukunden in die Lektüre der Geschäftsbedingungen investieren. Wer nur durchblättert, ist eher kein guter Kunde. Ob das ein nachhaltiges Geschäft garantieren kann, muss Schreiber aber noch beweisen. Viele Experten sind skeptisch.

Kunden wollen keinen Versicherungsvertrag, sondern das Gefühl von Sicherheit im Alltag

Dennoch: Die Analyse von Verhaltensmustern gilt in vielen Insurtechs als vielsprechend. Es sei „etwas komplett Neues“, das Verhalten eines Kunden im Schadensfall drei Monate davor und am Tag danach beobachten zu können, sagt Getsafe-Gründer Wiens. „Wir sehen, für welche Versicherungen sich Kunden interessieren und welche sie schon haben. Diese Verhaltensmuster haben erstaunlich hohe Korrelationen zu Themen wie Versicherungsbetrug.“ Um solche Daten zu gewinnen, sei jedoch regelmäßiger Kundenkontakt nötig, der vielen Versicherern heute fehle.

Und die Menge an Daten wächst täglich. Sie stammen aus Smart Speakern wie Amazons Echo, aus Trackern wie der Apple Watch oder aus GPS-Sensoren im Smartphone. „Wir sind jetzt in die dritte Phase der großen Datenrevolution eingetreten“, sagt Teicke. „Die Geräte um uns herum sammeln und teilen Daten mit den Techunternehmen, die gar nicht mehr durch unser Bewusstsein gehen.“

Auch Teickes Onlineversicherung One nutzt die GPS-Daten von Kunden, die dem zugestimmt haben. „Wobei wir keine Rohdaten sehen, wir haben einen Intermediär dazwischengeschaltet“, sagt der Gründer. Aus den Daten könne man aber beispielsweise ableiten, dass sich ein Kunde gerade am Flughafen befinde. „Dann können wir ihn fragen, ob er noch schnell eine Auslandskrankenversicherung abschließen will.“ Langfristig soll One zum Sicherheitspartner in allen Lebenslagen werden: „Wenn Sie in Kapstadt kurz davor sind, durch eine gefährliche Gegend zu laufen, könnten wir Ihnen eine sichere Route vorschlagen oder für die nächsten 30 Minuten eine Diebstahlschutzversicherung dazuschalten.“


Für die Versicherer bedeutet die Technologie auch einen Wandel im Selbstverständnis: „Die Kunden wollen eigentlich keinen Versicherungsvertrag“, sagt Axa-Manager Dahmen. „Sie möchten das Gefühl von Sicherheit in dem Lebensbereich, den sie schützen wollen.“

Individualisierte Angebote für alle Lebenslagen – wer könnte die besser anbieten als die großen US-Datenkonzerne? Viele hatten eine Offensive von Google oder Apple auf dem Versicherungsmarkt erwartet, doch die ist bisher ausgeblieben. Aus seinem Engagement beim US-Vergleichsportal Compare hat sich Google wieder zurückgezogen. Am ehesten trauen Experten Amazon zu, die Assekuranz herauszufordern. Schon heute vermittelt der Konzern Versicherungen für bei ihm gekaufte Produkte, zudem hat er eine Krankenversicherung für seine Angestellten gegründet. Angeblich gibt es eine interne Arbeitsgruppe mit Codenamen „1492“ sowie ein Büro in London, das 100 Versicherungsfachleute eingestellt haben soll.

Insurtechs haben es in Deutschland schwer: Die Kunden sind hier zurückhaltender

Amazon ist nicht nur wegen seiner Kapitalkraft gefürchtet, sondern auch bekannt für seine Forschungsstärke – und dafür, Kunden besser zu verstehen als andere. Aus dem Kauf- und Suchverhalten lassen sich ganze Lebensläufe ableiten. In den USA darf Amazons elektronische Haushaltsdame Alexa inzwischen sogar vertrauliche Patientendaten und medizinische Messwerte verarbeiten. Und über die eingebauten Mikrofone im Smart Speaker Echo sollen eines Tages Atemwegserkrankungen, Herzinfarkte, sogar psychologische Analysen identifizierbar sein.

Fragt sich nur: Wollen die Kunden das auch? „Es gibt eine gewisse Schwankung in der Offenheit für stark datengetriebene Anwendungen“, sagt Emanuel Issagholian, Geschäftsführer der Gothaer Digital GmbH. „Zum Teil ist diese abhängig vom Alter. Aber grundsätzlich finden wir die Offenen und nicht Offenen in allen Altersklassen.“ Weltweit können sich laut Capgeminis „World Insurance Report“ fast 30 Prozent der Menschen vorstellen, von Techkonzernen Versicherungen zu kaufen. Bei der jüngeren Generation ist die Bereitschaft höher, aber auch hier überwiegt die Skepsis. Deutschland, da stimmen auch die Onlinepioniere zu, ist immer noch ein eher klassischer Markt. „Ich sehe nicht, dass der Makler überflüssig wird“, sagt Wefox-Gründer Teicke. Selbst wenn Teile seiner Arbeit ein Algorithmus übernehme, brauche es einen Menschen, um ein Bewusstsein für Risiken zu schaffen und dem Kunden im Schadenfall zur Seite zu stehen. „Diese Bereiche werden noch lange in menschlicher Hand bleiben.“

Der starke Vertrieb gilt als einer der größten Vorteile der etablierten Anbieter gegenüber den Insurtechs. „Alle Studien zeigen, dass der überwiegende Teil immer noch lieber den persönlichen Kontakt zum Berater hat, bevor er eine Versicherung abschließt“, sagt Emanuel Issagholian von Gothaer Digital. „Wir müssen uns nicht nur in den Digitaleinheiten, sondern in der gesamten Organisation mit der Frage auseinandersetzen: Wie sieht das Versicherungsgeschäftsmodell der Zukunft aus?“


„Bei Themen wie KI und Big Data stoßen wir ständig auf regulatorische Hürden oder Unklarheiten“

Welche Produkte werden benötigt? Wie individualisiert, wie datengetrieben kann es auf dem deutschen Versicherungsmarkt zugehen? Anders als in den USA oder in Asien sind hierzulande nicht nur die Kunden skeptischer, sondern auch die Behörden: „Bei Themen wie KI und Big Data stoßen wir ständig auf regulatorische Hürden oder Unklarheiten“, sagt Issagholian. „Aber ich bin froh darüber, dass Datenschutz in unserer Gesellschaft großgeschrieben wird. Das ist der deutlich nachhaltigere Weg.“

Ob die regulatorischen Anforderungen neue Anbieter behindern, ist umstritten. Auffällig ist aber, dass auch ein Gigant wie Ping An sich nur mithilfe deutscher Partner auf den hiesigen Markt wagt. „Die Versicherungsaufsicht bei uns ist sehr anspruchsvoll“, sagt InsurLab-Chef Pitzler, „schauen Sie sich nur mal die Vorgaben der BaFin oder von Solvency II an. Das macht auch ein Konzern wie Amazon nicht mal eben nebenbei.“

Für Julian Teicke besteht die Herausforderung für die Regulierung darin, Regeln zu schaffen „für eine Welt, in der die Kunden alles teilen“. Das ist nicht nur für die Versicherer neu, auch für die Menschen. Viele, sagt Getsafe-Gründer Wiens, denken bei Versicherungen eben immer noch an den Leitz-Ordner. An Papier. An Dinge zum Anfassen. „Aber eine Versicherung ist nur ein Algorithmus. Kein anderes Produkt ist so digital.“


Text: Georg Dahm

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